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Aus der Stadt Ist Leinenzwang sinnvoll?
Hannover Aus der Stadt Ist Leinenzwang sinnvoll?
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00:17 18.04.2015
Hannover - Laatzen - Brut- und Setzzeit - beim Nabu zeigt Peter Saemann ein Kiebitzgelege mit ausgestopften Tieren.
Hannover - Laatzen - Brut- und Setzzeit - beim Nabu zeigt Peter Saemann ein Kiebitzgelege mit ausgestopften Tieren. Quelle: Tim Schaarschmidt
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Vier Bier! Vier Bier! Vier Bier!“, ruft Peter Saemann singend. Er sitzt nicht etwa an einem Kneipenthresen, sondern imitiert eine Singdrossel. „So kann man sich den Ruf des Vogels merken“, sagt Saemann augenzwinkernd. Seit knapp 30 Jahren zeigt der ehrenamtliche Mitarbeiter des Naturschutzbundes (Nabu) Besuchern des Naturschutzzentrums Alte Feuerwache in der Leinemasch frühmorgens Singvögel in Wald und Wiese. Manche Arten wie die Goldammer sieht er immer seltener.

Die Goldammer zählt zu den Bodenbrütern. Durch mehr Monokulturen und Bebauung von Freiflächen wird ihr Lebensraum immer mehr eingeschränkt. Auch die Bestände von Kiebitz und Flussregenpfeifer schrumpfen. Alle drei Vögel stehen auf der roten Liste bedrohter Arten - und sind mit der Grund dafür, dass Hunde in der Brut- und Setzzeit vom 1. April bis 15. Juni in freier Natur angeleint werden müssen. Aber muss man Hunde wirklich an die Leine nehmen, wenn die bedrohten Tierarten ohnehin schon weitgehend aus dem stadtnahen Naturraum verschwunden sind?

Auch Saemann mag Hunde. Wenn sie angeleint und gut erzogen sind, dann dürfen ihre Besitzer sie zu seinen Vogelführungen mitnehmen. Denn er ist ein Befürworter des Leinenzwangs: „Die Störung der Wildtiere ist sonst zu groß.“ Vorrangiges Problem sei nicht, dass Hunde die Vögel töteten, sagt Saemanns Kollege Konrad Thye, Vorstandsmitglied im Nabu Hannover. Wenn ein Hund aber in das Revier eines Vogels eindringe, flüchte dieser. Das koste den Vogel Energie, die Jungvögel kühlten aus und stürben mitunter daran. Hundebesitzer merkten davon meist nichts. Schließlich seien die Nester der Bodenbrüter an Weg- und Ackerrändern gut getarnt. Selbst für Ornithologen wie Thye seien sie mit dem bloßem Auge kaum erkennbar. Ein Problem seien übrigens ebenso jagende Katzen. „Katzenhalter stehen genauso in der Verantwortung“, sagt Thye.

Sehr selten kommt es vor, dass ein verletzter Wildvogel bei Norbert Kummerfeld landet. Er ist an der Tierärztlichen Hochschule zuständig für Zieh- und Wildvögel. „Der Nachteil für den Hund ist eine Verringerung der Freiheit. Die Vögel bezahlen aber oft mit dem Leben“, sagt er. Aber nicht nur für Vögel sei die Anleinpflicht während der Brut- und Setzzeit eine Entlastung, sondern auch für andere Wildtiere wie Hasen und Rehe. „Einmal ansabbern reicht - und der Hase oder das Reh lassen ihre Jungen zurück, weil sie nach Hund riechen“, sagt Kummerfeld. Die Besitzer der Hunde bekämen solche Vorfälle oft gar nicht mit, denn die Jungtiere erstarren beim Anblick des Hundes.

Hundebesitzer führen häufig ins Feld, dass ihre Tiere nicht 2,5 Monate auf Auslauf verzichten können. Das Argument kommt nicht von rücksichtslosen Ignoranten, sondern inzwischen durchaus auch von anerkannten Tierspezialisten wie Prof. Ingo Nolte von der TiHo oder der Tierärztin und ehemaligen hannoverschen Bürgermeisterin Hilde Moennig.

Auch Kummerfelds TiHo-Kollege Oliver Keuling schätzt, dass es in Hannover kaum noch Bodenbrüter gibt. Seine Schlussfolgerung aber wird viele Hundebesitzer in Hannover freuen: „Lieber kein Leinenzwang in der Stadt und dafür stärkere Kontrollen im Umland“, sagt er. 13 043 Unterschriften hat eine Initiative um TiHo-Professor Nolte gegen den starren Leinenzwang gesammelt und will im Landwirtschaftsministerium ein Umdenken erzwingen. Bei einem ersten Gespräch im April mit Staatssekretär Horst Schörshusen, Naturschutz-, Jagd- und Hundeverbänden war man sich einig: Niemand wolle frei laufende Hunde in Landschaftsschutzgebieten. Stattdessen solle es mehr Freilaufflächen geben in Bereichen, wo Jogger oder Waldarbeiten die Bodenbrüter ohnehin vertrieben haben. Eine neue Regelung wird gesucht und soll Ende des Jahres als Naturzuganggesetz verabschiedet werden.

Der Laatzener Naturschützer Saemann schüttelt darüber den Kopf, auch wenn er sich selbst als Hundefreund bezeichnet. „Ein Hund hat einen Jagdinstinkt“, sagt er. Auch während seiner Vogelführungen spricht er das Thema an - wenn Kinder dabei sind, weniger drastisch. Die fingen schnell an zu weinen wegen der „armen Piepmätze“.

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