Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt „Die weitere Entwicklung ist blockiert“
Hannover Aus der Stadt „Die weitere Entwicklung ist blockiert“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 03.04.2014
Von Juliane Kaune
Rund 9000 Beschäftigte arbeiten auf dem Campus der MHH. Quelle: Steiner (Archiv)
Hannover

Herr Baum, derzeit häufen sich die schlechten Nachrichten aus Ihrem Haus. 300 Stellen müssen gestrichen werden, weil die MHH tief in den roten Zahlen steckt. Obendrein macht das Krankenhaus Schlagzeilen mit Gammelrohren im sensiblen OP-Bereich und Planungspannen beim Neubau der Hautklinik. Haben Sie manchmal schon bereut, dass Sie vor einem Jahr Ihre Karriere als international anerkannter Wissenschaftler aufgegeben und gegen den Chefsessel des Großunternehmens MHH eingetauscht haben?
In keinem Moment. Mein jetziger Posten bringt viele neue Herausforderungen mit sich – und die gehe ich an wie ein Wissenschaftler: Erst kommt eine genaue Analyse, das ist dann die Basis für eine Entscheidung. Ich sehe auch nicht nur die schlechten Nachrichten, es gibt sehr viel Wertvolles und Gutes, das sich an der MHH entwickelt.

Tatsache ist: Die MHH steckt wirtschaftlich in einer extrem schwierigen Lage. Zum dritten Mal in Folge fährt sie Verluste im zweistelligen Millionenbereich ein. Das aktuelle Defizit ist auf 30 Millionen Euro angestiegen – und soll nun binnen zwei Jahren abgebaut werden. Kommt das jetzt vom Präsidium verordnete strikte Sparprogramm nicht deutlich zu spät?
Hinterher ist man immer schlauer. Unser mit dem Wissenschaftsministerium abgestimmtes Ziel ist es, Ende 2015 wieder eine schwarze Null zu schreiben. Dabei ist unser Finanzproblem nicht nur hausgemacht. Die Hälfte der 32 deutschen Universitätsklinika macht Verluste, weil die Finanzierung durch die Kostenträger der Krankenversorgung weiter unzureichend ist und die Belange der Hochschulmedizin nicht genug berücksichtigt werden. Hier hoffen alle Unikliniken auf einen von der Bundesregierung in Aussicht gestellten „Systemzuschlag“. Allerdings müssen wir uns fragen, warum gerade die MHH zu den beiden größten wirtschaftlichen Verlierern unter den Unikliniken gehört. Nur die Uniklinik Schleswig-Holstein hat ein größeres Defizit.

Und wie fällt Ihre Analyse aus?
In den vergangenen zehn Jahren ist vor allem im Bereich der Forschung sehr viel aufgebaut worden. Das ist wichtig und erfreulich, weil sich so die international anerkannten Forschungsleistungen der MHH manifestieren konnten. Mit einem Drittmittelaufkommen von rund 90 Millionen Euro stehen wir in der Spitzengruppe der deutschen Unikliniken. Allerdings bereitet die Forschung auch wachsende Folgekosten. Das gilt nicht nur für den Zuwachs beim Personal. Es wird auch immer schwieriger, die neu entstandenen Forschungsbauten wirtschaftlich zu betreiben. Im Vergleich zu 2010 fallen für die gesamte MHH jährlich allein 5,4 Millionen Euro mehr durch gestiegene Energiekosten an – ohne dass wir dafür mehr Geld vom Land bekommen.

