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Aus der Stadt Klaus Timaeus: Seit 50 Jahren im Rathaus Hannover
Hannover Aus der Stadt Klaus Timaeus: Seit 50 Jahren im Rathaus Hannover
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21:39 15.04.2009
Von Gunnar Menkens
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Klaus Timaeus Quelle: Christian Burkert
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Der Schutt vom Zweiten Weltkrieg war noch nicht lange beiseitegeräumt, da betrat nach acht Jahren Volksschule am 1. April 1959 der Verwaltungslehrling Klaus Timaeus das Rathaus am Trammplatz. Der Schüler war gut im Lesen, Schreiben, Rechnen, Organisieren, und die Berufsberaterin empfahl: Verwaltung, das wäre was, besser nichts mit Handwerk. Und als der 14-Jährige tatsächlich genommen wurde, waren die Eltern ungemein stolz auf ihren Sohn. „Der Junge ist im Rathaus“, hieß es seither in der Familie, denn im Rathaus zu arbeiten, das galt etwas für Leute aus kleinen Verhältnissen. Timaeus’ Ziel blieb bescheiden. Bis zum Hauptsekretär wollte er es einmal bringen, „die hatten schon Namensschilder an den Türen“, er gab sich dafür Zeit bis zum 50.Lebensjahr.

Ein halbes Jahrhundert arbeitet Timaeus inzwischen im Rathaus, heute leitet er das Büro des Oberbürgermeisters und den Fachbereich Sport und Eventmanagement – eine Ausdauerleistung, wie es sie in Zukunft kaum noch geben wird, ob in Verwaltung oder Unternehmen. Timaeus hat sich durch die Bürokratie gearbeitet. Er prüfte Rechnungen im Rechnungsprüfungsamt, er gab Führerscheine aus in der Führerscheinstelle, er beschäftigte Arbeitslose im Arbeitslosenstützpunkt, er wurde vorgeschickt von seinen Chefs, um aufgebrachten Eltern die neue Orientierungsstufe zu erklären. Es waren Lehr- und Wanderjahre, Timaeus legte sie auf den Fluren zurück mit seinen schnellen kurzen Schritten, als müsse er aus jeder Minute das Maximum zwingen. Timaeus auf einem Liegestuhl ist kaum vorstellbar.

Der Lohn waren nicht allein Namensschildern an Türen, die bald zu ihm führten. Der Sozialdemokrat konservativen Typs, als 18-Jähriger trat er der SPD bei, was einer Karriere im Rathaus jedenfalls nicht schadet, erlebte Stadtgeschichte in der ersten Reihe. Im November 1989 war er es, der die ersten DDR-Bürger in Hannover empfing. Ein Zufall damals, der zu einem vier Jahre langen Aufbau Ost in Leipzig führte. In der Partnerstadt lehrten Hannoveraner Kollegen, wie eine Verwaltung funktioniert.

Timaeus saß in seinem zuvor von Abhörtechnik befreiten Büro und konnte tun, was er wollte. „Keine Dienstvorschriften, nur ein Haushaltsposten, man konnte schnell entscheiden und schnell machen.“ Montags lief er manchmal bei Demonstrationen mit und half mit, das Ende der DDR zu beschleunigen. Der schnelle Dienstweg war die Art zu arbeiten, die ihm mehr liegt, als sich durch die Anhäufung von Vermerken der eigenen Existenz zu versichern. Sie hat ihm oft genutzt. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft organisierte Timaeus das Rahmenprogramm der Spiele, die Fanmeile und das stimmungsvolle Public Viewing zählt er zu den Höhepunkten seiner Arbeit. Stolz lief er damals durchs Rathaus und war selbst einflussreich: Er hatte Tickets für die Spiele. Bei all den Festen in Hannover, im Kontakt zu Sportvereinen, wenn es gilt, Aktionen gegen Rechtsextremisten zu organisieren: Ein Anruf, ein Gespräch, eine Vereinbarung, das ist der Stil von Timaeus.

Eine Eigenschaft, die sehr nützlich ist, wenn man als Büroleiter schon drei Verwaltungschefs diente, „das hat es in Deutschland wohl noch nicht gegeben“, sagt Timaeus. Er interpretierte diese Position nahe der Macht häufig als Pilotfisch. Kratzte es die vorgesetzten Oberhaie irgendwo, war Timaeus erste Wahl, das Unwohlsein zu beseitigen. Er organisierte Mehrheiten auf SPD-Parteitagen, kümmerte sich um personelle wie sachliche Unannehmlichkeiten im Rathaus und führte im Auftrag Gespräche, um Lagen zu sondieren. Timaeus ist jederzeit zu einem Lachen bereit, aber man soll sich nicht täuschen: Die dunkle Seite des Rathauses ist ihm vertraut.

Wenn jemand 50 Jahre seinen Arbeitsplatz durch immer dieselbe Tür betritt, handelt es sich dann um Bodenständigkeit oder Mangel an Gelegenheiten? Timaeus hätte Verwaltungschef in Neustrelitz werden können und Personaldezernent in Hoyerswerda. Er blieb bei Frau und Haus in Hannover. Im nächsten Jahr könnte er in Pension gehen. Oberbürgermeister Stephan Weil hat ihn schon gebeten, noch einige Zeit dranzuhängen. Timaeus wird es tun. Der Junge darf im Rathaus bleiben.

Daniel Behrendt 15.04.2009
Juliane Kaune 15.04.2009