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Aus der Stadt Hannover muss auch mal Neues wagen
Hannover Aus der Stadt Hannover muss auch mal Neues wagen
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00:15 25.07.2017
Von Conrad von Meding
Hat Hannover Angst vor Veränderung? Quelle: Archiv
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Hannover

Ist es die Angst vor Veränderung? Oder Bequemlichkeit? Bewusstes Festhalten am Bewährten? Oder schlicht ein stures hannoversches Beharrungsvermögen? Wer in dieser Stadt etwas Neues vorschlägt, erntet meist vor allem eines: Skepsis.

Hannover versteht sich bei neuen Projekten darauf, Chancen klein- und Probleme großzureden. Egal, ob man sich um eine Weltausstellung bewirbt („Der Wohnraum wird nicht reichen!“) oder die Aegi-Brücke abreißt („Das gibt einen Verkehrskollaps!“), Schloss Herrenhausen wieder aufbauen will („Historisierende Architektur geht gar nicht!“) oder eine Surfwelle in die Leine bauen will („Der Wasserstand wird nicht reichen!“). An Einwänden mangelt es nicht. Da hat die Generation, die nach dem Krieg die Stadt wieder aufgebaut hat, anders getickt: Sie hat in die Hände gespuckt und Neues gewagt.

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Das Markthallenprojekt ist nur das aktuellste Beispiel. Freunde der hannoverschen Baukultur haben eine Idee, wie mitten in der Altstadt eine neue Attraktion geschaffen werden kann. Sie gewinnen dafür eine Hamburger Investorenfamilie, die sich im Lebensmittelhandel auskennt und Lust darauf hat, das vermutlich rund 200 Millionen Euro teure Projekt voranzutreiben. Die Rathausspitze aber gewährt nicht einmal einen Gesprächstermin.

"Der Bauch von Hannover" - Die Markthalle an der Karmarschstraße. Das waren die Pläne, die Markthalle neu zu gestalten.

Das Büro von Oberbürgermeister Stefan Schostok delegiert das Thema an Stadtbaurat Uwe Bodemann. Der leitet es weiter an Denkmalpflegechef Hans-Achim Körber. Und der wiederum bietet per Mail dem Investoren an, mit ihm über denkmalrechtliche Probleme zu reden - allerdings auch erst, nachdem die HAZ wegen des Themas in der Stadtverwaltung angefragt hat. Kein Wunder, dass man in Hamburg staunt über diese Stadt. Wohltuend war am Freitag, dass es wenigstens von den großen Ratsfraktionen das Signal gab, Macher mit solchen Ideen seien willkommen.

Natürlich gibt es beim Projekt Markthalle viele Fragen. Richtig ist, dass der Denkmalschutz der bestehenden Nachkriegshalle eine große Hürde darstellt. Richtig ist auch, dass es für den Köbelinger Markt eigentlich andere Pläne gibt als eine Markthallenerweiterung. Wobei der Rat beschlossen hat, dass dort eine Mischnutzung von Wohnen und Gewerbe angesiedelt werden soll - das deckt sich im Grundsatz mit den Plänen des Investors. Und dann darf natürlich kontrovers diskutiert werden, ob man für den Neubau eine historisierend anmutende Architektur mit Türmchen und Schnörkeln will. In einer Stadt mit bedeutender Nachkriegsarchitektur muss diese Frage immer gestellt werden. Andererseits geht es um einen Standort inmitten der Altstadt, auch wenn das derzeit kaum sichtbar ist. Jahrhundertelang haben Architekten und Bauherren mit Freude auf alte Architekturstile zurückgegriffen. Der gesamte Klassizismus und die Neogotik bestehen nur aus dem Weiterentwickeln bewährter Proportionen und Formen. Beide Stile haben in Hannover eine wichtige Tradition. Denkverbote sollte es daher nicht geben.

An den neuen Entwürfen für die Markthalle scheiden sich die Geister. Das sagen die Hannoveraner.

All diese Diskussionen können spannend sein - aber sie müssen erst einmal geführt werden. Wenn sich das Rathaus immer gleich gegen Veränderungen wehrt, versinkt diese Stadt irgendwann in Langeweile.

Saskia Döhner 22.07.2017
Bärbel Hilbig 25.07.2017
25.07.2017