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Aus der Stadt Der Playmobil-Mann
Hannover Aus der Stadt Der Playmobil-Mann
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17:48 15.11.2015
Von Juliane Kaune
„Ich brauche mehr Platz“: Robert Packeiser in seiner Playmobil-Welt. Der 43-jährige Lehrer besitzt 98 Prozent der Artikel des Spielzeugherstellers. Quelle: Wallmüller
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Hannover

Hoch zu Ross behält Ernst August den Überblick. Allerdings hat sich die Szenerie rundum deutlich verändert. Es ist nicht der hannoversche Hauptbahnhof, vor dem der Monarch als Standbild in erhabener Pose reitet. „Neustadt“ steht auf dem Stationsschild. Unterm Schwanz befindet sich ein weitläufiger Stadtpark mit Spielplatz. Und genaugenommen ist Ernst August auch kein König, sondern ein Ritter.

Robert Packeiser, Lehrer an der Wilhelm-Raabe-Schule in Hannover, sammelt seit vielen Jahren Playmobil.

In der Welt von Playmobil sind solche Abweichungen von der Realität erlaubt.
Dass es auch der Welfenherrscher in die Kollektion des bekannten Spielzeugs geschafft hat, ist Robert Packeiser zu verdanken: Er hat einen Mini-Ritter mit grüner Farbe besprüht und auf den selbst gebastelten Sockel gehoben. „Es macht mir Spaß, Details zu verändern“, sagt er. Genug Gelegenheit hat er. Dem 43-Jährigen gehört eine der wohl umfangreichsten Playmobil-Sammlungen, die jemand mit einem Faible für die Figuren besitzen kann. „Ich habe“, sagt Packeiser, „98 Prozent aller Artikel, die das Unternehmen auf den Markt gebracht hat.“ Und die Playmobil-Geschichte beginnt bereits 1974.

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"Ich wollte als Kind nie etwas anderes haben als Playmobil"

Einen guten Teil seiner Plastikwelt hat der Kunst- und Geschichtslehrer der Wilhelm-Raabe-Schule bereits in seiner Jugend zusammengetragen – die allererste Figur, die er als Vierjähriger von seiner Mutter geschenkt bekam, war eine Putzfrau mit Staubsauger und Besen. „Ich wollte als Kind nie etwas anderes haben als Playmobil“, erinnert er sich. Dann landeten die vollen Kisten auf dem Dachboden, bis er sie dort Anfang der Neunzigerjahre wieder aufspürte. Seitdem hat ihn die Sammelleidenschaft gepackt. Inzwischen sind seine Schätze aus Kunststoff derart angewachsen, dass er vor vier Jahren eine Halle gemietet hat, um sie präsentieren zu können. Die liegt praktischerweise im Hinterhof des Hauses, in dem er wohnt. Bei der Suche nach einer Wohnung habe der Platzbedarf für Playmobil eine entscheidende Rolle gespielt, gibt der Südstädter zu. In dem neonbeleuchteten Flachbau breitet sich auf 135 Quadratmetern eine mit viel Liebe zum Detail gestaltete Miniaturwelt aus. Auf hüfthohen Tischen sind in ungezählten Stunden thematisch gegliederte Plastiklandschaften entstanden, in denen es immer wieder Neues zu entdecken gibt. „Das Ganze folgt einem System“, erklärt der Lehrer. Und weil er Geschichte unterrichtet, bot sich eine gewisse historische Chronologie an.

In der Welt der Mythen und Märchen treffen fauchende Drachen auf die Bremer Stadtmusikanten und die Ritter der Tafelrunde. Daneben lädt ein mittelalterliches Dorf zum Besuch ein, mit Fachwerkhäusern und Marktständen – aber auch mit Scharfrichter und einem Wagen voller Skelette. „Das sind die Pesttoten“, erläutert Packeiser. Piratenschiffe symbolisieren die Frühe Neuzeit, Indianer und Cowboys die Entdeckung Amerikas. In der Westernwelt des 19. Jahrhunderts gibt es natürlich Drug Store und Saloon, aber auch ein Antiquitätengeschäft. Dort werden Porzellanwaren verkauft – und daneben steht ein Elefant. Packeiser liebt solche Spielereien.

Längst nicht jedes winzige Utensil, das er verwendet, stammt aus dem Hause Playmobil. „Ich kombiniere das mit Teilen aus dem Puppenstubenbedarf.“ Vor allem, wenn es darum geht, den Figuren eine Mahlzeit zu servieren. Anderes Beispiel: Die Landkarte, die der Spielzeughersteller für die Gestrandeten auf der Schatzinsel vorgesehen hatte, passte ihm nicht. Die hat er dann in mühevoller Kleinarbeit selbst bemalt und bedruckt. Dass er die industriell gefertigten Produkte durch eigene Basteleien ergänzt, unterscheidet Packeiser von den Playmobil-Puristen. „Die bauen alles nur genauso auf, wie es auf der Packung steht – oder sie lassen die Kartons sogar zu.“ Das kann er nicht verstehen.

Große Faszination

Auf ihn übt das Kinderspielzeug noch immer eine große Faszination aus. Gerade weil es so viele Möglichkeiten biete, kreativ zu sein. Dass Vertreter der Lego-Fraktion behaupten, Playmobil sei in zu starre Formen gepresst, akzeptiert er nicht. An seiner Ausstellung zu arbeiten, bedeute für ihn Entspannung, „das hat fast schon etwas Meditatives“. Während der Schulzeit fehlen ihm Zeit und Muße. Aber in den Ferien legt er los. „Ich fahre nicht in den Urlaub, den verbringe ich hier“, sagt Packeiser und deutet auf seine Plastiklandschaften. Sein Lebenspartner trägt es mit Fassung – und hilft beim Aufbauen.

Angekommen in der Gegenwart, bietet sich eine besondere Vielfalt an Szenerien. Fast so wie im wirklichen Leben. Da dreht sich zum Beispiel ein Windrad neben dem Ponyhof, und in der Vorstadt bestimmt eine Großbaustelle die Verkehrslage. In der Schule ist gerade Pause, am Hafen wird Fracht verladen, im Krankenhaus herrscht Hochbetrieb und in der City beginnt der Trubel rund um ein großes Einkaufszentrum.

Wenn Packeiser durch seine Ausstellung geht, ist er hochzufrieden und unzufrieden zugleich. Zwar hat er einen Großteil seiner Sammlung inzwischen aufgebaut. „Aber das ist alles viel zu eng. Ich brauche mehr Platz.“ In die Höhe ist er schon gegangen: Aus Plastikmodulen, die eigentlich zu einer Polizeistation gehören, ist ein Wohnhaus mit sieben Etagen entstanden. Die gesamte Weltraumwelt aber lagert noch in Kartons.
Früher oder später führe an einem größeren Raum kein Weg vorbei, meint er. Vielleicht auch, um die geballte Playmobil-Präsenz mal mehr Interessierten zeigen zu können als Schülern, Freunden und Bekannten. Packeiser hat auch schon eine Idee, wo das sein könnte. „Im Ihme-Zentrum ist doch viel Platz.“

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