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Aus der Stadt Landgericht spricht Angeklagten Dieter W. frei
Hannover Aus der Stadt Landgericht spricht Angeklagten Dieter W. frei
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15:28 21.12.2016
Von Michael Zgoll
Quelle: Holger Hollemann/ dpa
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Hannover

Der 49-jährige Dieter W., der im Februar 2015 einen Streitschlichter mit einem Faustschlag traf und damit dessen Tod verursachte, ist am Mittwoch vom Schwurgericht Hannover freigesprochen worden. W. habe in der handfesten Auseinandersetzung mit einem Dritten, einem betrunkenen 28-jährigen Randalierer, einen Hieb an die Schläfe kassiert und in Notwehr zurückgeschlagen, erklärte der Kammervorsitzende Wolfgang Rosenbusch in seiner Urteilsbegründung.

Dass der 24-jährige Timo S. die Männer vor der Sportsbar Dejavu in Letter trennen wollte und in jener Nacht plötzlich „dazwischen gesprungen“ sei, habe W. nicht voraussehen können, urteilte die Kammer nach der Vernehmung von gut einem halben Dutzend Zeugen. Durch den irrtümlich kassierten Schlag auf die Oberlippe und den folgenden Aufprall auf den Asphalt wurde im Kopf des Streitschlichters eine Hirnblutung ausgelöst, an der der junge Lkw-Fahrer wenige Stunden später starb; Timo S. litt offenbar unwissentlich unter einem Aneurysma, einer krankhaften Verdünnung und Aussackung eines Blutgefäßes.

Dieter W. habe in der aufgeheizten Situation vor der Gaststätte, umgeben von einer Gruppe herumschreiender junger Männer und fokussiert auf die Auseinandersetzung mit dem aggressiv auftretenden Randalierer nicht darauf achten können, ob noch eine Person ins Geschehen eingreifen würde, so Rosenbusch. Insofern habe der Wennigser, der selbst 1,14 Promille Alkohol im Blut hatte, gegenüber dem Streitschlichter nicht fahrlässig gehandelt – und sich weder einer fahrlässigen Tötung noch einer Körperverletzung mit Todesfolge schuldig gemacht.

Auslöser der Auseinandersetzung war, dass W. beim Verlassen des Dejavu bemerkt hatte, dass der 28-jährige Trunkenbold auf dem Parkplatz herumpöbelte und gegen Autos trat. Daraufhin hatte er diesen zur Rede gestellt, war infolgedessen aber seinerseits aggressiv angegangen worden. Dass sich der 49-Jährige eingemischt und nicht weggeduckt habe, so der Kammervorsitzende, sei ein Verhalten, das unter dem Stichwort „Zivilcourage“ durchaus begrüßenswert sei. Allerdings habe niemand ahnen können, dass das Ganze so tragisch enden und Timo S. wenig später einen „sinnlosen und unerwarteten Tod“ erleiden werde. Mehrere Zeugen hatten den 24-Jährigen als freundlichen jungen Mann beschrieben, der sich häufig bemüht habe, Konflikte zu entschärfen.

Das Gericht folgte mit seinem Urteil den Plädoyers von Staatsanwalt Jan Salaschek und Verteidigerin Tanja Brettschneider – auch sie hatten für Dieter W. einen Freispruch gefordert. Der Handwerker hockte am Mittwoch, wie schon am Montag vor dem Schwurgericht und im November im Amtsgericht, wie ein Häufchen Elend auf der Anklagebank und weinte viel. Auch nach dem Freispruch konnte sich der psychisch angeschlagene W., der sich mit Selbstvorwürfen quält, nicht wirklich freuen. Er habe nicht mit einem Freispruch gerechnet, sagte er, und fügte hinzu: „Es tut mir so unendlich leid, dass Timo tot ist.“     

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