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Aus der Stadt Kunst mit allen Sinnen erfahren
Hannover Aus der Stadt Kunst mit allen Sinnen erfahren
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00:15 11.02.2015
Von Andreas Schinkel
Beim neuen Konzept „No Education!“ sollen die Museumsbesucher Kunst sinnlich erfahren. Quelle: Rainer Surrey
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Hannover

Konzentriert schneidet Luis seine Sonnenuhr aus. Ein paar Knicke und Klebestreifen später hält der Elfjährige das papierne Modell einer „Horizontalsonnenuhr“ in den Händen. „Wie das funktionieren soll, weiß ich nicht“, gesteht er ehrlich und stellt das Ziffernblatt mit dem abstehenden Keil ins Licht. Vor einiger Zeit hat er im Museum August Kestner schon einmal eine Sonnenuhr gebastelt und seinem Bruder geschenkt. „Das Basteln gefällt mir hier am besten“, verrät der Fünftklässler.

Ob Luis und seine Mitschüler in den kommenden Jahren weiter ihre Sonnenuhren basteln dürfen, ist ungewiss. Der Museumspädagogik stehen Veränderungen bevor, sie verbergen sich hinter dem plakativen Slogan „No Education!“. Wer jetzt an ein Stück von Pink Floyd („We don’t need no education“) denkt, liegt nicht falsch. Verkürzt ausgedrückt geht es darum, Kinder mit Kunst und Kultur zu konfrontieren, ohne ihnen einen pädagogischen Apparat zur Seite zu stellen. Kultur ungefiltert.

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Kunst einfach wirken lassen

„,No Education‘ eröffnet ein Terrain, in dem Nicht-Wissen oder Nicht-Verstehen zu keiner schmerzhaften oder ausgrenzenden Erfahrung führen, sondern ein neues, sinnliches Verstehen entzünden.“ Der Satz stammt von Marietta Piekenbrock, leitende Dramaturgin der Ruhrtriennale, einem der großen Kunstfestivals in Deutschland. Piekenbrock hat 2014 eine Lanze für neue Ansätze in der Kulturvermittlung gebrochen und sogar ein Manifest dazu verfasst. Im Kern geht es ihr darum, die Exponate in Kunstausstellungen und Museen einfach wirken zu lassen. „,No Education’ ist eine Übung in Aufmerksamkeit - ob konzentriert oder unkonzentriert, das tut nichts zur Sache“, sagt Piekenbrock. „Eine Stunde Kunst, das ist eine Stunde ohne die Omnipräsenz anderer Reize und Anforderungen.“

Solche Überlegungen als bloßes Theoriegeplänkel abzutun und dann zum Alltag in den hannoverschen Ausstellungshäusern zurückzukehren, greift zu kurz. Denn Kulturdezernentin Marlis Drevermann (SPD) liebäugelt mit der Erziehungslosigkeit. Sie plant eine große Veranstaltung mit dem Titel „Welche Kultur braucht Hannover? Kultur für alle? No Education!“. Eingeladen ist unter anderem Cathrin Rose, Mitarbeiterin der Ruhrtriennale.

Neue Vermittlungsformen für die Museumspädagogik

Nicht nur in akademischen Diskussionen will sich Drevermann dem Konzept annähern, parallel überlegt die Kulturverwaltung, wie die Theorie in Praxis umgesetzt werden kann. „Es wird sich zeigen, wie sich die Museumspädagogik verändert“, sagt Drevermann im Gespräch mit der HAZ. Man werde sich mit neuen Vermittlungsformen auseinandersetzen müssen. Drevermann verweist auf ein persönliches Schlüsselerlebnis in einem Museum in Rotterdam. „Dort haben Kinder unmittelbar erfahren, wie ein Museum funktioniert, welche Bilder gekauft werden und wie eine Ausstellung konzipiert wird“, erzählt die Kulturdezernentin. Man müsse Kindern und Jugendlichen „auf Augenhöhe“ begegnen.

