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Aus der Stadt Leibniz Bibliothek bekommt Zuwachs
Hannover Aus der Stadt Leibniz Bibliothek bekommt Zuwachs
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00:22 16.03.2015
Von Simon Benne
„Sie passen hervorragend in unsere Sammlung“: Georg Ruppelt, Direktor der Leibniz-Bibliothek, inmitten der historischen Bücher aus Derneburg.
„Sie passen hervorragend in unsere Sammlung“: Georg Ruppelt, Direktor der Leibniz-Bibliothek, inmitten der historischen Bücher aus Derneburg. Quelle: Michael Thomas
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Hannover

Er war einer der mächtigsten Männer Deutschlands: Vor 200 Jahren zog Ernst Friedrich Herbert Graf zu Münster (1766-1839) beim Wiener Kongress die Fäden für den Aufstieg Hannovers zum Königreich. Zugleich hatte der illustre Staatsminister ein Faible für Wissenschaft und Kultur: Er verkehrte mit den Humboldt-Brüdern und korrespondierte mit dem berühmten Mathematiker Carl Friedrich Gauß, dem er spezielle Instrumente zur Vermessung der Welt aus London besorgte. Auf seinem Familiensitz in Derneburg sammelte Graf Münster kostbare Skulpturen und Gemälde, im Park führte er mit Teehaus und Teatime den angelsächsischen Way of Life ein.

Die prächtige Büchersammlung, die Münster dort zusammentrug, hat jetzt in Hannover ein neues Domizil gefunden: Die Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek hat die mehr als 2000 Bände von einer Erbengemeinschaft erworben. „Diese Bücher passen hervorragend zu unserer Sammlung“, sagt Bibliotheksdirektor Georg Ruppelt. Eine konzertierte Aktion von VGH-Stiftung, Klosterkammer und Kulturstiftung der Länder hat den Kauf ermöglicht - „eine hohe fünfstellige Summe“ sollen die Derneburger Buchschätze gekostet haben, heißt es.

Öffentlich präsentieren kann die Leibniz-Bibliothek ihre neu erworbenen Schätze derzeit noch nicht: Das Haus an der Waterloostraße wird gerade im großen Stil umgebaut. Für 10 Millionen Euro ist der Bereich um die ursprünglich außen liegenden, überdachten Säulen am Eingang zum Glasfoyer umfunktioniert worden. Die Fläche des Erdgeschosses hat sich so fast verdoppelt, dort wird unter anderem ein Vortragssaal für 200 Personen eingerichtet. Pünktlich zum 1. Juli sollen die Bauarbeiten abgeschlossen sein - rechtzeitig zum Geburtstag des Namensgebers Leibniz. Dessen Schriften sollen dann im ersten Obergeschoss in klimatisierten, gläsernen Kuben zu sehen sein. Und womöglich könnten auch die Schätze aus der „Derneburger Bibliothek“ dort in einer Ausstellung zu Ehren kommen.

Deren Bände bilden so etwas wie ein Kaleidoskop des Wissens: „Graf Münster hatte einen weiten Bildungshorizont“, sagt Peter Marmein von der Leibniz-Bibliothek: Werke von Schiller und Lessing las er ebenso wie eine französische „Robinson Crusoe“-Ausgabe. Viele Bände, darunter kostbare Werke in Ledereinbänden, beschäftigen sich mit italienischer Kunst oder englischer Geschichte - schließlich lebte Graf Münster zeitweise selbst in London, wo die Welfen in Personalunion zugleich über Großbritannien und Hannover herrschten.

Manche der bibliophilen Kostbarkeiten nehmen sich für Laien eher schmucklos aus - etwa Buffons mehrbändige „Histoire Naturelle“: Die Seiten des naturkundlichen Werks mussten Leser erst aufschneiden, um es lesen zu können. So lässt sich heute genau rekonstruieren, welche Passagen Münster einst las. „Er hatte diese Bücher nicht nur zum Repräsentieren - sie waren vor allem seine Arbeitsbibliothek“, sagt Marmein.

Naturgemäß beschäftigten sich daher viele Bücher des Staatsministers mit Kameralistik und Verwaltung - und genau das macht den historischen Wert der Münster’schen Buchsammlung heute aus: „Die Bibliothek bildet seinen politischen Wirkungskreis ebenso ab wie seine privaten Interessen“, sagt Marmein. „Außerdem spiegelt sie das Netzwerk seiner Beziehungen.“

Ein Buch in italienischer Sprache hatte dem hannoverschen Staatsmann, wie Münster selbst stolz im Einband verzeichnete, der sizilianische König Ferdinand höchstselbst bei einer Italien-Reise vermacht. Der Göttinger Gelehrte Johann Friedrich Blumenbach ließ Münster als „Ew. Excellenz treugehorsamster Diener“ wissenschaftliche Werke zukommen. Und Münsters Gattin Wilhelmine Charlotte hinterließ am Buchrand schon einmal handschriftliche Anmerkungen über Theaterstücke.

„Die Bücher dokumentieren so das gräfliche Leben zur damaligen Zeit - sie sind eine wichtige Quelle“, sagt Matthias Wehry, der bei der Leibniz-Bibliothek für alte Drucke zuständig ist. Dies gilt umso mehr, als nur wenige Adelsbibliotheken aus dieser Zeit so vollständig erhalten sind wie diese: Münsters Nachkommen verwahrten die Buchschätze über Generationen auf Schloss Derneburg. Zuletzt wurden die Bücher auf Gut Walshausen bei Hildesheim aufbewahrt. Und jetzt haben sie im klimatisierten Magazin der Leibniz-Bibliothek ihre vorerst letzte Bleibe gefunden.

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