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Aus der Stadt Wie viele Stunden am Tag arbeitet ein Lehrer?
Hannover Aus der Stadt Wie viele Stunden am Tag arbeitet ein Lehrer?
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00:16 08.06.2015
Von Saskia Döhner
„Nach sechs Stunden Unterricht ist man platt“: Lehrerin Rubina Kamal im Geschichtsunterricht mit einer 5. Klasse der Elsa-Brändström-Schule. Fotos: Thomas (3), Surrey (2) Quelle: Michael Thomas

Freitagmorgen, 7.45 Uhr

Rubina Kamal kommt zur Arbeit. Die Lehrerin unterrichtet in der Elsa-Brändström-Schule in der Südstadt. Vor der ersten Stunde bespricht sie schnell noch mit anderen Geschichtslehrern, wie ein längerfristiger Krankheitsfall im Kollegium zu regeln ist.

9 Uhr

Geschichtsunterricht in der 5. Klasse. „Welche Gemeinsamkeiten gibt es zwischen den Griechen und den Ägyptern?“, fragt Kamal. Die Finger der Schüler schnellen in die Höhe: „Beide hatten Götter“, „es gab Bauern“, „beide Länder liegen am Wasser und haben Schiffe“, lauten die Antworten. Von Müdigkeit ist an diesem Morgen bei den Kindern nichts zu spüren. Ein Schüler erzählt von seiner Tante, die in Ägypten Urlaub gemacht habe und eigentlich Fotos von Pyramiden mitbringen wollte. „Das hat nicht geklappt, da hat sie eine Figur von einer Sphinx gekauft.“ Kamal schreibt die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Völker an die Tafel, fragt nach, ermuntert ihre Schüler zur Mitarbeit, in 30 Minuten haben tatsächlich alle Fünftklässler mindestens einmal etwas gesagt. Die Doppelstunde vergeht wie im Flug.

9.35 bis 9.50 Uhr

Die anschließende große Pause. Kamal, 34, hat Aufsicht auf dem Flur und muss dafür sorgen, dass die Schüler nicht in den Gängen oder vor den Schließfächern stehen, sondern zügig auf den Schulhof gehen. Um kurz vor 10 Uhr verlässt sie das Schulgebäude.

10.12 bis 10.24 Uhr

Rubina Kamal überfliegt am heimischen Schreibtisch die Anmerkungen einer Kollegin zu dem Entwurf einer mündlichen Abiturprüfung. Auch diese zwölf Minuten wird sie wieder in ihrem Protokoll vermerken.

12.19 bis 13.45 Uhr

Kamal bereitet weiter die Abiturprüfungen vor.

13.45 bis 15.25 Uhr

Jetzt nimmt sich die Lehrerin Zeit für sich, gießt Blumen, trinkt Kaffee.

Die Erhöhung der wöchentlichen Unterrichtsverpflichtung für Gymnasiallehrer von 23,5 auf 24,5 Stunden im vergangenen August hat für viele das Fass zum Überlaufen gebracht. Aber auch Lehrer an anderen Schulformen wie Grundschulen klagen zunehmend über Überlastung.

15.25 bis 17.27 Uhr

Weiter geht es mit den mündlichen Abiturprüfungen.

Nach 18 Uhr

Der Feierabend verschiebt sich vor allem in diesen Wochen oft weit nach hinten: Abiturprüfungen müssen korrigiert werden, Gutachten verfasst - bis zu fünf Stunden muss Kamal pro Abiturient aufbringen. Und so endet der Tag der Lehrerin oft erst um 22 Uhr. Auch das notiert Kamal dieser Tage minutengenau.

Darum geht es im Streit zwischen Lehrern und Landesregierung

Lehrer haben wie andere Landesbeamte auch eine wöchentliche Arbeitszeit von 40 Stunden und 30 Tage Urlaub im Jahr. Die Arbeitszeit bemisst sich zum einen aus der nach Schulformen unterschiedlichen wöchentlichen Unterrichtsverpflichtung, hinzu kommen weitere Tätigkeiten wie Korrektur von Arbeiten, Unterrichtsvorbereitung oder Gespräche mit Eltern und Konferenzen. Während Gymnasiallehrer 24,5 Stunden in der Woche (wobei eine Unterrichtsstunde 45 Minuten beträgt) unterrichten, müssen Grundschullehrer 28 Stunden in der Woche im Klassenzimmer stehen. Für bestimmte Funktionen wie die des Klassenlehrers, die Betreuung des Vertretungsplans und Leitungsaufgaben gibt es sogenannte Anrechnungs- und Entlastungsstunden, das heißt, die Unterrichtsverpflichtung sinkt entsprechend.

