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Aus der Stadt 350.000 Euro für die morsche Lindenallee?
Hannover Aus der Stadt 350.000 Euro für die morsche Lindenallee?
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00:15 11.04.2015
Von Andreas Schinkel
Die historische Lindenallee im Berggarten ist seit einem Jahr weiträumig abgesperrt. Quelle: Rainer Dröse
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Hannover

Dazu sei es nötig, meint die Stadt, die morschen Bäume zu kappen, schwere Äste abzuschneiden und die Stämme mit Masten zu stützen. Die Ratspolitik muss dem Vorschlag noch zustimmen – 350. 000 Euro soll diese Variante kosten. SPD und CDU signalisieren bereits Einverständnis.

Damit versucht die Stadt, ein langjähriges Dilemma zu lösen. Sie darf die 130 Linden nicht abholzen und durch junge Pflanzen ersetzen, wie es eigentlich geplant war, weil sich in den morschen Stämmen der streng geschützte Juchtenkäfer eingenistet hat. Die Stadt ist zugleich der Ansicht, dass Äste und ganze Stämme auf Besucher zu fallen drohen, also behilft man sich bisher mit einer weiträumigen Absperrung. Spaziergänger müssen dadurch weite Umwege im Berggarten in Kauf nehmen. Wenig einladend wirkt auch das abgesperrte Allee-Stück vor den Toren des Berggartens. „Inzwischen dürfen aus Sicherheitsgründen nicht einmal Gärtner die Wege zwischen den Bäumen betreten“, sagt Gartendirektor Ronald Clark.

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Der Sturm „Niklas“ vor den Ostertagen hat aber nach Angaben Clarks keine einzige der 300 Jahre alten Linden umgerissen. Für den ehemaligen Forstdirektor der Stadt, Gerhard Dirscherl, ist das wenig überraschend. „Linden sind äußerst standfest, eine solche Absperrung halte ich für übertrieben“, sagt er.

Vor zwei Jahren, als Biologen zum ersten Mal Hinterlassenschaften der Käfer feststellten, ging Clark noch davon aus, dass nur einzelne Bäume betroffen sind. Jetzt lassen sich die Tiere in fast allen Linden nachweisen. Das Käferreservat im Berggarten gehört zu den beiden größten Populationen in Niedersachsen. Nicht nur das Tier, auch seine Wohnstatt unterliegen strengsten Schutzbestimmungen. „Wer den Standort beschädigt, muss mit Haftstrafen von bis zu fünf Jahren rechnen“, sagt Clark.

Nun unterbreitet die Stadt den Ratspolitikern drei Lösungen. Clark favorisiert das Kappen und Abstützen der Bäume, was rund 350 000 Euro kostet. „Der Kompromiss ist für unsere Gäste, den Naturschutz und den Denkmalschutz akzeptabel“, sagt er.

In der Ratspolitik trifft der Vorschlag auf Wohlwollen. SPD-Kulturpolitikerin Belgin Zaman hält die Idee für eine „pragmatische Lösung“. Besser hätte sie aber einen Austausch der Bäume gefunden. Ihr Kollege von der CDU, Oliver Kiaman, freut sich, dass Zäune endlich verschwinden. Die CDU hatte sich für den Erhalt des Baumbestands eingesetzt. „Dafür bedanke ich mich beim Juchtenkäfer“, sagt Kiaman. FDP-Mann Wilfried Engelke wundert sich, dass die Stadt so spät auf die Lösung gekommen ist.

Kommentar von Andreas Schinkel

Problem ausgesessen

Da hätte man auch früher drauf kommen können: Es ist die naheliegendste Lösung, die morschen ­Bäume mit dem Juchtenkäfer darin zu erhalten und mit dem geringst-
möglichen Aufwand abzustützen. Warum ist die Entscheidung erst jetzt gefallen? Der Preis ist allzu hoch: zwei verpatzte Saisons im Berggarten, in denen zahlende Gäste der Herrenhäuser Gärten hinter Absperrgittern bleiben müssen. Erst im nächsten Jahr dürfen Spaziergänger wieder alle Bereiche des Berggartens betreten. Der Wirbel um kleine Käfer, die das Abholzen und Neupflanzen der Lindenallee verhindern, trägt so Züge einer Provinzposse. Das liegt nicht daran, dass ausgerechnet ein hässlicher schwarzer Käfer unter strengstem Naturschutz steht. Der notwendige Erhalt von Arten ist keine Frage der Ästhetik.

Die Stadt hat viel zu lange darauf gehofft, die alten Linden der Allee am Ende doch noch fällen zu können und durch eigens gezüchtete Bäume zu ersetzen. Aber schon Anfang des vergangenen Jahres war absehbar, dass die Käfer in etlichen Bäumen hausen. Dass eine Umsiedlung der Insekten schwierig wird, war ebenso bekannt. Statt aber zu akzeptieren, dass ein Abholzen nicht mehr in Betracht kommt, und nach Lösungen zu suchen, hat die Stadt Zäune aufgestellt und das Problem ausgesessen – zum Nachteil der Gartenbesucher und des touristischen „Leuchtturms Herrenhausen“.

Andreas Schinkel 10.04.2015
10.04.2015