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Aus der Stadt Männerabend im Spielwarenladen „idee+spiel“
Hannover Aus der Stadt Männerabend im Spielwarenladen „idee+spiel“
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18:29 06.11.2011
Allein unter Puppen: Beim „Männerträume“-Abend im Spielwarenladen „idee+spiel“ in der Grupenstraße treten die Besucher in elf Disziplinen gegeneinander an. Darunter im Pokern. Quelle: Philipp von Ditfurth
Hannover

Es sind ungewöhnliche Energien, die Carrera-Rennbahnen bei Männern freisetzen. Die einen werden zu regelrechten Schimpfwortschöpfern und beleidigen ihre Mitspieler fortwährend als Rambos, Raudis, Sufffahrer, Sonntagsbremser, Blindgänger und Berufshenker. Andere entdecken ihr Talent zum alles kommentierenden Sportreporter („Der gelbe Wagen wirkt orientierungslos“) oder üben sich im stillen Amoklauf im Straßenverkehr, rammen grinsend das Heck der Kontrahenten und schieben sie milde lächelnd über Leitplanken hinweg ins Jenseits. Die letzte Gruppe drückt den Gasknauf einfach nur voll durch, hält sich die Augen zu und berichtet von Schwindelgefühlen. Am Ende gewinnt immer der, der statt zu schimpfen und zu rammen, ruhig seine Bahnen zieht ohne weiter aufzufallen – die Vettel-Variante.

Andreas Klaube ist so ein besonnener Rennbahnfahrer. Statt seine Konkurrenten anzubrüllen, versucht er nur, sein kleines Auto auf der Spur zu halten und den eher unkontrollierten Manövern seiner Kollegen aus der Stadtverwaltung Garbsen auszuweichen, die mit ihm zum „Männerträume“-Abend in den Spielzeugladen „idee+spiel“ in der Grupenstraße gekommen sind. Gemeinsam kämpfen sie in elf Disziplinen von Darts bis Poker gegeneinander. „Es ist mehr als 40 Jahre her, dass ich mit einer Autorennbahn gespielt habe“, sagte Klaube. „Großartig!“ Seine Sätze gehen im Geschrei der Mitspieler fast unter. Männer unter sich sind nicht gerade leise.

Das weiß Heinz Lehmann nur zu gut. Vor zwei Jahren hatte er die Idee, etwa 60 befreundete Herren zu einem Spieleabend nach Feierabend ins Geschäft einzuladen. Für eine Spende für die HAZ-Weihnachtshilfe konnten sie eine ganze Nacht lang mit ferngesteuerten Hubschraubern fliegen, Tipp-Kick spielen und Crossboule mitten zwischen Kinderwagen und Bibi-Blocksberg-Kassetten testen. „Was danach passierte, ist unglaublich“, sagt der Geschäftsinhaber. Weitere Zeitungen berichteten, Fernsehsender filmten, Radios sendeten Features, es folgten Anfragen aus ganz Deutschland und der Schweiz. „Das Telefon stand nicht mehr still, dabei wussten wir nicht, ob wir weitere Abende finanziell und personell stemmen können“, erzählt Lehmann, und seine Augen beginnen zu strahlen. Seit Anfang des Jahres findet jeden Freitag ein Männerabend statt. Zusätzlich werden mittwochs und donnerstags Spieleabende angeboten, wenn es die Nachfrage nötig macht. Erst in der vergangenen Woche kamen die UBC Tigers, dann Mitarbeiter der Nord/LB und ein Junggesellenabschied. „Wir sind ausgebucht bis Weihnachten“, sagt Lehmann. Mittlerweile gibt es auch gemischte Abende. „Aber vor allem Männer wollen sich messen – am besten unter sich.“

Bis Mitternacht treten die rund 60 Gäste auch am Freitag in Viererteams gegeneinander an. Sie pokern zwischen Teddybären und Puppen, spielen Billard unter Mobiles und schlängeln ferngesteuerte Lastwagen zwischen Pappbechern hindurch. Zwischen Sparschweinen, Schneekugeln und buntem Badewannenschaum versuchen sie mit Hubschraubern zu fliegen, ohne abzustürzen. „Aufditschen ist erlaubt“, erklärt ein Spielleiter. Doch ein Volkswagen-Monteur knallt den Flieger erst gegen die Decke, dann in den Stand mit der Tischdekoration und schließlich in die Schaufensterauslagen. „Guck nicht so, wir sind Einbrecher“, ruft er einem Passanten zu, der ihn hinter der Scheibe anstarrt. Es ist 22 Uhr.

