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Aus der Stadt Lange Nacht der Hausarbeiten an der Uni Hannover
Hannover Aus der Stadt Lange Nacht der Hausarbeiten an der Uni Hannover
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15:28 07.03.2013
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Quelle: Archiv
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Hannover

Der Laie nennt es leichthin „Aufschieberitis“, was irgendwie niedlich klingt. Doch wenn Menschen wichtige und zumeist unangenehme Aufgaben vor sich herschieben, dann steckt oftmals mehr dahinter als einfache Faulheit - nämlich ein ernsthaftes Problem. Auch Studenten wachsen die Aufgaben und Anforderungen während des Studiums immer häufiger über den Kopf. Die Psychologie hat für das Phänomen vor einiger Zeit einen wissenschaftlichen Begriff geprägt: Prokrastination.

Auch an der Leibniz-Uni in Hannover nimmt man das Problem ernst. Hier bietet das Zentrum für Schlüsselkompetenzen (ZfSK) betroffenen Studenten Hilfe an. Heute um 18 Uhr etwa beginnt die dritte internationale „Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“. Von Kalifornien bis Abu Dhabi kommen Studenten zum Arbeiten zusammen. An der Uni Hannover beteiligen sich die Schreibwerkstatt des ZfSK, die Psychologisch-Therapeutische Beratung (ptb) und die Uni-Bibliothek.

Bis 1 Uhr nachts können Studierende gemeinsam mit Kommilitonen in der Bibliothek an ihren Schreibprojekten arbeiten, sich von den Fachkräften vor Ort Unterstützung holen oder beraten lassen. „Ein großes Thema bei den Studenten ist die Fachliteratur. Wie lese ich effektiv, und wo ist bei dem Zitieren die Grenze zum Plagiat?“, sagt Nora Peters, Leiterin der Schreibwerkstatt. Acht Beratungsgespräche hatte sie in der vergangenen Woche, in der laufenden sind es nicht weniger. Peters hilft bei der Themensuche, der Gliederung, bespricht Texte und gibt Tipps zum Zeitmanagement oder dazu, wie man Blockaden überwinden kann. Peters gibt ein Beispiel: „Anstatt den Text am Computer zu tippen, sollen die Studenten ihre Ideen handschriftlich auf das Papier bringen.“

Zwei- bis dreimal kam es im vergangenen Jahr vor, dass Nora Peters nicht weiterhelfen konnte. „Wenn sämtliche Techniken abgelehnt oder verweigert werden, dann ist meine Grenze erreicht. Denn das ist ein Signal dafür, dass sich die Ängste zwar beim Schreiben äußern, aber dass die Probleme im psychologischen Bereich liegen“, sagt die Leiterin. In solchen Fällen verweist sie die Studenten an Diplom-Psychologin Christiane Maurer. Sie ist die Leiterin der Psychologisch-Therapeutischen Beratung der Leibniz Universität Hannover. Aktuell werden dort rund 680 der 34000 Studenten in Hannover bei ihren Problemen unterstützt. 60 Prozent der Klienten sind weiblich, 40 Prozent männlich.

„Die hauptsächlich erfassten Themen in den Beratungsgesprächen sind: Lern- und Arbeitsstörungen, Identitäts- und Selbstwertprobleme, Partnerschaft, depressive Verstimmungen, Eltern und Familie, Prüfungsangst und Leistungsdruck“, sagt Maurer. Die Studenten haben die Möglichkeit, eine Einzelberatung zu nutzen oder ihre Ängste in themenspezifischen Gruppen zu bekämpfen. Gründe für das Aufschieben sieht Maurer im Hang zum Perfektionismus, fehlenden Fertigkeiten oder in der Angst vor der Entscheidung - und oft vor der Beendigung der Arbeit. „Denn dann erwartet den Studenten eine abschließende Bewertung“, erklärt die Psychologin.

Rund 50 Minuten dauert ein Beratungsgespräch. Maximal 20 solcher Gespräche werden von der Beratungsstelle für einen Studenten angeboten. „Wenn absehbar ist, dass die nicht ausreichen, raten wir den Studenten zu einer ambulanten Psychotherapie und begleiten sie mit Überbrückungsgesprächen bis zum Therapiebeginn“, sagt Maurer.

Im vergangenen Jahr, bei der ersten „Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten“ in Hannover, fanden sich rund 150 Studenten in der Bibliothek am Königsworther Platz ein. Nora Peters hofft in diesem Jahr auf noch mehr Beteiligung: „Die Studenten müssen sich vor Augen halten, dass das Schreiben nicht nur im Studium, sondern auch später im Beruf einen wesentlichen Teil ausmachen wird. Und wenn man jetzt die Blockade überwindet, geht es am Ende viel leichter von der Hand.“

Von Isabel Christian