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Aus der Stadt Massive Kritik an Schließung der Geburtshilfe
Hannover Aus der Stadt Massive Kritik an Schließung der Geburtshilfe
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00:21 28.03.2015
Von Tobias Morchner
Foto: Betroffen von der plötzlichen Schließung der Geburtshilfe in der Nordstadt: Valentina Fauser, Elvira Karsten und Sarah Schreiber.
Betroffen von der plötzlichen Schließung der Geburtshilfe in der Nordstadt: Valentina Fauser, Elvira Karsten und Sarah Schreiber. Quelle: Eberstein
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Hannover

Die geplante Schließung der Geburtshilfe im Nordstadtklinikum stößt auf massive Kritik betroffener Frauen und der Bundesinteressengemeinschaft Geburtshilfegeschädigter. Aus Sicht des Vereinsvorsitzenden Jürgen Korioth führt der Schritt nicht nur zu „verlängerten Anfahrtszeiten“ für die betroffenen Schwangeren, sondern auch zu einer vollkommenen Überlastung der bereits jetzt schon mehr als ausgelasteten Kliniken, auf die die betroffenen Frauen ausweichen sollen.

Die Arbeit in der Abteilung wird zum 1. Mai eingestellt. Akut betroffen sind davon rund 100 Schwangere sowie 39 Mitarbeiter. In einem Brief der Gemeinschaft an das Klinikum, der dieser Zeitung vorliegt, heißt es weiter, durch die Schließung bestehe die Gefahr, dass es zu organisatorischen Engpässen und Mängeln in der Geburtshilfe kommt, die im schlimmsten Fall dazu führen könnten, „dass das Resultat der geburtshilflichen Bemühungen ein schwerstgeschädigtes Kind oder eine verletzte Mutter ist“.

"Infoabende vollkommen überlaufen"

Die rund 1100 Geburten, die bislang im Nordstadtklinikum durchschnittlich jedes Jahr durchgeführt worden sind, müssen künftig in der Stadt auf die Kreißsäle der Medizinischen Hochschule, des Henrietten- und des Friederikenstifts verteilt werden. Im Umland stehen außerdem noch die Kliniken in Großburgwedel, Gehrden und Neustadt am Rübenberge den Frauen zur Verfügung.

„Es kommt doch aber bereits jetzt regelmäßig vor, dass Kliniken ihre Kreißsäle bei der Regionsleitstelle der Feuerwehr abmelden und ein Rettungswagen dann mit einer Schwangeren an Bord quer durch die Stadt fahren muss“, sagt eine betroffene Hebamme, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.

Auch bei den von der kurzfristig anberaumten Schließung der Geburtshilfe in der Nordstadt betroffenen Frauen regt sich großer Unmut. „Ich habe mich dort noch eine Woche vor dem Bekanntwerden der Schließung zum Geburtsvorbereitungskurs angemeldet – da war von einem bevorstehenden Ende der Geburtshilfe noch keine Rede“, sagt Sarah Schreiber. Bei der Suche nach einer neuen Klinik hat sie bislang noch kein Glück gehabt. „Die Infoabende an anderen Kliniken sind bereits jetzt dermaßen überlaufen – wie soll man sich da in Ruhe auf die Geburt eines Kindes einstellen können?“, fragt die werdende Mutter.

Klinikumssprecher versteht den Ärger

Beim Klinikum der Region ist man sich der Situation der betroffenen Frauen durchaus bewusst. „Das ist für alle mehr als ärgerlich“, sagt Klinikumssprecher Bernhard Koch. Die Schließung sei auch deswegen so kurzfristig bekannt gegeben worden, weil man von der Entscheidung des Sozialministeriums abhängig war.

Die Sorge, dass die anderen fünf Kliniken in der Zukunft nicht die bisher in der Nordstadt vorgenommenen Geburten auffangen können, teilt das Klinikum nicht. „Das Netz ist groß genug, um alle auffangen zu können“, sagt Bernhard Koch. Für die betroffenen Frauen ist das ein schwacher Trost. Sie fordern einen Aufschub der Schließung. „Alle Frauen, die jetzt bereits dort angemeldet sind, sollten ihre Kinder auch dort zur Welt bringen dürfen“, sagt die werdende Mutter, Valentina Fauser.

Das ist die Medizinstrategie 2020

  • Neuordnung der Geburtshilfe: Die Geburtshilfe in der Nordstadt wird zum 1. Mai geschlossen, die dortige Gynäkologie soll in das Klinikum Siloah verlagert werden. Die Fortführung der Hebammenschule wird sichergestellt.
  • Neubau für Burgwedel und Lehrte: Es wird ein Konzeptentwurf für einen gemeinsamen Neubau erstellt, inklusive Geburtshilfe und Gynäkologie.
  • Ausbau der Altersmedizin: Über das Angebot der Geriatrieklinik in Langenhagen hinaus werden weitere Angebote für ältere Menschen geschaffen.
  • Investitionen in starke Bereiche: Besonders leistungsstarke Bereiche des Klinikums wie beispielsweise die Lungenheilkunde und die Neurochirurgie werden gestärkt.
  • Aufbau eines Endoprothetik-Zentrums: Das Klinikum Agnes Karll in Laatzen wird zum Zentrum für den Einsatz künstlicher Hüft- und Kniegelenke.
  • Zusammenführung von Gehrden und Springe: Vor der Schließung der Springer Klinik soll ein lokaler Dialog um die künftige Gesundheitsversorgung geführt werden. mak
Andreas Schinkel 28.03.2015
Bernd Haase 28.03.2015