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Aus der Stadt Welche Ansichten haben Hagida-Teilnehmer?
Hannover Aus der Stadt Welche Ansichten haben Hagida-Teilnehmer?
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00:16 30.01.2015
Von Gunnar Menkens
„Licht an“ als Gegenmeinung zur „Licht aus“-Protestdemonstration: Eine Teilnehmerin der Hagida-Kundgebung will sich den Mund nicht verbieten lassen. Quelle: Jörn Kießler
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Hannover

Eine Stunde noch, dann beginnt am Opernplatz die Kundgebung. Polizisten bilden Ketten, Absperrgitter überall, Beamte zu Pferde, Einsatzwagen in Seitenstraßen. Hagida hat sich angemeldet, doch linke Gegendemonstranten sind längst da. Nieselregen fällt ausdauernd. Eine Stunde noch, dann treffen im Stadtzentrum zwei Welten aufeinander, beide überzeugt, für das richtige Ziel auf die Straße zu gehen.

Darunter sind auch vier Menschen, die sich für gute und besorgte Bürger halten. Sie sind keine Neonazis, keine Krawallmacher, keine Leute, die es an Mikrofone drängt. Sie gehen zur Hagida-Demo, das zweite Mal, obwohl sie mit einiger Sicherheit vermuten können, dass unter derselben Flagge Rechtsextremisten marschieren werden.

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Großeinsatz der Polizei: Zum zweiten Mal in wenigen Wochen gingen Hagida-Anhänger Ende Januar in Hannover auf die Straße. Ein breites Bündnis protestierte gegen die umstrittene Veranstaltung.

Jürgen Kramer, 72, graue Haare, Brille, Jacke mit Schal, Berufssoldat, Hauptmann, jetzt Pensionär. CDU-Wähler, was nicht wieder vorkommen soll. Angelika Becker, 67, bis zum Ruhestand kaufmännische Angestellte bei Sprengel. Sie ist in weißem Mantel und schwarzer Baskenmütze gekommen. Der Islam macht ihr Sorge. Hagen Gotthart, 75, ist Rentner, davor Bezirksleiter bei der Gilde-Brauerei. Er glaubt, dass Recht in Deutschland zu wenig durchgesetzt wird. Eine Frau, 48, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, mit einem Job im Gesundheitswesen. Sie trägt ein selbst gemachtes Schild, „Licht an für Meinungsfreiheit“ leuchtet darauf.

Vor ein paar Monaten hörte Jürgen Kramer zum ersten Mal davon, dass in Dresden Menschen auf die Straße gehen. Er guckte genauer hin, weil er findet, dass Deutsche anders als Franzosen viel zu selten demonstrieren gegen Dinge, die falsch laufen. Die Parole im Osten, die sich gegen eine angebliche Islamisierung richtet, gefiel ihm weniger. Er hätte einen Slogan gewählt, der mehr Leute anspricht, „die seit Langem Unzufriedenen, die Leute, die nicht mehr mitgenommen werden“. Leute wie ihn.

Die rechte Ecke

Kramer glaubt, dass vieles schlecht läuft in Deutschland. „Die Ausländerpolitik ist in keiner Weise geregelt. Aber die Aufnahme von Flüchtlingen findet ihre natürliche Grenze. Eines Tages wird eine Stimmung gegen Politiker kommen, weil die Leute merken, wir können es hier nicht mehr stemmen.“

Wohin sich diese Stimmung wenden könnte, steht für die Runde fest: nach rechts. Hagen Gotthart sagt: „Wenn Politiker und Medien Bürgermeinung und Proteste nicht ernst nehmen und in die rechte Ecke schieben, dann werden daraus rechte Protestwähler.“

Ihnen ist alles zu viel geworden

Es wird viel verglichen im Gespräch, und diese Vergleiche verlieren stets die Deutschen. Deutsche lassen sich gefallen, wenn Griechen gegen Angela Merkel mit einer Hakenkreuzfahne protestieren. Was wäre los, wenn dies hierzulande mit dem türkischen Regierungschef Erdogan passieren würde? „Der Islam würde einen Krieg anfangen“, glaubt Gotthart, und man weiß nicht genau, ob er es nur metaphorisch meint. Seit Monaten lagern Flüchtlinge am Weißekreuzplatz. Angelika Becker zweifelt, ob das zulässig ist, wenngleich das Camp als Dauerdemonstration angemeldet ist. „Da sollte ich mal mein Zelt aufstellen mit irgendeinem aussichtslosen politischen Anliegen, in 24 Stunden wäre ich weg.“ Kramer erzählt die Geschichte, wie Aldi nach muslimischen Protesten eine Seife vom Markt nahm, weil auf dem Etikett eine Moschee abgebildet war. Im Internet habe er dann gelesen, dass es in der Türkei Hunderte Produkte gibt, auf denen Moscheen abgebildet seien. Kramer ist sicher: „Die Ausländer in Deutschland lachen sich schlapp.“ Über das Land, dem er diente.

Protest gegen Hagida: Die Bilder der Demonstration gegen die hannoversche Pegida-Veranstaltung.

