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Aus der Stadt Leibniz-Bibliothek zeigt Goldenen Brief
Hannover Aus der Stadt Leibniz-Bibliothek zeigt Goldenen Brief
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00:26 01.11.2015
Von Simon Benne
Am Donnerstag konnten Besucher den Goldenen Brief bestaunen. Quelle: Hagemann
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Man kann über solche abgehobenen Theoretiker wie Leibniz ja sagen, was man will. Aber mit Büchern kannte er sich aus: „Der Nutzen einer auserlesenen Bibliothek kann nicht in Zweifel gezogen werden“, befand Hannovers großer Denker. „Man findet darin gleichsam einen Auszug dessen, so Gott und der menschliche Verstand gewirket.“
Anno 1665, vor 350 Jahren also, verlegte Leibniz’ späterer Chef, der Welfenherzog Johann Friedrich, seine Privatbibliothek aus Celle in die Residenzstadt Hannover. Immerhin 950 Bände. Ein paar Jahre darauf holte er den jungen Gottfried Wilhelm Leibniz als Bibliothekar hierher: „Nach den bescheidenen Anfängen wurde er zum eigentlichen Gründungsdirektor der Universalbibliothek“, sagt Christine van den Heuvel, Präsidentin des Landesarchivs. Bei der Jubiläumsfeier stellte die Historikerin am Donnerstag die opulente Festschrift „350 Jahre Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek“ (456 Seiten, 44,80 Euro) vor. 

Die Leibniz-Bibliothek hat für kurze Zeit den Goldenen Brief gezeigt.

Mit ihren rund 1,6 Millionen Medien – von der mittelalterlichen Handschrift bis zur DVD – gilt die Bibliothek heute als hehrer Kulturort und schier unerschöpflicher Wissensspeicher, als literarisches Gedächtnis Niedersachsens. Doch an ihrer Wiege dürfte auch die Behäbigkeit Pate gestanden haben: Anders als seine Brüder war Herzog Johann Friedrich, von seiner Mutter „das kleine dicke Fritzgen“ genannt, eher unsportlich – und vielleicht entwickelte er sich auch deshalb zum schöngeistigen Büchernarren, der gern in seine Bibliothek investierte.
„Mit Leibniz begann eine stürmische Entwicklung der Wissenschaften in Hannover – und damit auch der Bibliothek“, sagt Georg Ruppelt, der als Bibliotheksdirektor gewissermaßen der Amtsnachfolger von Leibniz ist. Vor gut 300 Jahren forcierte dieser den Ausbau der Büchersammlung zur Hof- und Universalbibliothek, die sich peu à peu dem Publikum öffnete. Im Jahr 1750 hieß es, dass sie „jedem Liebhaber der Wissenschaften alle Tage und zu allen Stunden, wann er es wünsche, offen stehe“.

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Im hannoversch-britischen König Georg II. (1727–1760) fand die Institution einen generösen Gönner: Viermal besuchte der bibliophile Welfe, der in London residierte, das Haus in seiner Heimatstadt Hannover. Damals entwickelte der Bibliothekar Simon Friedrich Hahn hier den ersten Zettelkatalog der Welt, die Bibliothek war ein Zentrum aufklärerischer Wissenskultur – und die Welfen sorgten dafür, dass die Bibliothek jene Schätze bekam, auf die sie noch heute stolz ist. Georg I. schickte aus London eine Prachtversion einer „Vinegar-Bibel“ von 1716 nach Hannover. Unter der Ägide von Georg II. kamen dann kostbare Globen aus Nürnberger Fabrikation und die berühmte Esther-Rolle dazu – eine 6,50 Meter lange, prächtig verzierte jüdische Schriftrolle.

Als Kuriosität ließ Georg II. dort auch den Goldenen Brief ablegen, ein Schreiben eines birmanischen Königs von 1756. Vor wenigen Wochen erst hat die Unesco das auf hauchdünnem Goldblech verfasste Schriftstück jetzt mit dem Welterbetitel geadelt. Donnerstag wurde das Goldstück zum ersten Mal seit der Titelvergabe für wenige Stunden in der Bibliothek öffentlich präsentiert, die derzeit im großen Stil umgebaut wird – und 500 Besucher drängten sich um das glanzvolle Exponat. „Der Brief zählt unzweifelhaft zu den kostbarsten Schätzen der Stadt“, sagt Ruppelt.

Dass das Goldstück heute wieder in Ehren steht, ist vor allem Ruppelt selbst zu verdanken: Der umtriebige Büchermensch ließ den Goldenen Brief, der lange fast unbeachtet im Tresor geschlummert hatte, erforschen. Seit seinem Amtsantritt im Jahr 2002 kämpfte er außerdem dafür, seinen Säulenheiligen Leibniz populär zu machen: Er sorgte dafür, dass die Landesbibliothek nach ihm benannt, dass der Leibniz-Briefwechsel zum Weltdokumentenerbe erklärt wurde – und die Bibliothek etwas von ihrem alten Glanz zurückbekam.
Im Windschatten des Jubiläums verabschiedete sich der agile 68-Jährige, der zur seltenen Spezies der bodenständigen Intellektuellen zählt, jetzt in den Ruhestand. Er kann auf eine Erfolgsbilanz zurückblicken. Zur Wahrheit um seine Institution gehört es nämlich auch, dass die vormals königliche Bibliothek seit der preußischen Annexion Hannovers 1866 an Bedeutung verlor. Im Jahr 1976 zog sie aus dem Archivgebäude dann in den schmucklosen Bau an der Waterloostraße um – deren Umbau Ruppelt durchsetzte. In den kommenden Monaten wird sie wiedereröffnet – und vom Goldenen Brief bis zu Leibniz’ Rechenmaschine werden ihre Kostbarkeiten danach endlich dauerhaft in Vitrinen zu sehen sein. „Dann werden diese Schätze endlich angemessen präsentiert“, sagt Ruppelt. Es klingt, als ginge er zufrieden.

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