Und nun muss kräftig auf die Bremse getreten werden. 300 Vollzeitstellen in zwei Jahren abzubauen klingt nach einem Sparen mit der Brechstange.
Die Dynamik auf dem Campus ist so groß, dass wir jetzt genau festlegen müssen, welche Forschungsbereiche noch nachhaltig finanziert werden können. Wir sparen nicht mit der Brechstange, sondern mit Augenmaß. Jede Abteilung wird daraufhin überprüft, was sie noch leisten soll und was nicht. Stellen zu streichen funktioniert nur, wenn die Aufgaben neu definiert werden. Wir müssen das Forschungsangebot in der Breite reduzieren. Die anerkannten Schwerpunkte der MHH werden nicht geschwächt. Dazu zählt etwa die Transplantations- und Stammzellforschung, die Infektionsforschung, die Biomedizintechnik und die Regenerative Medizin, aber auch die Onkologie oder der Bereich Seltene Erkrankungen.

Der Personalrat befürchtet eine „Willkür“ beim Sparen. Es heißt, es sollten quer durch die MHH systematisch befristete Stellen gestrichen werden, weil die am schnellsten abgebaut werden können.
Das ist falsch. Wir kürzen nicht radikal, bis das Betriebsergebnis stimmt. Wir haben an der MHH 7731 Vollzeitstellen, das entspricht rund 9000 Beschäftigten. 2393 Vollkräfte sind befristet angestellt, 755 von ihnen über Drittmittelbudgets, zu großen Teilen in der Forschung. Die Handlungsspielräume werden enger, aber nicht jeder mit einer befristeten Stelle muss sich jetzt Sorgen machen. Im Übrigen wird auch auf der Ebene der Professoren gespart. So haben wir Berufungsverfahren eingefroren, bevor entschieden ist, ob bestimmte Forschungsabteilungen zusammengelegt werden.

Wird es am Ende auch betriebsbedingte Kündigungen geben?
Dazu kann ich ganz klar sagen: Das ist nicht vorgesehen. Wir setzen auf die natürliche Fluktuation des Personals.

Wie werden die Patienten das Sparprogramm zu spüren bekommen?
Die Qualität in der Krankenversorgung und die Sicherheit der Patienten wird keinesfalls leiden. Ich kann aber nicht ausschließen, dass es Einschränkungen beim Komfort geben wird. Damit meine ich nicht den menschlichen Komfort, mit dem die Pflegenden den Patienten am Krankenbett betreuen. Es geht zum Beispiel um so einfache Dinge, ob wir es uns noch leisten können, zusätzlich Nutella zum Frühstück zu servieren oder Obstsäfte auszuschenken. Grundsätzlich sind größere Umstrukturierungen im Klinikbereich nicht möglich und auch nicht sinnvoll. Werden hier Stellen gestrichen, dann nur in Bereichen, die mit der direkten Patientenversorgung nichts zu tun haben. Wir prüfen aber auch, ob es in manchen Abteilungen im Verhältnis zu den Assistenzärzten nicht zu viele Oberärzte gibt.

Auch die Zahl der Ambulanzen steht auf dem Prüfstand.
Hier wird es keine vorschnellen Aktionen geben. Unsere Spezialambulanzen nehmen einen Versorgungsauftrag wahr, der sonst von keiner Klinik in der Region geleistet wird. Schon jetzt bekommen wir besorgte Briefe von Patienten, die schildern, wie gut ihnen geholfen wurde. Wir hoffen, künftig auch eine bessere Finanzierung der Hochschulambulanzen durch die Kostenträger zu erreichen.

Die hohen Defizite im laufenden Betrieb sind nicht das einzige Problem. Offensichtlich ist die MHH ein baulicher Sanierungsfall. Das hat sich zuletzt gezeigt, als Anfang März der Zustand der völlig veralteten Lüftungsanlagen in den OP-Trakten ungewollt öffentlich wurde.
Das war eine von einem Whistleblower bewusst an die Presse lancierte Falschinformation, vielleicht sogar ein persönlicher Racheakt. Es hat keinem genützt und die Patienten verunsichert. Ich stelle nochmals klar: Die Patientensicherheit war zu keinem Zeitpunkt gefährdet, die betroffenen Bereiche werden in absehbarer Zeit modernisiert.