Die Hannover Marketing und Tourismus GmbH bietet den Männerspieleabend mittlerweile in einem Paket samt Hotelübernachtung und Brauereibesichtigung am nächsten Tag an. „Wer hätte gedacht, dass ich mit 61 Jahren noch einmal eine Geschäftsidee umsetze?“, lacht Lehmann und freut sich über die ersten Gäste des neuen Tourismuspakets. Sie kommen aus Vreden im Münsterland, duzen jeden sofort und sind nach der Begrüßung zu Herbert Grönemeyers „Männer“, Lehmanns Einführung in die Männerspielmaterie („Männer brauchen Spiel, Spaß und Spannung!“), und den ersten Bieren zwischen Malbüchern, Capt’n-Sharky-Anspitzern und Transformers-Action-Figuren sichtlich angetrunken und begeistert. Beim Kickern („Wie heißt das? Krökeln? Klingt wie kochen!“) vergessen Axel und Wolfgang sofort, dass sie nicht im heimischen Partykeller stehen, sondern zwischen Holzschaukelpferden, Harry Potter aus Lego und Käthe-Kruse-Puppen. Lautstark kämpfen die Stammtischfreunde um jeden Ball und müssen immer wieder über sich selbst zwischen dem ganzen Spielzeug lachen. „Ich bin vor zwei Wochen Vater geworden und schaue mir alles genau an“, sagt der 41-jährige Axel, trinkt einen Schluck und stellt das Bier zurück zwischen die Playmobil-Kartons.

Für Lehmann ist das Trinkverhalten seiner Gäste kein Problem. Die Herrenhäuser Brauerei hat extra für die Männerabende Ploppverschlüsse anfertigen lassen. „Wir wollen keine Bierpfützen im Laden, wir machen am Sonnabend ja wieder auf“, sagt Lehmann, der zum Bier frische Brezeln reicht. Zudem kontrollieren elf Spielleiter die Stationen und sorgen für ein wenig Ordnung.

Es sind Freiwillige wie der angehende Doktorand der Zahnmedizin, Maximilian Prill. Der 25-Jährige steht im zweiten Obergeschoss und stellt immer wieder Modellflugzeuge in die Regale, weil die Männer beim Basketball danebenwerfen. „Kollateralschäden lassen sich nicht vermeiden“, sagt er trocken. Prill ist von Anfang an auf 400-Euro-Basis dabei. „Ich wollte unbedingt mitmachen, es ist ein guter Ausgleich zum Lernen“, sagt er. „Außerdem steckt in jedem von uns doch ein kleines Kind.“

Neben Prill sind auch Mitglieder von Poker- und Dartsvereinen da. Mathias Lewi vom DC Post zum Beispiel möchte den Dartssport vom Kneipenimage befreien. Das gelingt am Abend nur bedingt. Bier gibt es gegen eine Spende, und die Werfer werden mit jeder Stunde besser. „Leider ist es so, dass die meisten vom Trinken eine ruhige Hand bekommen“, sagt Lewi schulterzuckend. Ein Männerabend kostet 30 Euro samt Begrüßungsgetränk und Preisen für die Ersten der Gruppe. „Ein richtiges Auto“, sagt Lehmann verschwörerisch, auch wenn man damit eher spielen als fahren kann. Für ihn ist die Siegerehrung das Schönste am Abend. Die Teams brüllen nur so vor Stolz und lassen sich gern dabei fotografieren.

Die Bilder stellt Lehmann noch in der Nacht ins Netz. „Oft sind die Abende Geschenke von Frauen – die wollen sehen, was ihre Männer so treiben“, sagt Lehmann. Immer öfter würden Frauen mittlerweile ihre Männer mit Söhnen gemeinsam losschicken. „Wenn der Vater mit dem Sohn spielen kann, ist das doch etwas Wunderbares“, sagt der 61-Jährige, der es unglaublich findet, wie aus einer kleinen Idee ein ganzer Geschäftsbetrieb werden konnte. Patentieren konnte er sich die Idee leider nicht und will es auch gar nicht mehr. „Die Männerabende sind eine Profilierungschance für Einzelhändler gegenüber großen Konzernen“, sagt er. Er wünsche sich in jeder Stadt solche Abende in Spielwarenläden. „Ist doch einfach eine coole Geschichte“, sagt er, während beim Autorennen wieder auf Sonntagsfahrer geschimpft wird. Dann verschwindet er – und bringt schnell neue Brezeln zum Pokertisch zwischen den Puppen.

Anmeldungen nehmen Heinz Lehmann und das „Männerträume“-Team unter der E-Mail-Adresse info@idee-spiel-hannover.de entgegen.

Jan Sedelies

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