Da Pädagogen sechs Wochen Urlaub haben, die unterrichtsfreie Zeit, also die Ferien zu Weihnachten, Ostern, Pfingsten, im Sommer und Herbst sich auf rund drei Monate summieren, liegt die Arbeitsbelastung der Lehrer in den Schulhalbjahren deutlich höher als 40 Stunden in der Woche. Eine Pilotstudie der Lehrergewerkschaft GEW an der Tellkampfschule hatte im vergangenen Jahr Arbeitszeiten von knapp 50 Stunden ergeben, selbst wenn man die unterrichtsfreie Zeit einrechnet. Experten schätzen, dass 50 bis 60 Stunden im Schulhalbjahr keine Seltenheit sind.

Der Konflikt um die Arbeitszeit entzündet sich vor allem an der Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung von 23,5 auf 24,5 Wochenstunden für Gymnasiallehrer seit August 2014. Seitdem setzen rund 75 Prozent der Schulen ihre Klassenfahrten aus. Andere Möglichkeiten als bei freiwilligen Leistungen zu kürzen, hätten sie nicht, argumentieren die Personalräte. Der Landesschülerrat klagt unterdessen immer lauter, dass der Konflikt auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird.

Der Philologenverband und die GEW haben Musterklagen gegen die Mehrarbeit beim Oberverwaltungsgericht Lüneburg eingereicht, die am Dienstag gemeinsam verhandelt werden. Das Land verstoße als Dienstherr gegen seine Fürsorgepflicht, meinen die Lehrerorganisationen. Das Kultusministerium hält die Mehrarbeit dagegen für zumutbar.

Das Projekt Zeiterfassung

Rubina Kamal gehört zu den landesweit rund 4000 Lehrern, die seit Ende der Osterferien für eine große Studie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) minutengenau ihre Arbeitszeit erfassen. Ausgewertet wird die einjährige GEW-Studie von der Universität Göttingen. Ein Großteil der Schulen, die sich beteiligen, sind Grundschulen, aber auch viele Gymnasien und Gesamtschulen sind darunter. In der Region Hannover nehmen 80 Schulen teil, landesweit machen ein Fünftel der Gesamtschulen, 15 Prozent der Gymnasien und knapp ein Zehntel der Grundschulen mit. Ergebnisse sollen im Sommer 2016 vorliegen.

Die Lehrer verpflichten sich per Unterschrift, wahrheitsgemäße Angaben über ihre Arbeitszeit zu machen. Zusätzlich machen die Wissenschaftler Plausibilitätsprüfungen. Eine Pilotstudie an der Tellkampfschule – finanziert von der GEW – hat im Herbst 2014 ergeben, dass die Lehrer im Schnitt auf eine 50-Stunden-Woche kamen, zu Spitzenzeiten waren es sogar 70 Stunden. Die stellvertretende GEW-Landesvorsitzende Laura Pooth erhofft sich von der aktuellen Untersuchung mehr Sachlichkeit. Die häufig sehr emotional geführte Debatte um gefühlte Belastung der Pädagogen soll auf eine valide wissenschaftliche Basis gestellt werden.

Die Gewerkschaft Verdi hat Beschäftigte im Großhandel in der Region Hannover für heute zum Streik aufgerufen. Der Arbeitskampf wirke sich voraussichtlich auf die Apotheker aus, weil Beschäftigte eines pharmazeutischen Großhandels die Arbeit niederlegen sollten.

05.06.2015

Die Nachrichten aus Hannover und Niedersachsen auf einen Blick: Mit „HAZ live“ lesen Sie jeden Tag ab 6 Uhr alles Wichtige im Newsticker. Heute: Casper gibt ein Konzert auf der Expo-Plaza, im Zoo starten die Goldrush-Days und wir zeigen Ihnen, wo Sie sich am Wochenende in Hannover und der Region abkühlen können.

05.06.2015

Ein Rechtsanwalt hat das Vertrauen seiner Mandanten schwer missbraucht: Sie haben Beträge zwischen 5000 und 75.000 Euro an den früheren geschäftsführenden Gesellschafter einer Kanzlei in Großburgwedel verloren, weil er sich selbst in finanzielle Schwierigkeiten manövriert hatte. Am Donnerstag startete der Prozess wegen Veruntreuung und Betrugs gegen den 54-Jährigen.

Michael Zgoll 04.06.2015