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Aus der Stadt Forum am Montag: Wird Hannover Kulturhauptstadt?
Hannover Aus der Stadt Forum am Montag: Wird Hannover Kulturhauptstadt?
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10:21 11.05.2018
Ulrich Fuchs Quelle: Dr. Ulrich Fuchs
Hannover

 Im HAZ-Interview spricht Dr. Ulrich Fuchs über Auswahlkriterien und politische Befindlichkeiten bei der Wahl zur Kulturhauptstadt des Jahres.

Herr Dr. Fuchs, Sie sind seit 2014 Mitglied und Vorsitzender der Jury der Europäischen Kommission zur Auswahl, Begleitung und Evaluierung aktueller und künftiger europäischer Kulturhauptstädte. Wie oft wird in der Jury über den Kulturbegriff gestritten?

Natürlich diskutieren wir häufig über den Kulturbegriff. Aber es gibt einen Konsens sowohl innerhalb der Jury mit ihren zehn Experten als auch unter den Bewerberstädten. Es geht bei den Kulturhauptstadtbewerbungen um mehr als Kunst, es geht um Kultur in einem sehr umfassenden Verständnis. Kunst machen Künstler mit hoher Begabung. Kultur beschreibt aber ein viel weiteres Feld menschlicher Aktivitäten. Wir überschreiten dabei die Grenzen zur Wissenschaft, zum Sport, zu sozialen Themen, zur Architektur und Stadtplanung und sogar zu Feldern wie Mode und Gastronomie. Dieser breite Kulturbegriff ergibt im besten Fall ein Programm für ein ganzes Jahr. Es geht also um viel mehr als ein Kunst- oder Theaterfestival zu konzipieren.

Trotzdem denken bei dem Titel Kulturhauptstadt viele Menschen an den Rosenstock in Hildesheim oder die Frauenkirche in Dresden. Hannovers Bewohner weisen nicht ohne Stolz auf die Herrenhäuser Gärten hin. Ist der Titel nicht doch Bestätigung des städtischen, vielfältigen Kulturangebots?

Es geht bei der Bewerbung in erster Linie nicht um das, was eine Stadt schon hat, sondern um die Frage, wohin eine Stadt sich weiter entwickeln will. Zugespitzt formuliert geht es nicht um einen Preis, den man gewinnt, für etwas, das man bislang besonders gut gemacht hat. Der Titel ist eher ein Stipendium, um als Stadt einen kräftigen Sprung in die Zukunft zu machen – mit dem Unterschied, dass man das Stipendium zum großen Teil selbst finanzieren muss. Oft geht es darum, die Stadt neu zu entdecken. Marseille zum Beispiel galt lange als hässlich und gefährlich. Als Marseille dann Europäische Kulturhauptstadt wurde, habe ich gesagt, dass wir nun den Frosch an die Wand werfen müssen, um einen schönen Prinzen zu entdecken. Das ist die eigentliche Herausforderung: etwas Neues zu entwickeln, dass im Schaufenster Europa Interesse erweckt.

Welche Kriterien spielen für eine erfolgreiche Bewerbung eine Rolle?

Es gibt sechs Kriterien, die für alle Bewerberstädte ab 2020 gelten. Es muss die langfristige Kulturstrategie einer Stadt erkennbar sein, die über das Titeljahr hinaus Bestand hat. Es geht nicht darum, lediglich ein einmaliges Feuerwerk abzubrennen. Der Kulturhauptstadttitel hat in der Kulturstrategie die Rolle eines Katalysators. Dann geht es um die europäische Dimension einer Bewerbung. Was kann Europa von der Kulturhauptstadt lernen? Und zugleich: Was kann die Stadt von Europa lernen? Diese Fragen gilt es zu bearbeiten und programmatisch umzusetzen. Dabei skizziert das Bewerbungsbuch nur, wie ein Programm dazu aussehen könnte. Es geht noch gar nicht um Details. Wenn es Leuchtturmprojekte geben soll, kann man sie natürlich aufnehmen. Aber niemand erwartet in dieser Phase ein präzises Fertigstellungsdatum. Es geht viel mehr um eine erkennbare Programmlinie.

Braucht es denn zwingend einen Leuchtturm?

Keine Kulturhauptstadt muss eine weitere Elbphilharmonie bauen! Manche Städte nutzen den Titel, um kulturelle Orte ordentlich zu renovieren oder um zum Beispiel Museen mit heutigen Standards an Sicherheit auszustatten. Wichtiger für die Bewerbung ist die Frage, warum man sich überhaupt bewerben will und die sogenannte „capacity to deliver“: kann die Stadt genügend Touristen aufnehmen, wie gut ist die Verkehrsanbindung, gibt es ein international verständliches Wegeleitsystem? Und es geht bei den Kriterien um die Frage, wie man möglichst viele Bürger in ein Kulturhauptstadtprogramm einbeziehen kann. Es muss ein Ziel sein, ein Publikum zu erreichen, das oft nur selten Zugang zu Kunst und Kultur hat. Dazu braucht es innovative Formen der Kulturvermittlung. Natürlich muss die Bewerbungsschrift auch Auskunft geben über die finanziellen Aspekte einer Kulturhauptstadt Europas. Wie werden potenzielle Investitionen finanziert? Welches Budget steht für das Programm des Jahres 2025 zur Verfügung? Sind die genannten Budgets in den jeweiligen Haushaltsplänen abgesichert?

