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Aus der Stadt Kleiderkammer wird gut angenommen
Hannover Aus der Stadt Kleiderkammer wird gut angenommen
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20:37 01.03.2015
Von Gunnar Menkens
„Es gibt gute Sachen und nicht so gute“: Ibrahim Elsamadi aus Algier deckt sich mit gespendeter Kleidung ein. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Hannover

Oststadtkrankenhaus, jetzt Flüchtlingsunterkunft, Kleiderkammer auf dem Flur. In kleinen Grüppchen kommen Männer und Frauen herein, damit es nicht zu voll wird. Die anderen müssen sich vor der Tür gedulden. Drinnen betrachten sie T-Shirts und Pullover, legen verworfene Stücke ins Regal zurück, probieren neue Dinge an, halten Kleider an den Körper. Vier Wochen arbeitet Ingrid Erbeck hier, ehrenamtlich natürlich, aber schnell hat sie gemerkt, wie gut es ihr gefällt. „Ich bin so ein Aufräumer vor dem Herrn“, sagt sie fröhlich, „das ist genau meine Baustelle.“ Also sortiert sie ordentlich zurück, was nicht ganz korrekt liegt. Zwischendurch hat sie eine Idee, dann fällt ihr ein Stück auf und ein Herr in der Nähe, der womöglich der passende Mensch dafür wäre. „Hier, Mister, wie wäre es mit diesem schwarzen T-Shirt?“ In diesem Fall: Nein, das wäre nichts.

Seit Dezember Flüchtlingsunterkunft

Das frühere Oststadtkrankenhaus ist seit Dezember Hannovers größte Unterkunft für Flüchtlinge. 350 Menschen wohnen hier, der überwiegende Teil sind Männer zwischen 19 und 30 Jahren. Ein paar Wochen noch, dann sind alle 550 Plätze auf den Etagen belegt. Die Hilfe der Bürger lässt nicht zu wünschen übrig. Paulina Andrzejewska leitet das Haus für das Deutsche Rote Kreuz. Sie sagt, man könne zwar nicht alle Stücke gebrauchen, denn auch die Flüchtlinge wollen sich so modisch kleiden, wie sie es zuhause getan haben. Bestände aus Schränken älterer Herren und verwitweter Damen sind deshalb nicht die Renner in der Kleiderkammer. Sneakers statt Lederschuhe, Jeans und Kapuzenpullover statt Hemden und Jacketts, darum geht es.

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Dennoch: Mangel gibt es weiterhin. Flüchtlinge haben viel Zeit, aber wenig Geld, 327 Euro bekommt jeder pro Monat. Sportbekleidung, Joggingsachen, Fußballschuhe, daran fehlt es. Gerade in den kommenden Monaten, wenn Frühling und Sommer beginnen und draußen vor der Unterkunft ein Sportplatz hergerichtet wird - für den fehlen noch Fußballtore und auch Bälle. „Und große Töpfe“, sagt Paulina Andrzejewska noch, von fünf Liter Volumen an aufwärts, weil viel gemeinsam gekocht wird.

Rucksäcke fehlen

Es muss eine merkwürdige Welt sein für Menschen, die Not und Elend entkommen sind. Remzi Rexhepi, 25 Jahre alt, ist aus dem Kosovo geflohen. „Es war ein Albtraum“, sagt er. Polizisten, die sie an Grenzen nur gegen Bestechungsgeld ziehen ließen, manche wurden geschlagen. Rexhepi zog weiter nach Deutschland, wo er eine Zeit lang bereits als kleiner Junge lebte, in Rüdesheim, nachdem er mit seiner Familie dem Balkankrieg entkommen konnte. Seitdem spricht er gutes Deutsch. Er war bisher noch nicht in der Kleiderkammer, seine sportlichen Klamotten genügten ihm bislang. Dann hat er doch etwas gefunden, ein Hemd und ein Paar Schuhe.

Die Kammer ist in diesen Tagen gut gefüllt. Kinderschuhe finden sich hier, Spielzeug, Kleidung in unterschiedlichen Größen, es ist gut sortiert, aber es gibt Momente, da muss man wirklich schnell sein. Man lebt hier nicht am Buffet im All-inclusive-Urlaub, wo Gedrängel herrscht, obwohl doch immer nachgelegt wird. Als einmal fünf Paar Damenturnschuhe in poppigen Farben neu im Regal standen, waren sie in einer Stunde weg. Was noch fehlt, hat Ingrid Erbeck beobachtet: „Rucksäcke.“

Keine Resterampe für Sperrmüll

Einige Stunden pro Woche ist die Kleiderkammer geöffnet. Helfer vom Roten Kreuz nehmen die Dinge an, wenn Spender vorbeikommen (sie sollten sich vorher anmelden), aber sie betonen auch, dass sie keine Resterampe für Sperrmüll sind.

Das frühere Oststadtkrankenhaus ist auch für Ibrahim Elsamadi, einem 38 Jahre alten Algerier, vorläufig das neue zuhause. Seine Flucht führte ihn über Libyen und Italien nach Deutschland. Algerien sei kein Rechtsstaat, Menschen würden unterdrückt. Elsamadi spricht hervorragend Deutsch, weil er in seiner Heimat Touristen in Hotels betreute. Hier macht er Sport, hilft in der Unterkunft als Dolmetscher, und er liest viel, um seine Sprachkenntnisse zu verbessern. „In Deutschland als Dolmetscher zu arbeiten ist mein Traum. Ich hoffe, er geht in Erfüllung.“ Er ist zufrieden mit dem, was er erst einmal hat. Die Kleiderkammer? „Normal. Gibt gute Sachen und nicht so gute.“

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