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Aus der Stadt Lehrerkarussell wirft Planungen durcheinander
Hannover Aus der Stadt Lehrerkarussell wirft Planungen durcheinander
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00:15 07.08.2017
Eine junge Lehrerin gibt Mathematikunterricht in einer acht Klasse. Quelle: dpa
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Hannover

Die Humboldtschule wird sechs Lehrer mit zusammen knapp 60 Unterrichtsstunden an verschiedene Grundschulen schicken, weil das Kultusministerium dort kurzfristig Lücken mit Gymnasiallehrern stopfen will.„Wir wären ohne Unterrichtskürzungen ausgekommen, weil einige Kollegen bereit waren, ein fremdes Fach zu unterrichten. Die Planung ist jetzt für die Mülltonne“, beklagt Schulleiter Henning Lawes.

Manche Schulleiter erfuhren erst Ende vergangener Woche von den Plänen und ärgern sich beträchtlich. „Von den Problemen weiß man doch bereits länger und nicht erst seit einer Woche“, kritisiert Martin Thunich, Leiter der Wilhelm-Raabe-Schule.

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Schulen verhandeln direkt

Einen echten Überblick über drohenden Unterrichtsausfall an Grundschulen haben Kultusministerium und Landesschulbehörde nicht. Die Behörden sollen in jedem Landkreis die statistische Unterrichtsversorgung als Basis genommen haben. Liegt der Wert für die Grundschulen schlechter, sollen andere Schulformen Lehrer ausleihen, auch wenn sie ebenfalls nicht gut bestückt sind.

Einige Schulen müssen in Hannover Unterrichtsstunden abgeben, andere bekommen welche. Eine Übersicht.

So soll die Integrierte Gesamtschule Roderbruch 50 Stunden abgeben. Die Landesschulbehörde informierte viele Gymnasien und Gesamtschulen, dass Grundschulen ihnen ihren Bedarf direkt mitteilen würden. Ein Schulleiter berichtet, er habe die ihm zugeordneten Grundschulen „herunterhandeln“ können. „Bei uns hat sich aber keine Grundschule gemeldet“, berichtet IGS-Leiterin Brigitte Naber. Eine für sie undurchsichtige Situation.

Die IGS Roderbruch bildet bereits jetzt größere Lerngruppen oder beschäftigt im Wahl-Pflicht-Bereich Externe, um den Mangel an Lehrern auszugleichen. „Wir haben auf eine Stellenausschreibung keine einzige Bewerbung bekommen.“ Sollte die Schule Lehrer abordnen, müssten für diese andere Kollegen einspringen. „Das bringt Unruhe in die ganze Schule, denn der Lehrerwechsel betrifft viele Schüler“, sagt Naber.

KGS verliert 130 Stunden

Besonders hart trifft das Lehrerkarussell die Carl-Friedrich-Gauß-Schule in Hemmingen. Die Kooperative Gesamtschule soll mehr als 130 Stunden abgeben. „Wir werden bei uns kürzen müssen, um das aufzufangen. Auch wenn das Ministerium etwas anderes sagt: Der Pflichtunterricht ist nicht gesichert“, macht Schulleiter Dieter Driller-van Loo deutlich. „Wir werden zudem sinnvolle Schulprogrammarbeit wie das selbstverantwortliche Lernen stornieren müssen.“

Olaf Wernhoff vom Personalrat bringt die Stimmung auf den Punkt: „Wir kochen.“ Der Vorsitzende des Schulelternrates, Thorsten Langner, kündigt an, dass die Eltern sich massiv gegen die Abordnungen stellen werden.

Grundschulen profitieren

Alles zum Schulstart

Das müssen Sie zum Schulstart wissen.

Wann die Lehrer von der KGS kommen, weiß Ellen Albrecht nicht. Die Leiterin der Grundschule an der Feldbuschwende braucht Kollegen, die Förderunterricht geben, im Ganztagsbereich Schüler unterstützen und im Kindergarten Deutsch unterrichten. „Wir würden aber Fähigkeiten und Interessen der Kollegen berücksichtigen.“ An der Grundschule Wasserkampstraße müssten wohl Deutschkurse für Flüchtlingskinder, Förderunterricht, Werken und Textil ausfallen, sollte keine Hilfe kommen. „Ich finde die Unterstützung gut, aber frage mich, was für Lücken dann anderswo entstehen“, sagt Schulleiter Holger Kruppa.

Steigende Schülerzahlen sind ein Grund für die Engpässe, aber keineswegs der einzige. Weil die Ausbildung der Grund- und Hauptschullehrer sich um ein Jahr verlängert hat, sind jetzt zu wenig Absolventen auf den Markt gekommen.

„Wir wussten früh in diesem Jahr, dass es Probleme geben würde. Warum hat das Kultusministerium nicht vorsorglich verstärkt Gymnasiallehrer eingestellt und zunächst an die Grundschulen geschickt?“, fragt ein Schulleiter. Denn die Gymnasien brauchen ab 2020 zusätzliche Lehrer, wenn die Schulzeit sich dort verlängert. Kenner glauben, dass es sinnvoll wäre, bereits jetzt dafür einen Personalbestand aufzubauen.

Saskia Döhner 04.08.2017
04.08.2017