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Aus der Stadt Klinik Bad Münder wird zum Pflegefall
Hannover Aus der Stadt Klinik Bad Münder wird zum Pflegefall
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00:31 24.04.2015
Jetzt machen sich die Mitarbeiter der Awo Gesundheitsdienste gGmbH (Awo GSD) Sorgen um sich selbst.
Jetzt machen sich die Mitarbeiter der Awo Gesundheitsdienste gGmbH (Awo GSD) Sorgen um sich selbst. Quelle: von Ditfurth
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Hannover

Am Dienstag wurde am Klinikstandort in Bad Münder die Belegschaft über den Fortgang in der Situation informiert. Immerhin: Für drei Monate, so wurde den Mitarbeitern gestern mitgeteilt, ist ihr Gehalt garantiert.

Betriebsrätin Ute Giesecke fasst die Stimmung der Belegschaft zusammen: „Es gibt einen immensen Vertrauensverlust in die alte Geschäftsführung. Vertrauensbildende Maßnahmen sind von Oktober bis zum heutigen Tag nicht eingeleitet worden.“ Damals habe die Geschäftsführerin Magdalene Günther von einer „Finanzdelle“ gesprochen. Aus heutiger Sicht eine Fehldiagnose.

Am Montagmorgen war das schmerzhaft klar geworden. In der „Bankenrunde“, es war die dritte binnen einer Woche, wurde endgültig ein Strich gezogen. Ein weiterer Überbrückungskredit? Abgelehnt. Einige in der Runde, so wird erzählt, wären wohl bereit gewesen, noch einmal die Augen zuzudrücken und den Verkaufs- und Sanierungsplänen der drei überschuldeten Krankenhäuser zuzustimmen. Doch eine der Gläubigerbanken legte sich quer. Mittags hatte die Awo Gesundheitsdienste, ein hundertprozentiges Tochterunternehmen des Awo-Bezirksverbands Hannover, einen Antrag auf eine sogenannte Planinsolvenz eingereicht. Gestern wurde der Antrag genehmigt. Und nun?

„Hoffen bis August auf positive Prognose“

Rainer Eckert ist Insolvenzverwalter und jetzt Geschäftsführer in der Awo GSD.

Herr Eckert, Sie sind jetzt seit Donnerstag in der Geschäftsführung des Unternehmens. Können Sie schon sagen, ob Fehler gemacht wurden?
Es ist sicherlich zu früh für abschließende Bewertungen. Fest steht aber, dass der gesamte Krankenhausmarkt von strukturellen Problemen betreffen ist, auch in der Region Hannover. Diese Probleme betroffen nicht nur die Awo-Kliniken, sind aber sicherlich auch Ursache dafür, dass jetzt ein Sanierungsprogramm nötig wird.
Was sind das konkret für strukturelle Probleme?
Auch Ihre Zeitung berichtet ja häufig darüber: Im Krankenhausmarkt gibt es Überkapazitäten, die dazu führen, dass einige Dienstleistungen doppelt angeboten werden. Darüber hinaus macht die finanzielle Ausstattung durch die
Kostenträger die Situation für nahezu alle Anbieter schwierig. In diesem Umfeld bewegen sich auch die Probleme der Awo-Krankenhäuser.
Heute haben Sie die Mitarbeiter der Deister-Süntel-Klinik in Bad Münder über die neue Situation informiert. Wie war aus Ihrer Sicht die Stimmung?
Natürlich gibt es Verunsicherung in der Mitarbeiterschaft und sehr viele Fragen. Insgesamt aber wurde es sehr positiv aufgenommen, dass die Mitarbeiter sofort informiert wurden. Und wir konnten immerhin die Botschaft übermitteln, dass Löhne und Gehälter für mindestens drei Monate gesichert sind.
Wagen Sie eine Prognose, bis wann die Awo-Gesundheitsdienste sich wieder in ruhigem Fahrwasser befinden?
Das wäre zum jetzigen Zeitpunkt sicherlich nicht seriös. Wir haben die Hoffnung, dass mit der Eröffnung des Hauptverfahrens voraussichtlich im August eine positive Prognose für die drei Gesellschaften möglich ist.

Für viele dürfte die Rolle der traditionsreichen Arbeiterwohlfahrt als Klinikträger neu sein. Der Sozialverband betreut Kinder, berät Schuldner und pflegt alte Menschen. Er betreibt Frauenhäuser und Sozialkaufhäuser und kann auf das Engagement vieler Ehrenamtlichen setzen. Auch die Gesundheitssparte hat eine lange Geschichte, aber sie stand selten im Scheinwerferlicht.

