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Aus der Stadt MHH-Therapie hilft EHEC-Patienten
Hannover Aus der Stadt MHH-Therapie hilft EHEC-Patienten
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21:48 30.05.2011
Von Veronika Thomas
Seit Mittwoch ist das Medikament mit dem Antikörper Eculizumab im Einsatz. Quelle: dpa

Die Zahl der Patienten, die sich mit dem Darmkeim EHEC infiziert haben und wegen schwerer Komplikationen in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und im Klinikum Oststadt-Heidehaus behandelt werden müssen, steigt weiter: In der MHH werden aktuell 50 Infizierte mit der EHEC-Komplikation HUS, dem hämolythisch-urämischen Syndrom, behandelt, das sich durch Nierenversagen oder neurologische Störungen wie Krampfanfälle äußert. Im Oststadt-Heidehaus sind es 16. Erfolgversprechend verläuft unterdessen der Einsatz eines neuartigen Medikaments, das die MHH seit Mittwoch bei Patienten einsetzt, die unter besonders schweren Komplikationen einer EHEC-Infektion leiden.

„Es ist kein Wundermittel“, betonte am Montag Prof. Hermann Haller, Direktor der MHH-Klinik für Nieren- und Hochdruckerkrankungen. Zwar habe sich der Zustand der Patienten, die mit dem Antikörper Eculizumab behandelt worden sind, verbessert, zum Teil sogar „sehr deutlich“ oder ihre Erkrankung sei zum Stillstand gekommen. Dennoch sei die Behandlungsdauer zu kurz, um eindeutige Aussagen zu treffen. Die MHH hat als bundesweit erste Klinik mit der neuen Therapie begonnen. Seit dem Wochenende wird Eculizumab auch in den Universitätskliniken in Hamburg und Kiel eingesetzt. Das Medikament bewirkt, dass bestimmte Entzündungsprozesse, die ein Giftstoff des EHEC-Erregers auslöst, unterbrochen werden. Eine Infusionslösung Eculizumab kostet 6000 Euro, das Medikament steht in ausreichender Menge zur Verfügung. Wegen möglicher Nebenwirkungen, etwa der Hirnhautentzündung auslösenden Meningokokken, werden die Patienten parallel dazu vorsorglich geimpft und erhalten zusätzlich Antibiotika.

Das Antikörper-Medikament Eculizumab ist seit zweieinhalb Jahren auf dem Markt und kommt bisher bei Kindern zum Einsatz, die unter einer seltenen angeborenen Erkrankung der blutbildenden Stammzellen leiden. Auch bei EHEC-infizierten Kindern verbesserte sich deren Krankheitsverlauf nachweislich nach der Gabe von Eculizumab. Erwachsene erhalten diese Antikörper bereits bei chronischen Erkrankungen mit Gefäßentzündungen. Nun also bei schweren Komplikationen im Zusammenhang einer EHEC-Infektion. Für die MHH-Mediziner bedeutet der Einsatz Detektivarbeit, weil bisher unbekannt ist, wie häufig und über welchen Zeitraum die Antikörper verabreicht werden müssen. „Die Anwendung der neuen Therapie wird genauestens protokolliert und ausgewertet“, sagte MHH-Vizepräsident Andreas Tecklenburg.

Niedersachsens Sozialministerin Aygül Özkan, die sich am Montag in der MHH ein Bild von der Lage verschaffte, lobte das Engagement von Ärzten und Pflegekräften, die zum Teil ihren Urlaub unterbrochen haben oder an freien Tagen Dienst täten. „Ihnen zolle ich tiefen Respekt für ihre aufopfernde Arbeit in einer wirklichen Ausnahmesituation“, sagte Özkan. Für HUS-Patienten, die eine Blutwäsche benötigten, stünden niedersachsenweit 13 Kliniken zur Verfügung, sagte Özkan. Prof. Haller bezeichnete die Epidemie als bisher weltweit größte EHEC-Erkrankungswelle.

MHH-Vize Tecklenburg betonte, dass die MHH nach wie vor über ausreichende Kapazitäten verfüge, um weitere schwer kranke Patienten aufzunehmen. Seit dem 19. Mai habe die Klinik 52 Patienten, darunter elf Kinder, behandelt. In dieser Zeit wurde 112-mal Blutplasma ausgetauscht, in 56 Fällen war eine komplette Blutwäsche erforderlich. Vier Patienten konnten die MHH inzwischen wieder verlassen. Das Gros der Patienten kommt aus dem Raum Hamburg und Lüneburg, wo Kliniken überlastest sind.

Das Gesundheitsamt der Region Hannover appelliert an Verbraucher, Tomaten und Blattsalate nicht roh zu verzehren und auf den Genuss von Salatgurken ganz zu verzichten. „Zwar würde es reichen, eine Salatgurke zu schälen“, sagt Hans-Bernhard Behrends, Amtsarzt der Region Hannover. Aber sollten sich Keime auf der Gurkenschale befinden, reiche ein Handgriff, um den Erreger auf das geschälte Gemüse zu übertragen. In der Region Hannover sind aktuell 18 Bewohner mit dem Erreger EHEC infiziert, vier von ihnen liegen mit dem hämolythisch-urämischen Syndrom (HUS) im Klinikum Oststadt-Heidehaus, bei 26 besteht der Verdacht einer Infektion.

Im Kinderkrankenhaus auf der Bult wurde bislang erst ein Fall von EHEC diagnostiziert. Das betroffenene Kind wurde in die Pädiatrische Klinik der MHH zur Dialyse verlegt. „Bisher stellen wir keine übermäßige Anzahl von Anfragen besorgter Eltern mit Kindern in unserem Ambulanz- und Aufnahmezentrum fest“, sagte ein Sprecher des Kinderkrankenhauses.

Keine belasteten Proben in der Region Hannover

Die Lebensmittelkontrolleure von Stadt und Region haben in und um Hannover bisher kein mit dem EHEC-Erreger belastetes Gemüse gefunden. Die 22 Mitarbeiter der Stadt Hannover nahmen seit Donnerstag vergangener Woche 69 Proben von Gurken und vereinzelt von Paprika und Zucchini. Bisher liegen von 14 Proben Ergebnisse vor – alle sind negativ. Die Region Hannover suchte 25 Einzelhandels- und elf Gemüseanbaubetriebe auf, verteilte Fragebögen und nahm ebenfalls Proben. Insgesamt hat die Region bisher 222 Betriebe angeschrieben. Nachweise von EHEC-Erregern auf Lebensmitteln in und um Hannover hat die Regionsverwaltung nicht. „Wir haben keine Anhaltspunkte, dass in der Region mit EHEC verunreinigte Lebensmittel angebaut oder vertrieben worden sind“, sagt Regionssprecher Nils Meyer. Bei den Kontrollen der Gemüsebauern interessierten sich die Experten auch für Aspekte wie Düngung und Wässerung der Pflanzen.

Infoveranstaltung: Im Hörsaal des Klinikums Siloah, Roesebeckstr. 15, informieren Fachärzte und Hygieneexperten am Dienstagabend im Rahmen der Reihe „Gesundheitsforum“ um 18 Uhr über das Thema EHEC. Wie kann man sich vor der Darminfektion schützen? Welche Therapie ist bei schweren Verläufen geboten? Fragen wie diese beantworten der Mikrobiologe Dr. Uwe Mai, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene des Klinikums Region Hannover (KRH), und Prof. Dr. Reinhard Brunkhorst, Chefarzt der Klinik für Nieren-, Hochdruck- und Gefäßkrankheiten im Klinikum Oststadt-Heidehaus.

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