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Aus der Stadt Knackis verurteilen Attacke auf 15-Jährige in Hannover
Hannover Aus der Stadt Knackis verurteilen Attacke auf 15-Jährige in Hannover
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16:54 13.03.2012
Von Vivien-Marie Drews
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Hannovers Knackis haben einen offenen Brief geschrieben. Quelle: dpa
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Hannover

Es gibt Dinge, die tut man einfach nicht, das gilt selbst hinter Gefängnismauern. Für Empörung unter den Insassen der JVA Hannover sorgt derzeit ein Fall, der sich am 20. Februar in einer Stadtbahn der Linie 4 ereignete. Dort hänselten sechs Jugendliche ein 15 Jahre altes hörbehindertes Mädchen und nahmen ihr schamlos die beiden Hörgeräte im Wert von rund 3500 Euro ab. Von den Tätern fehlt noch immer jede Spur.

Mit einem offenen Brief wenden sich nun 31 in Hannover einsitzende Straftäter an die unbekannten Jugendlichen, die nicht davor zurückschreckten, ein behindertes Mädchen zu ihrem Opfer zu machen. "Wir finden eine solche Tat einfach abscheulich und möchten den ‚coolen‘ Tätern folgendes mitteilen", heißt es in dem Schreiben aus der JVA, das die HAZ-Redaktion vor einigen Tagen erreichte. "Wie würdet Ihr es finden, wenn dieses hilflose Mädchen Eure kleine Schwester gewesen wäre? Ihr solltet Euch ganz ehrlich schämen! Denkt mal über eure Zukunft nach - und ob Ihr wirklich so wenig Stolz und Ehrgefühl besitzt."

Verfasst hat das Schreiben der 40 Jahre alte Jörg Ape. Er hat zahlreiche Einbrüche begangen und sitzt bereits zum achten Mal im Gefängnis. Er fand unter den JVA-Insassen viele Mitunterzeichner, die in ihren Schreiben außerdem genau aufgeführt haben, wie viele Jahre sie jeweils schon im Gefängnis verbracht haben. "Wir haben unsere bisher verbüßte Haft mit angegeben, weil wir damit die Jugendlichen darauf aufmerksam machen wollen, wie solche Lebenswege enden", schreibt Jörg Ape in dem Brief. Knapp 20 Jahre hat er schon hinter Gittern verbracht - die Hälfte seiner bisherigen Lebenszeit.

"Wir hier drinnen sind alle keine Engel. Aber wir finden: So etwas tut man nicht", heißt es in dem handschriftlich und feinsäuberlich verfassten Schreiben. "Wir möchten die Jugendlichen erreichen, die ein hilfloses 15-jähriges Mädchen so schlimm erniedrigen, und ihnen - allein durch unseren Hintergrund - deutlich machen, dass sogar wir das ganz schlimm finden." Potentielle Täter sollten sich schon jetzt darüber Gedanken machen, "ob sie ihr Gewissen damit belasten wollen".

Die Gefängnisinsassen hinter den hohen Mauern der JVA an der Schulenburger Landstraße geben sich besorgt darüber, was draußen so vor sich geht. "Wie wir Knackis immer wieder zu lesen bekamen", schreiben sie, "scheint es inzwischen so eine Art Sport geworden zu sein, dass Jugendliche und Heranwachsende - zahlenmäßig weit überlegen - wildfremde Menschen überfallen und abziehen."

Nach der Berichterstattung über die Attacke auf das hörbehinderte Mädchen hatten sich zahlreiche Leser bei der HAZ gemeldet. Sie boten unter anderem finanzielle Hilfe an, damit die gestohlenen Hörgeräte zügig ersetzt werden können. Derzeit trägt die Schülerin ein altes Paar Hörgeräte, das sie für den Fall, dass die neuen Hörhilfen defekt sind, aufbewahrt hatte. Die Familie hofft, die neuen Geräte von der Krankenversicherung erstattet zu bekommen.

Offener Brief der Knackis
13.03.2012
Vivien-Marie Drews 13.03.2012