Genau das versucht Rabea Hückstädt an jedem Arbeitstag. Die Physikstudentin ist einer von zehn sogenannten Scouts im Kestnermuseum. Sie führt Kindergruppen durch die aktuelle Ausstellung zur Geschichte der Zeitmessung. Es ist eine Schau für Kinder und Jugendliche, bis ins Detail pädagogisch durchdacht und damit eine Art Gegenentwurf zu „No Education“. Originalexponate wie Standuhren und Obelisken wechseln sich ab mit Basteltischen, Uhrwerkmodellen und szenischen Darstellungen mit Playmobil-Figuren. In einer Vitrine kreuzt ein Plastik-Piratenschiff durch die aufgemalte See, in einer anderen wandeln Playmobil-Nonnen im Klostergarten.

Museum als Abenteuerspielplatz

Hückstädt hat an diesem Vormittag keinen leichten Job. Sie muss die Fünftklässler der KGS Barsinghausen durch die Bilder einer Ausstellung lotsen - von altägyptischer Mythologie bis zur Atomuhr - und dabei immer gegen den Lärm anderer Gruppen anschreien. Sechs Schülergruppen toben durch den Parcours, die Atmosphäre erinnert an einen Abenteuerspielplatz. An den Basteltischen wird geschnipselt und geklebt, eine Parkuhr ausprobiert, Exponate werden bestaunt. „Manches ist ganz schön schwierig zu verstehen“, sagt die zehnjährige Laura. Hückstädt gibt sich alle Mühe, das Uhrwerk-Modell an der Wand mit einfachen Worten zu erklären. Manche Schüler schalten ab, doch an den Werktischen hat Hückstädt wieder die volle Aufmerksamkeit.

Geschichtslehrer Christian Bohn ist begeistert. „Ich habe einen Schüler, der sich sonst nur für Computerspiele interessiert - aber hier fasziniert ihn eine Sonnenuhr“, sagt Bohn. Die Ausstellung mit ihren Mitmachaktionen rege die Schüler zu eigenen Gedanken an, so etwas könne er im Klassenzimmer kaum leisten. „Tatsächlich ist es schwer, einen Termin für eine Führung zu bekommen“, sagt Bohn.

Museumspädagogin Pia Drake entschuldigt sich. „Sechs Gruppen auf einmal in der Ausstellung, das ist eine Ausnahme“, sagt die 51-Jährige. Aber sie habe unangemeldete Besucher nicht abweisen wollen. Das pädagogische Angebot im Kestnermuseum, das auch Kindergeburtstage umfasst, ziehe eine Menge Besucher an. „Unsere jungen Gäste empfehlen uns weiter, machen etwa ihre Lehrer auf uns aufmerksam“, sagt Drake. Museumspädagogik als Magnet - kein zu unterschätzender Faktor für ein Haus, das unter stetem Besucherschwund leidet. Im vergangenen Jahr erlebte das Kestnermuseum einen Einbruch von 16 553 Besuchern gegenüber 2013.

Angesprochen auf die Ideen aus dem „No-Education“-Kosmos wiegt Drake den Kopf. „Ein solches Konzept lässt sich nicht ausschließlich anwenden“, sagt sie diplomatisch. Möglicherweise sei der Ansatz auch für Kunstmuseen tauglicher als für eine kulturhistorische Sammlung. „Bei uns drängen sich sofort Fragen auf: Wie lässt sich Papyrus herstellen? Wie entstand die Schrift?“, sagt Drake. In den Workshops, wie die Museumspädagogin ihre Bastelstunden nennt, gehe man diesen Fragen konkret nach. „Manche Kinder entwickeln erst ein Verständnis, wenn sie etwas nachbauen“, sagt sie. Bloßes Bestaunen von Exponaten helfe dann eben doch oft nicht weiter.

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