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Aus der Stadt „Ich habe nichts gegen Wutbürger, wenn sie höflich sind“
Hannover Aus der Stadt „Ich habe nichts gegen Wutbürger, wenn sie höflich sind“
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00:15 02.07.2017
Von Bärbel Hilbig
Quelle: Samantha Franson/M
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Hannover

Herr Louafi, sind Sie beleidigt, weil Ihre neue Gestaltung für den Welfengarten bei vielen Bürgern nicht ankommt? Bei der Begehung mit Bürgern in der vergangenen Woche gab es heftige Kritik.

Ich akzeptiere, wenn jemandem meine Arbeit nicht gefällt. Ich habe auch nichts gegen Wutbürger, wenn sie höflich bleiben. Aber an dem Tag war ich sauer, weil vier oder fünf Anwesende sich respektlos verhalten haben. Sie haben gelacht oder dazwischen gerufen, als meine Partnerin Dörte Eggert-Heerdegen das Konzept erklärt hat. Dieses asoziale Verhalten hat mich geärgert. Aber dass so viele Leute da waren und sich für den Park interessieren, ist an sich schon eine Qualität.

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Verstehen Sie denn, warum die Anwohner sich von der Planung ausgeschlossen fühlen? Warum gab es keine Bürgerbeteiligung?

Wir sind als Architekten gefragt worden, uns an einem Wettbewerb zu beteiligen, den wir gewonnen haben. Partizipation zu organisieren, ist nicht Sache der Architekten. Das muss der Auslober des Wettbewerbs festlegen. Ich weiß auch nicht, warum die Stadt, die ja Erfahrung mit Bürgerbeteiligung hat, sich bei dem Projekt komplett zurückgezogen hat. Es ist ein großes Problem, dass für Bürgerbeteiligung meist kein Geld vorgesehen ist, weil die Verwaltung daran kein Interesse hat.

Wer hat kein Interesse daran? Die Auftraggeber?

Ja, die Auftraggeber. Ob Berlin oder Hannover oder Paris: Das ist überall gleich, weil diese Partizipation viel Geld erfordert. In Berlin ist für die nächste Erweiterung des Mauerparks ein 20 Jahre alter Entwurf hervorgeholt worden. Weil es damals aber keine Bürgerbeteiligung gab, vermittelt jetzt ein Mediator die Interessen der Bürger. Und so sind selbst hartgesottene Rebellen Befürworter des Projekts geworden. Dahin zielt meine Kritik an der Politik, die das nicht in einem Bundesgesetz verankert.

Sie wollen also, dass Ihnen eine Bürgerbeteiligung vorgeschrieben wird?

Bevor überhaupt ein Wettbewerb ausgeschrieben wird, sollten in Workshops Ideen entwickelt werden. Der Architekt weiß dann, was den verschiedenen Gruppen von Bürgern wichtig ist. Da die Leute sich mitgenommen fühlen, nimmt dieses Verfahren die Emotionen aus dem Planungsprozess. Später bleiben immer noch Probleme, die sind aber meist technisch lösbar.

Im Welfengarten stoßen speziell die weißen Podeste auf Befremden. Wofür sind diese Elemente denn gedacht?

In vielen meiner Arbeiten interpretiere ich die Spuren der Geschichte. An den Stellen, wo wir jetzt weiße Elemente platziert haben, verlief der alte Wasserkanal, die barocke Graft. Wir haben uns für das weiße Material entschieden, weil das mit den weißen Statuen im Großen Garten korrespondiert.

Sonderlich barock wirken diese Podeste ja nicht.

Wir interpretieren Barockelemente.

Viele stören sich an dem Belag aus Plexiglas, der zum Sitzen wenig einladend wirkt. Sieht das nicht schnell dreckig aus?

Wir wollen ökologisch arbeiten und nicht so viel Beton verwenden. Das Material ist rutschfest und robust. Beton, Holz oder Metall sind schwieriger in der Pflege. Die Uni muss sich aber darum kümmern. Ein Park ohne Pflege ist kein Park.

Und wozu sollen die Stege dienen?

Die Flächen können für alles Mögliche dienen. Die Uni kann dort Architekturmodelle oder Mode präsentieren. Studenten werden dort mit ihren Laptops arbeiten. Die Leute müssen verstehen, dass der Park ein Gelände der Uni ist, ihr Campus. Ich erwarten nicht, dass alte Damen auf dem Steg laufen oder eine Klasse Unterricht im Freien macht. Wir stellen aber noch Sitzsofas mit Holzauflage auf, auf denen jeder bequem sitzen kann.

Manche sagen schon, auf Skater wirkten die Rampen wie eine Einladung. Halten die Aufbauten das aus?

Auf dem Domplatz in Hamburg, dem Adolf-Platz in Düsseldorf und in Esch-sur-Alzette in Luxemburg halten ähnliche Bänke seit vielen Jahren. Die Skaterdiskussion gab es auch am Trammplatz. Und was war das für ein Aufstand am Opernplatz: Die Stadtverwaltung wollte, dass ich mir Gedanken mache, damit bestimmte Gruppen wie Skater ausgeschlossen werden. Ist Toleranz nicht eines der wichtigsten Elemente unserer Kultur? Wir bauen Gartenanlagen, die für jeden Menschen zugänglich sind. Wir versuchen deshalb, robust zu bauen. In einem öffentlichen Park ist alles möglich, auch dass Menschen auf einem Sitzsofa schlafen.

Interview: Bärbel Hilbig

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