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Aus der Stadt Nachbarschaft? Alles andere als langweilig
Hannover Aus der Stadt Nachbarschaft? Alles andere als langweilig
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10:38 20.05.2018
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Nachbarschaft? Wie langweilig! So kann man  knapp die derzeitigen Reaktionen auf das Motto der Bewerbung Hannovers als Kulturhauptstadt zusammenfassen. Auch beim HAZ-Forum in dieser Woche war es zu spüren: Begeisterung für ein Thema, mit dem Hannover Großes vorhat, sieht anders aus.

Das ist umso erstaunlicher, als Nachbarschaft derzeit mitnichten  Synonym für gepflegte Langeweile im städtischen Mikrokosmos ist. Nachbarschaft ist für viele Heimat und Lebensqualität, was nicht zuletzt eine Studie der Stadt Hannover gezeigt hat: Drei Viertel wollen auch bei einem Umzug ihr Viertel nicht weit hinter sich lassen.

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Doch Nachbarschaft kann auch brüchig sein. Man muss nicht Christian Lindners Warteschlange beim Bäcker bemühen, in welcher der FDP-Mann befürchtet, statt des netten, ausländischen Nachbarn auf einen Gefährder zu treffen. Was für ein fragiles Konzept Nachbarschaft mittlerweile in Deutschland ist, zeigt auch die Debatte um Alexander Gaulands Satz, einen Menschen wie den Fußball-Nationalspieler Jerome Boateng wolle man „nicht als Nachbarn haben“.

Wenn Hannover mit Kulturmanager Oeds Westerhof an der Spitze solche brüchigen Nachbarschaften ins Zentrum stellte, träfe das einen Nerv. Beispiele dafür gibt es in der Stadt. Den Mühlenberger Canarisweg  trennt nur eine schmale Brücke von den Nachbarn im Rest des Stadtteils. Die wechselseitige Entfremdung der Bewohner aber könnte nicht größer sein.

Als Kulturhauptstadt könnte Hannover zeigen, dass man mit den schönen Künsten zwischen all diesen Nachbarn Brücken bauen kann. Und genau das hat in Hannover bereits Tradition. An dem von Eiji Oue eingeführten hannoverschen „Musiktag“ wird nicht in Konzertsälen, sondern überall in der Stadt Musik gemacht. Mit dem Klassik-Open-Air  hat der NDR Hochkultur aus dem Elfenbeinturm erfolgreich mitten unters Volk gebracht.

Was wäre, wenn Künstler im Jahr 2025 Verbindungen zwischen  gutbürgerlicher Mitte und abgehängten Stadtteilen wie Mühlenberg oder Sahlkamp schafften? Wenn nicht der Kuppelsaal, sondern das Ihme-Zentrum zur Bühne einer Inszenierung der Kunstfestspiele würde? Beim Klassik-Open-Air könnte man neben jeden Premierengast einen armen Nachbarn setzen. Kleefelder Schüler könnten für eine Woche die Plätze mit solchen aus bestimmten Schulen Rick­lingens tauschen und lernen, dass es mitten in Hannover Armut gibt.

Mit dem Briten Andrew Manze, Chefdirigent der Radiophilharmonie, hätte man den idealen Kandidaten für ein Projekt mit Ex-EU-Nachbar England. Und der aus Hannover stammende Pianist Igor Levit könnte im Namen der Kulturhauptstadt tun, wofür er weltweit berühmt ist: Verbindungen zwischen Musik und Politik stiften. Künstler, Integrationsfiguren, die  verloren gegangene Nachbarschaften neu belebten, gibt es hier mehr als genug.

Wichtig wäre überdies eins: dass man aufhörte, in unsäglichem Behördendeutsch über die Bewerbung zu sprechen. Wer will schon Bestandteil eines „Beteiligungsprozesses“ werden? Ein Tag mit einem Nachbarn wie Jerome Boateng dagegen – das wär’ doch was.