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Aus der Stadt LKA-Ermittler: „Rocker sind keine Gutmenschen"
Hannover Aus der Stadt LKA-Ermittler: „Rocker sind keine Gutmenschen"
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12:18 18.12.2012
Foto: 2010 kam es in Hannover zum sogenannten Friedensschluss zwischen Bandidos-Chef Peter Maczollek (rechts) und Hells-Angels-Boss Hanebuth. Quelle: Archiv
Hannover

Menschenhandel, Prostitution, Rocker, Zuhälter und deren reiche Freunde in Hannovers High Society. Die Ausstrahlung der zweiten Folge des neuen „Tatort“ mit Kommissarin Charlotte Lindholm am Sonntag hat eine Diskussion über das Problem der Zwangsprostitution und die Rolle bestimmter Rockergruppierungen in Gang gebracht. In die Debatte hat sich auch Christian Zahel, der Leiter der Abteilung Organisierte Kriminalität beim Landeskriminalamt Niedersachsen, eingeschaltet. Er fordert eine Verschärfung des Prostitutionsgesetzes. Der Beamte war zu Gast in Günther Jauchs Talkshow. Thema: Tatort Rotlichtmilieu – Wie brutal ist das Geschäft mit dem Sex? Mit in der Runde saßen Grünen-Fraktionschefin Renate Künast, „Emma“-Herausgeberin Alice Schwarzer und Bordellbetreiber Jürgen Rudloff.

Am Tag nach der Sendung wiederholte Zahel im Gespräch mit der HAZ seine Forderung. Die rot-grüne Koalition habe im Jahr 2002, als das Prostitutionsgesetz erlassen worden sei, einen folgenschweren Fehler gemacht, meint Zahel. Eigentlich sollte dadurch die Situation der Frauen verbessert werden. Sie sollten aus der Schmuddelecke geholt, Rechte und Pflichten erhalten, die auch alle anderen Arbeitnehmer bereits genießen. Viele Fachleute sind allerdings inzwischen der Meinung, dass das Gegenteil eingetreten ist. In vielen Großstädten sei die Zahl der Sexarbeiterinnen nach dem neuen Gesetz explodiert. Kritiker sprechen in diesem Zusammenhang von Deutschland als „Bordell Europas“. Der weitaus größte Teil der Prostituierten komme aus dem Ausland und werde zum Anschaffen gezwungen. „85 bis 90 Prozent der Frauen tun es nicht freiwillig“, sagt Zahel.

Wer vorbestraft sei, dürfe deshalb kein Bordellbetreiber mehr sein, fordert der Leitende Kriminaldirektor. Alle anderen müssten ihr Gewerbe anmelden und Auflagen erfüllen. Zum Beispiel getrennte Toilettenbereiche und Pausenräume einrichten sowie Hygienevorschriften erfüllen. Frauen zwischen 18 und 21 Jahren dürften generell nicht anschaffen gehen. „Und das alles müsste natürlich auch kontrolliert werden“, fordert Zahel. Die Polizei dürfe bisher nur einschreiten, wenn eine Straftat vorliege oder um Gefahren abzuwehren. Das rot-grüne Gesetz binde den Ermittlern an dieser Stelle die Hände.

Viele Prostituierte stammten vor allem aus Bulgarien, Rumänien, Polen und Ungarn. „Nur etwa ein Drittel sind Deutsche“, sagt Zahel. Über die bundesweiten Zahlen gibt es nur grobe Schätzungen. Demnach schaffen bis zu 400 000 Prostituierte in Deutschland an. Die Herkunftsnationen der Prostituierten seien auch auf Städte wie Hildesheim oder Hannover übertragbar, glaubt Zahel. In Hannover sollen rund 2200 Frauen anschaffen.

Für Zahel ist klar, dass daran vor allem Zuhälter und Menschenhändler verdienen. Bis zu 15 Milliarden Euro, sagt Zahel, setzten sie mit dem Rotlichtgeschäft um. Bei den meisten Frauen bliebe hingegen so gut wie nichts übrig. „Und viele sehen sich noch nicht einmal als Opfer“, glaubt Zahel. „Diese Frauen verdienen unsere Hilfe.“

In der Fernsehsendung „Günther Jauch“ war Zahel auch auf die Rolle der Rocker im Rotlichtmilieu eingegangen. Es gebe keine Bordelle in Deutschland, ohne dass entsprechende Kreise der organisierten Kriminalität davon profitierten, sagte der Beamte und spielte damit auf die Mitglieder der Hells Angels, der Bandidos, der Outlaws und des Gremium MC an, die sich selbst als gesetzlose Zusammenschlüsse verstehen. „Rocker sind keine Gutmenschen, die Motorrad fahren. Sie profitieren von den Möglichkeiten, dass im Umfeld dieses neuen Gesetzes Millionen von Euro zu verdienen sind“, erklärte er vor laufender Kamera. Als „problematisch“ beurteilte der Ermittler auch die Rolle des langjährigen Rechtsanwalts des ehemaligen hannoverschen Hells-Angels-Chefs Frank Hanebuth. In der Kanzlei des Juristen war es im Mai 2010 zu dem sogenannten Friedensschluss zwischen Hells-Angels-Boss Hanebuth und Bandidos-Chef Peter Maczollek gekommen. „Das sind zwei vorbestrafte Verbrecher, denen dort eine Bühne gegeben wurde“, empörte sich der Beamte.

Von Christian Harborth und Tobias Morchner

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