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Aus der Stadt Linden wird 900 Jahre alt und feiert
Hannover Aus der Stadt Linden wird 900 Jahre alt und feiert
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00:15 04.05.2015
Von Simon Benne
Hat sich zu einem Wahrzeichen von Linden entwickelt: Das Enercity-Kraftwerk. Quelle: Archiv
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Hannover

Herbert Kivelitz kann seinen Tagesablauf in Menschen einteilen. Jeden Morgen um 7 Uhr kommt die Dame mit dem Hund, um ihre Zeitung zu kaufen. Dann der Kunde, der Zigaretten möchte. Das Fenster seines Ladens ist für den 65-Jährigen ein Fenster zu einem Stück Linden. Seit mehr als 40 Jahren. „Mein Vater hat hier schon 1929 Juno und Eckstein-Zigaretten an die Arbeiter verkauft, die in Dreierreihen auf dem Weg zur Hanomag waren“, sagt Kivelitz.

Linden wird 900 Jahre und feiert das. Ein Streifzug durch den Stadtteil.

Im karierten Hemd steht er zwischen Flachmännern und Tabakwaren, Süßigkeiten und Sandspielzeug. Sein Laden an der Posthornstraße ist eine Lindener Institution. „Wir haben schon viel kommen und gehen sehen“, sagt er und stützt sich auf den Tresen: „Längst leben hier nicht mehr nur Arbeiter, sondern auch Studenten und Professoren. Wandel hat’s immer schon gegeben in Linden.“

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Einen Text über das historische Linden lesen Sie hier.

Der Satz könnte wie ein Motto stehen über der 900-Jahr-Feier, die Linden an diesem Wochenende zelebriert. Anno 1115 soll das Dorf urkundlich erstmals erwähnt worden sein. Und fast ebenso lange ist Linden der beständige Wandel. Kaum ein Viertel hat so viele Häutungen durchlebt und immer wieder so viele Menschen integriert wie dieses. Schon 1874 baute man im einst lutherischen Linden eine katholische Kirche, für zugewanderte Arbeiter vom Eichsfeld. In den Siebzigern versprühte das graue Quartier dann jenen rauen Arbeitercharme, den Herbert Grönemeyer für Bochum besang - und zog Studenten in Scharen an. Auch Gastarbeiter fanden hier eine Heimat: Heute haben in Linden-Süd rund 44 Prozent der Bewohner einen Migrationshintergrund. Mehr sind es unter Hannovers 53 Stadtteilen nur in Vahrenheide, Stöcken und Mühlenberg. Und immer identifizierten sich die Zugezogenen schnell mit Linden, so wie Neu-Berliner sich schnell als Hauptstädter fühlen.

„Türken, Albaner, Afrikaner - alle haben hier ihren Platz“, schwärmt Sema Öztas. Sie selbst kam vor 34 Jahren aus der Türkei nach Deutschland, seit sieben Jahren arbeitet sie in der Bäckerei „Konak Pastanesi“ an der Limmerstraße. In ihrer Auslage liegen deutsche Brötchen einträchtig neben türkischen Sesamringen. Sie schaut hinaus auf die Straße, auf beklebte Laternenpfähle und anatolische Geschäfte. Für Außenstehende mag Linden eine Mischung aus Backstein, Parkplatznot und Arbeiterromantik sein - für Öztas ist Linden ein Lebensgefühl: „Hier sind alle locker und offen“, sagt sie, „und abends geht es auf der Limmerstraße sehr lebendig zu.“ Nicht umsonst hat das Verb „limmern“ im Schatzkästlein hannoverscher Sprache zwischen „krökeln“ und „Stips“ längst einen Ehrenplatz.

Seit 900 Jahren besteht Linden. Zunächst als eigenständige Arbeiterstadt, mittlerweile als Studenten- und Szeneviertel. Ein Blick durch die Jahrhunderte.

Ein Problem freilich gibt es für die Verkäuferin: Sie selbst kann sich Linden nicht leisten. Sie pendelt täglich aus Ricklingen an ihren Arbeitsplatz. Natürlich hat sie nach einer Wohnung gesucht: „Doch die Preise sind viel zu hoch“, sagt sie: „Linden ist eben kein Billigviertel mehr.“ Der Trend besorgt viele Alteingesessene; sie fürchten, dass reiche Neuzuzügler Linden in ein edles Szeneviertel verwandeln könnten. Immerhin hat das Kapern von pittoresken Kulissen in Linden eine gewisse Tradition: Einen feudalen Welfenbau, den Küchengartenpavillon, haben die Lindener 1911 auf den Bergfriedhof versetzt; heute residiert dort der Verein Quartier. Aus einer alten Bettfedernfabrik haben sie ein Kulturzentrum gemacht, das „Faust“. Und vor 40 Jahren schätzten linke Studenten das proletarische Flair des Viertels. Sie pflegten den alten Arbeitermythos - und gingen schließlich selbst in ihm auf. Einer der Studenten war damals Jonny Peter. „Ich bin Lindener nicht von Geburt, aber aus Überzeugung“, sagt der Soziologe. Als er in den Siebzigern an die Viktoriastraße zog, sollten dort alte Häuser abgerissen werden. Er stieß zu einer Gruppe, die dagegen kämpfte - und wurde so zum Anwalt des alten Linden.