Oft klingt das Motiv einer Kulturhauptstadt nach „Tatort“-Thema: Spielen wir die Umweltkarte und die verdichteten Städte? Konzentrieren wir uns auf Teilhabe- und Inklusionsfragen? Das wirkt sehr theoretisch.

Eine Bewerbung braucht nicht zwingend ein Thema, das ist keine Voraussetzung. Städte setzen trotzdem oft auf Leitmotive. Plovdiv in Bulgarien spielt 2019 mit dem Titel „Together“. Das heißt sehr viel und thematisiert zum Beispiel auch das Zusammenleben mit Sinti und Roma, die in der Stadt sehr präsent sind. Und es klingt auch nach Nachbarschaft, ähnlich wie in Hannover. Oft stellt sich das Thema aber erst im Prozess der Bewerbung oder gar der Vorbereitung heraus. Jetzt wirkt die Suche nach dem richtigen Motto für mich fast ein wenig verfrüht.

In Hannover wird nicht nur über das Motto diskutiert. Es ging in den letzten Monaten oft um Ämter und Zuständigkeiten. Spielen solche Personaldebatten für Sie eine Rolle oder zählt am Ende nur die reine Bewerbung?

In allen Städten gibt es diese Auseinandersetzungen. Oft geht es darum, schon früh Partikularinteressen unterzubringen. Hannover ist da nicht untypisch. Im Idealfall sind sich Politik und Kulturszene einig. Wenn ständig geschubst und gezogen werden muss, hat das Projekt schon einmal einen schlechten Start. Damit hatten wir auch 2010 bei der Bewerbung in Bremen zu kämpfen. Dort gab es Hakeleien zwischen der freien Szene und den großen Kulturkapitänen. Am Ende hat eher die freie Szene von diesen Diskussionen profitiert. Aber genau das macht einen Bewerbungsprozess zu einer Kulturhauptstadt auch aus: scheinbar geronnene Strukturen geraten ins Fließen ...

Also interessiert sich die Jury gar nicht für hannoversche Verwerfungen in der Politik?

Nein, nicht wirklich. Wenn die Bewerbung vor der Jury präsentiert wird, ist das ja doch meist Schnee von gestern. Und politische Verwerfungen sind auch nicht unüblich. In Marseille stritten politisch verfeindete Parteien heftig über die Organisationsform der Kulturhauptstadt. Im italienischen Matera, Europäische Kulturhauptstadt im nächsten Jahr, wurde der Bürgermeister, der die Bewerbung eingereicht hatte, nach der Zusage abgewählt. Sein Nachfolger wollte das Projekt völlig umgestalten. Wir mussten ihn dann daran erinnern, dass die Verleihung des Titels eine Art Vertrag mit der Europäischen Union ist, den man nicht einfach aufkündigen kann. Die derzeitigen hannoverschen Diskussionen sind also überhaupt nicht besonders – solange sie nicht vor der Jury ausgetragen werden

Sie sagten, dass es in Bremen Konflikte zwischen freier Kulturszene und institutionalisierten Anbieter von Kultur gab. Wie können denn möglichst alle Künstler von einer Bewerbung profitieren? 

Hier müssen wir deutlich zwischen dem Bewerbungsprozess und der Vorbereitung und Durchführung unterscheiden. Hannover hat für die Bewerbung noch etwa 18 Monate. In dieser Zeit geht es vor allem darum, dass Kulturprofis erarbeiten, was diese Bewerbung braucht – von der Finanzierung bis hin zu Hotelbetten. Ich bin eher skeptisch, wenn man die Bewerbung schon jetzt als breiten Partizipationsprozess versteht. Später, beim Projekt selbst spielt Bürgerbeteiligung natürlich eine große Rolle, denn ansonsten verfehlt so ein Programm ein wichtiges Ziel.

Trotzdem wollen derzeit sehr viele Menschen über Themensetzung und Gremienbesetzung diskutieren.

Das spricht aber doch auch für die Stadt! Es ist ein gutes Zeichen, dass den Leuten die Zukunft ihrer Stadt nicht gleichgültig ist. Man muss nur richtig zuhören, erklären worum es geht und die Energien kanalisieren.

Bremen hat 2010 am Ende doch nicht den Zuschlag erhalten. Sie selbst waren in Bremen aktiv. Kann man trotz Niederlage gewinnen? 

Bremen hat dennoch absolut gewonnen. Wirtschaft, Politik und Kultur kamen zwischen 2003 und 2005 richtig in Bewegung, ein neuer Dialog kam in Gang. Man hat sich weniger befangen aufeinander zu bewegt. Dabei sind neue Bündnisse über inhaltliche Schienen entstanden. Die weniger bekannten Nischen und „Brutstätten“ der Kultur haben an Aufmerksamkeit gewonnen. Der Prozess hat die Stadt richtig aufgemischt.

Von Jan Sedelies

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