Es gibt aber noch deutlich mehr Schwachstellen auf dem Campus ...
Richtig ist, dass unsere zentralen Gebäude fast 50 Jahre alt sind und einen hohen Sanierungsbedarf haben. Zum Beispiel müssen die gesamten unterirdischen Versorgungsbereiche der MHH zwingend modernisiert werden. Dringend sanierungsbedürftig sind auch manche Krankenstationen, deren Ausstattung veraltet ist. Schon in den vergangenen Jahren haben wir hohe Summen für Sanierungen aufgewendet. Mindestens ein Drittel unseres kumulativen Defizits kommt dadurch zustande, dass wir mehr Geld in Instandhaltungsmaßnahmen investieren mussten, als in dem vom Land gewährten Budget zur Verfügung stand. Das war notwendig, weil ein reibungsloser Betrieb der betroffenen Bereiche sonst nicht mehr gewährleistet gewesen wäre.

Zur Person

Prof. Christopher Baum gehört zu den weltweit renommierten Forschern der Zell- und Gentherapie im blutbildenden System. Im Jahr 2000 kam der heute 51-Jährige an die MHH. Sieben Jahre leitete er das Institut für Experimentelle Hämatologie, das zum Exzellenzprojekt „Rebirth“ gehört. Seit 2007 war er zudem MHH-Forschungsdekan. Der in Marburg (Lahn) geborene Baum studiert zunächst Philosophie in Mainz, dann Medizin in Essen, Freiburg und Hamburg. Er promoviert 1991 am Uni-Klinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), wo er im Anschluss auch arbeitet. 1999 habilitiert er sich im Fach Molekulare Medizin an der Uni Hamburg. Bis zu seinem Wechsel an die MHH ist Baum am UKE wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Knochenmarktransplantation. In Hannover erhält er zunächst eine Stiftungsprofessur für Stammzellbiologie, bevor er 2006 einen eigenen Lehrstuhl bekommt und Institutsleiter wird. Von 2003 bis 2009 ist er zusätzlich zu seiner MHH-Professur in den USA am „Cincinnati Children’s Hospital Medical Center“ in Ohio tätig. An der MHH hat Baum neben seiner Lehrtätigkeit vier Jahre auch die Funktion eines Ombudsmanns für gute wissenschaftliche Praxis inne. Für seine Forschungen wird er 2011 mit dem Eva-Luise-Köhler-Forschungspreis für Seltene Erkrankungen ausgezeichnet. Baum ist verheiratet und hat zwei Töchter, die beide studieren.

Wie hoch ist der Investitionsstau?
Für die kommenden zehn Jahre liegt er bei rund 500 Millionen Euro. Würde eine komplett neue Kernklinik auf dem Campus gebaut, wären sogar 800 Millionen Euro nötig – das Land hat beim besten Willen nicht genug Geld, um das zu finanzieren. Es ist kein Trost, dass sich die Situation am Göttinger Uniklinikum ähnlich darstellt. Bundesweit gibt es nur sehr wenige Universitätsklinika, die Neubauten im großen Stil bekommen haben. Gleichwohl müssen wir unsere Probleme so schnell wie möglich lösen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Besonders belastend sind die Zustände in der Kinderklinik. Wir können die Eltern nur mit großen Schwierigkeiten bei ihren kranken Kindern unterbringen. Damit wächst auch die Sorge um die Qualität der Medizin.

Was muss passieren?
Weil das Land auf absehbare Zeit keine 500 Millionen Euro investieren kann, denken wir in Abstimmung mit dem Wissenschaftsministerium über alternative Finanzierungskonzepte mit privaten Investoren nach. Solche Szenarien könnten für eine neue Hörklinik oder eine Herz-Lungen-Klinik und die Psychiatrie infrage kommen. Das würde einen dringend notwendigen Innovationsschub auslösen und könnte den Knoten lösen, der die weitere Entwicklung der MHH blockiert. Wir hoffen, dass wir hier in drei Jahren schon weiter sind.