Das alte Linden - gibt es das heute überhaupt noch? Jonny Peter sitzt auf der Terrasse des Küchengartenpavillons. Er wiegt den Kopf - und zitiert Fritz Röttger, den Mitbegründer des „Butjerfests“: „Ein echter Lindener ist nur, wer vor 1920 geboren wurde“, hatte dieser vor langer Zeit erklärt. Vor der Vereinigung der Stadt Linden mit Hannover also: „Das wäre heute kaum noch jemand.“

Tatsächlich gelten unter Gesinnungslindenern zwei Wahrheiten. Erstens: Linden ist das Epizentrum des Universums. Zweitens: Das alte Linden verschwindet. Nur da und dort lässt sich noch ein Hauch des echten, früheren Linden erhaschen. Und so liegt immer auch ein Hauch von Wehmut über dem quirligen Quartier - in den sich derzeit die Angst vor Gentrifizierung mischt.

„Das Wort versteht in Linden kein Mensch“, sagt Jonny Peter. „Ich sage: Schickimickisierung.“ Der 61-Jährige weiß, dass Lindens letzte Baulücken heute mit hochwertigen Häusern geschlossen werden. Dass sich um den Lindener Marktplatz herum längst edle Geschäfte angesiedelt haben. Dass ganze Straßenzüge inzwischen etwas sind, was Linden nie war: schick. Er sieht das mit Sorge, doch er warnt auch vor Panikmache: „Der Prozess ist längst nicht so rigide wie in Kreuzberg“, sagt er.

Vor 40 Jahren zog man weg, wenn man Geld hatte. In die List vielleicht. „Heute bleiben die Leute hier“, sagt Peter. Zugleich sind die Fronten unübersichtlicher geworden: „Bürger und Arbeiter stehen sich doch nicht mehr als unversöhnliche Gruppen gegenüber.“ Natürlich, die Alten sterben, und angestammte Lebenswelten mit ihnen. „Der Stadtteil verändert sich“, sagt er: „Linden ist heute attraktiv für ein alternatives, wohlhabendes Milieu.“ Zugleich prophezeit der Soziologe, dass es in Linden auch in Zukunft immer etwas chaotischer und bunter, lauter und weniger fein zugehen werde als anderswo. „Trotzdem kann in zehn Jahren hier alles wieder ganz anders sein.“ Das entspräche zumindest guter Lindener Tradition.

Lindener Marktplatz wird zum Fest-Gelände

Dass Linden derzeit in Feierlaune ist, konnte man am Tag der Arbeit im Bereich der Faustwiese riechen. Es duftete wahlweise nach Köfte, Falafel, Kebap oder Hühnchen, zubereitet auf afrikanische Art. Die Musik und das Angebot an Informations- und Mitmachständen präsentierten sich ähnlich bunt. Das Maifest auf dem Faustgelände war in diesem Jahr so etwas wie der inoffizielle Auftakt zu den Jubiläumsfestivitäten. Tausende ließen sich anlocken.

Auf der Faust-Wiese feiert das Kulturzentrum Faust sein Internationales 1.Mai-Fest.

Am Sonntag wird auf dem Lindener Marktplatz die offizielle Geburtstagsparty gefeiert. Es gibt Stadtteilführungen, Filme, eine Oldtimer-Ausstellung und ein Kinderfest. Die Geschäfte im Stadtteil haben geöffnet. Der Bezirksrat, das Freizeitheim und die HAZ präsentieren zudem von 11 bis 22 Uhr lokale Künstler vom Chor bis zum Swing-Ensemble. Der Fanfarenzug Alt Linden eröffnet die Veranstaltung um 10.45 Uhr. Auf die Eröffnungsrede des Lindener Bezirksbürgermeisters Rainer-Jörg Grube folgen der DGB-Chor sowie der Frauenchor Quintensprung. Ferner gibt es im Programm einen speziellen Lindensprachkursus und von 14.45 Uhr an Musik für Kinder. Gegen 18.30 Uhr spielt die 13-köpfige Spielvereinigung Linden-Nord Lieder wie „Limmerstraße“. Den Abend beschließt um 20.15 Uhr Juliano Rossi mit Jazz und Swing.

Die HAZ-Redaktion hat sich für den Geburtstag etwas Besonderes einfallen lassen. Um 18 Uhr soll es Hannovers ersten Luftgitarren-Flashmob geben. Seit zwei Jahren ist Marie von Borstel als Chuck Airy Glitter die ungeschlageneniedersächsische Luftgitarrenmeisterin. Nun führt sie Festbesucher in die Kunst der Luftgitarre ein – und zeigt gemeinsammit ihnen eine Rockversion von „Happy Birthday“. Auch Besucher ohne filigranes Fingerspiel können mitmachen – die HAZ verteilt dazu 900 aufblasbare Gitarren.

twp/se

Bernd Haase 01.05.2015
02.05.2015
Bernd Haase 01.05.2015