„Unser Konzept beinhaltet kleine und feine gesundheitliche Netzwerke“, sagt Awo-Bezirkschefin Kerstin Tack. „Vom Wellnessangebot mit Schwimmbad und Mucki-Bude, über die Reha-Klinik bis zum Akutkrankenhaus.“ 1994 gründete der Bezirksverband die Awo Gesundheitsdienste, um im verschärften Wettbewerb auf dem Gesundheitsmarkt „die interdisziplinären Abläufe zu optimieren“. Die Ausgründung von Dienstleistungen in eigenständige Unternehmen im Sozialbereich war gerade in Mode gekommen. Tack, im Hauptberuf SPD-Bundestagsabgeordnete, war damals noch nicht dabei.

Die kleinen und feinen Zentren, auf die man lange Zeit stolz war, liegen ein, zwei Autostunden entfernt von Hannover. Die Deister-Süntel-Klinik in Bad Münder mit Fitness-Park und Therapieeinrichtungen beschäftigt mittlerweile 450 Mitarbeiter und ist damit einer der größten Arbeitgeber am Ort. In Hann. Münden wird gerade mit 34 Millionen Euro vom Land ein neuer Klinikkomplex gebaut, in den nach Fertigstellung im nächsten Jahr das Nephrologische Zentrum Niedersachsen (NZN) der Awo GSD ziehen wird. Bereits vor vielen Jahren hat sich der Verband auf Nierenerkrankungen spezialisiert. Neben dem NZN gehören fünf Dialysezentren – unter anderem in Linden – zum hannoverschen Unternehmen.

Diese Spezialisierung, so heißt es jetzt, ist einer der Gründe für den Absturz der Awo-Tochter. Im Zuge des Transplantationsskandals sank bundesweit die Bereitschaft, Organe zu spenden. Mangels Spendernieren verzeichnete das NZN wie die meisten Transplantationszentren immer weniger Patienten. 2012 wurden noch 120 Nieren transplantiert. 2014 waren es 60.

Dies ließe sich vielleicht eine Zeitlang finanziell verkraften. Allerdings gibt es einen zweiten Standort, an dem Betten des Öfteren leer bleiben. 2012 hat die Awo GSD das Krankenhaus Hann. Münden (KHM) von einem kirchlichen Betreiber erworben. Der Kaufpreis war eher symbolisch, denn das Haus stand vor der Insolvenz. Im nächsten Jahr soll der Betrieb ebenso wie das NZN in den neuen Klinikkomplex wechseln. Um vier Jahre bis zum Umzug zu überbrücken, wäre ein Konzept vonnöten gewesen. Dies gab es wohl nicht.

Ein weiterer Grund: Bei den Krankenkassen liegen Rechnungen der drei Kliniken in zweistelliger Millionenhöhe, die noch nicht bezahlt wurden. Die Höhe sei ungewöhnlich, heiß es in Kreisen der Gewerkschaft. Einige vermuten, dass die Abrechnungsabteilung der Häuser, die Diagnosen codiert, schlecht arbeitet. Auch im Sanierungsgutachten, das PrinceWaterhouseCoopers im Auftrag der Banken anfertigte, ist von Managementfehlern die Rede.  

Viele werfen der Unternehmensspitze vor, noch im November die finanzielle Lage heruntergespielt zu haben. Die Banken halfen damals mit einem bis April befristeten Überbrückungskredit aus. Die 1000 Mitarbeiter der drei Kliniken waren bereit, ihr Weihnachtsgeld von insgesamt 1,4 Millionen Euro zu stunden. Wie viel der Awo-Bezirksverband aus der Kasse beisteuerte, ist unklar. Kerstin Tack, zugleich Aufsichtsratsvorsitzende bei Awo GSD, schweigt. Die Krise wertet sie als eine allgemeine Krise. „Fast alle Kliniken sind am Straucheln.“

Die Rettung? Ein privater Klinikkonzern wollte kaufen, heißt es. Zwei öffentliche Träger, angeblich die MHH und die Göttinger Uniklinik, sollten zudem Teile der Kliniken übernehmen. Die Banken hielten das am Montag in ihrer Gläubigerrunde für keine gute Idee.

Von Gabi Stief & Jens Rathmann

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