Gibt es auch noch gute Nachrichten aus der MHH?
Auf jeden Fall. Die Leistungen in der Krankenversorgung, Forschung und Lehre sind weiterhin auf einem hervorragenden Niveau. Auch strukturell kommen wir weiter voran: Das 41 Millionen Euro teure Klinische Forschungszentrum CRC, das wir mit dem hiesigen Fraunhofer Institut und dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung realisieren, wird im Mai eröffnet. Ziel ist es, an freiwilligen gesunden oder nur leicht erkrankten Testpersonen Medikamente mit bestmöglichem Know-how zu prüfen, um den Weg in den Markt sicher und effizient zu gestalten. Und für das europaweit beispielhafte Niedersächsische Zentrum für Biomedizintechnik, Implantatforschung und Entwicklung, kurz NIFE, feiern wir in dieser Woche Richtfest. Den 61 Millionen Euro teuren Neubau finanzieren Bund und Land. Dort werden wir mit der Leibniz Universität und der Tierärztlichen Hochschule neuartige Implantate wie den intelligenten Innenohrersatz, die mitwachsende Herzklappe oder die selbst auflösende Knochenschraube entwickeln.

Das ist die MHH

Die Medizinische Hochschule (MHH) hat als Uni-Klinikum drei Standbeine: Krankenversorgung, Forschung und Lehre. Insgesamt arbeiten rund 9000 Beschäftigte (7731 Vollzeitstellen) auf dem Campus, darunter 1297 Ärzte und 459 Wissenschaftler. Die Betriebserträge lagen 2012 bei 615,5 Millionen Euro, der Landeszuschuss bei 171,9 Millionen.

Krankenversorgung: Als Klinikum der Supramaximalversorgung behandelt die MHH extrem kranke Patienten. In dem 1467-Betten-Haus wurden im vergangenen Jahr 58.987 Patienten stationär versorgt; hinzu kamen 408 704 ambulante Behandlungsfälle. In der Transplantationsmedizin zählt die MHH mit jährlich 400 bis 500 Organverpflanzungen zu den weltweit führenden Zentren. Eine Auswahl weiterer Schwerpunkte: Infektiologie und Immunologie; Herz- und Gefäßmedizin; HNO/Hörsysteme; Verdauungstrakt, Leber; Krebstherapie; Lunge; Neurologie und Neurochirurgie; Unfallchirurgie und Orthopädie; Frauenheilkunde/Geburtshilfe und Neugeborenenmedizin.

 Forschung: 92 Millionen Euro Forschungsgeld wurden 2012 eingeworben, damit konnten 906 Stellen finanziert werden. Die MHH leitet das Exzellenzcluster „Rebirth“ und ist am Cluster „Hearing4all“ beteiligt. Es gibt fünf Sonderforschungsbereiche, zwei Transregio-Forschungsbereiche, drei Forschergruppen, drei Graduiertenkollegs.

Lehre: 3288 Studenten sind eingeschrieben – im Modellstudiengang Medizin, in Zahnmedizin, Biomedizin, Biochemie, Public Health und Hebammenwissenschaften.

Aus der Stadt Internationale Musikparade 2014 - Musik Marsch!

Am Sonntag war es soweit: Die Swiss Life Hall wurde wieder einmal Schauplatz des größten Europäischen Festivals der Militär- und Blasmusik – der „Internationalen Musikparade“. 

30.03.2014

Über Jahrzehnte hatte sie ihren festen Platz im Veranstaltungskalender der Stadt, und das Herrenhäuser Galeriegebäude galt unter Ausstellern als „schönste Messehalle Deutschlands“. Dennoch wird es künftig keine Kunst- und Antiquitätenmesse in Herrenhausen mehr geben.

Simon Benne 30.03.2014

Knapp 2.000 Besucher haben am Sonntag trotz des strahlenden Wetters den Weg ins Landesmuseum gefunden, das mit einem Familienfest und kostenlosem Eintritt die neuen Landwelten vorstellte.

Bärbel Hilbig 30.03.2014