Man muss all diese Ansichten nicht teilen, diese Opferhaltung. Aber wenn man mit konservativ gesinnten Menschen spricht, bekommt man den Eindruck, dass ihnen alles zu viel geworden ist. Dass andere bekommen, was dem eigenem Land verwehrt ist. Zu viel Flüchtlinge, für die Geld da ist, während Schulen verrotten und Deutschland hoch verschuldet ist. Politiker die behaupten, der Islam gehöre zu Deutschland, obwohl es die Masse nicht so sieht. Eine Politik, die nach Recht und Gesetz beschlossene Abschiebungen nicht durchsetzt, wenn ein linker Flashmob Treppen blockiert. Angelika Becker sagt: „Die Glaubenskriege des Islam umspannen die ganze Welt, das wird noch über 100 Jahre dauern. Diesen Unfrieden haben wir auch in Deutschland auszuhalten, und das wollen wir nicht. Ich habe in Hannover Aufmärsche von aggressiven Arabern gesehen mit Forderungen, was wir alles leisten sollen.“ Es sind Geschichten, in denen Deutschland nicht als Land vorkommt, das Leben in Frieden und Wohlstand ermöglicht, sondern als Land, das sich verliert. Deutschland als Weltverbesserer. Deutschland als Weichei.

„Aber wir dürfen uns ja nie aufregen“, sagt Becker.

„Wir haben den Krieg verloren, das geht noch Generationen so, das wir immer den Kopf einziehen müssen“, sagt Kramer.

„Müssen wir aber nicht“, sagt Gotthart.

„Nee, müssen wir nicht, bin ich auch der Meinung“, sagt Kramer.

Wo sollten sie sonst hingehen?

Zu dritt nähern sie sich dem abgeriegelten Opernplatz. Die Linken sind deutlich in der Überzahl, sie rufen „Nie wieder Deutschland!“ Auch so eine Bürgermeinung. Kramer schüttelt den Kopf. Dann gehen sie Richtung Absperrgitter. Bald stehen sie auf dem Opernplatz nahe den Leuten, mit denen sie eigentlich nichts zu tun haben wollen: Rechtsextremisten, ein paar Schritte von konservativen Bürgern entfernt. Angelika Becker sagt: „Wir fühlen uns nicht wohl dabei.“ Sie könnten sich distanzieren, indem sie wegbleiben. Aber wo, fragen sie, sollten sie sonst hingehen um auszudrücken, dass ihnen nicht gefällt, was in Deutschland passiert?

Gegenüber vom Opernplatz steht am Rand der Menge eine 48-jährige Frau. Sie hält ihr Schild hoch, „Licht an für Meinungsfreiheit“, sie kommt zur Hagida-Demo. Einer jungen Linken gefällt das nicht. Der Spruch stelle sich gegen die „geile Aktion, Hagida den Weg zu versperren“. Die 48-Jährige sagt, sie habe sich schon in der DDR den Mund nicht verbieten lassen. Es ist ein ruhiges Gespräch. Die Linke, in Nase und Lippe gepierct und mit dunkler Hautfarbe, erklärt, die politisch Linken seien die besseren Leute, weil sie niemanden wegen Herkunft und Hautfarbe verfolgen würden, „von Rechten kriege ich auf die Fresse“. Die 48-Jährige entgegnet, auch sie möge keine Nazis. Sie berichtet, wie ihre Tochter krank wurde, weil sie in der Klasse von muslimischen Mädchen gemobbt wurde. „Kein Lehrer hat etwas unternommen.“ Die Wege gehen auseinander, sie bleiben sich fremd.

Themen, die die Menschen bewegen

Martina Gaßdorf hat das alles nicht erlebt. In Dresden, sagt die frühere Lehrerin, würde sie wohl zu Pegida-Veranstaltungen gehen, weil dort Themen angesprochen würden, die die Menschen bewegen. Der hannoversche Ableger ist ihr zu obskur. Gaßdorf gibt Kindern von Migranten Deutschunterricht, als Schöffin sitzt sie in Gerichtsverhandlungen. Sie ist eine Frau, die sich um die Gesellschaft kümmert. Inzwischen ist ihr Eindruck: „Es entsteht eine Parallelgesellschaft, die immer größer wird. Wir haben hier ein Problem. Aber wenn man das sagt, gilt man gleich als rechtsradikal.“

Gaßdorf glaubt, das der Islam mit der „deutschen Grundordnung“ nur schwer kompatibel ist. Das antiquierte Frauenbild, das schon junge Muslime dazu bringt, ihr gegenüber respektlos aufzutreten und das in Familien verfestigt werde. Ständige Themen, die um Ehre kreisen. Junge Männer und Kinder, die allein nach Hannover kämen und mit Drogenhandel Schulden bei Schlepperbanden bezahlen müssten. Urteile nach Jugendstrafrecht, „die lachen sich kaputt“, Clanbildungen wie in Hameln und Celle. „Die Politik ist zu naiv. Sie ist dabei, die Kontrolle zu verlieren. “ Vielleicht zählt Martina Gaßdorf zu einer Mehrheit, vielleicht nicht. Aber weil immer weitere muslimische Flüchtlinge kommen und in prekäre soziale Lagen geraten, weiß sie eins: Das Land wird sich mit Thema beschäftigen müssen.     

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