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Aus der Stadt Malteser Migranten-Medizin hilft Unversicherten
Hannover Aus der Stadt Malteser Migranten-Medizin hilft Unversicherten
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17:31 12.11.2017
Von Jutta Rinas
Untersuchung ohne Krankenschein: Hebamme Stefanie Glaubitz bei der Arbeit.
Untersuchung ohne Krankenschein: Hebamme Stefanie Glaubitz bei der Arbeit. Quelle: Katrin Kutter
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Hannover

Fuß“, sagt der Mann mit der schwarzen Bomberjacke knapp - und dann leise hinterher: „Schmerz“, „Blut“. Vorsichtig legt er die Papiere mit den Laborwerten auf die Patientenliege, er will sie mit Ärztin Britta Gellrich besprechen. Der 37-Jährige kommt aus Vietnam, spricht kaum Deutsch. Wie er da so sitzt, die Stimme gesenkt, den Körper eng an den Vorhang gedrückt, wirkt er, als wollte er nicht auffallen, sogar hier in der Sprechstunde der Malteser Migranten-Medizin in der Calenberger Neustadt.

Auch wer illegal oder ohne Krankenversicherung in Hannover lebt, kann krank werden. Die Malteser Migranten Medizin hilft.

Dabei können Menschen, die keine Krankenversicherung oder keine Papiere haben, weil sie illegal in Deutschland sind, sich zumindest hier sorgenfrei bewegen. Sie können sich medizinisch behandeln lassen, dienstags von 10 bis 12 Uhr. Der Patient von Britta Gellrich beispielsweise lebt lange illegal in Hannover. Er arbeite vermutlich im Restaurant als Küchenhilfe, erzählt die Allgemeinmedizinerin. Er schneide Gemüse, habe viel mit kaltem Wasser zu tun. Für seine Erkrankung ist das Gift. Rheuma hat er, Schmerzen in Fingern, Gelenken, jetzt auch in den Füßen. Elend, krank, fühle er sich oft, dazu komme die Angst, nicht fit genug für die Arbeit zu bleiben, sagt Gellrich. Der Mann schickt an die Familie zu Hause Geld.

„Mama, du musst helfen“

Zehn Jahre alt wird die Malteser Migranten Medizin, eine Anlaufstation für arme Kranke, eine von 16 bundesweit. Drei Ärzte arbeiten ehrenamtlich im Wechsel, eine Hebamme ist immer da. Allgemeinmedizinische Probleme stehen im Vordergrund: „Rücken, Knie, Schulter, Husten, Schnupfen, Geburtsvorsorge bei Schwangeren“, sagt Projektleiter Michael Lukas. Aber man habe auch schon Tuberkulosefälle mit Hilfe des Gesundheitsamtes von der Straße geholt.

Zu viel Nachfrage: Kein Geld mehr für Entbindungen

Etwa 600 bis 700 Patienten ohne Krankenschein jährlich suchen die Malteser Migranten-Medizin in Hannover auf. 75 Prozent kommen aktuell aus Rumänien, Bulgarien oder Ghana. 2008 waren es wesentlich weniger: insgesamt gut 30 Prozent. Nach Angaben der Stadt gibt es keine Schätzungen, wie viele Menschen hier ohne Papiere leben. In die Sprechstunde kommen mehr Frauen (70 Prozent) als Männer. Viele Patientinnen sind schwanger. Bis 2014 bezahlte die Malteser Migranten-Medizin in Hannover die Geburt, rund 1500 Euro pro Entbindung. In jenem Jahr explodierten die Kosten dafür. Sie werden seitdem nicht mehr bezahlt. Stadt und Region unterstützen den Verein jährlich mit 60 000 Euro. 2016 betrugen die Gesamtkosten 245 000 Euro. Sie werden hauptsächlich über Spenden aufgebracht. Spendenkonto: Pax Bank, IBAN: DE49 3706 0120 1201 2090 10, Stichwort: D09MMM. An diesem Mittwoch, 15. November, 18 Uhr, feiert die Malteser Migranten-Medizin Hannover ihren zehnten Geburtstag mit Schirmherr Peter Frey, ZDF-Chefredakteur, in der Clemenskirche, Platz an der Basilika.

Ein zentraler Unterschied zur normalen Arztpraxis ist: Die Menschen sind nicht nur krank, sondern haben noch ganz andere Nöte. Manche Fälle sind so schlimm, dass selbst Gellrich, die von sich sagt, sie sei nicht zimperlich, sie in Gedanken mit nach Hause nimmt. Da sei diese junge Prostituierte gewesen, Anfang 20, die so viel trank, dass sie fast schon im Delirium in der Sprechstunde ankam. Selbst da habe sie unter extremem Druck gestanden, in der Angst vor ihrem Zuhälter ständig aufs Handy geschaut. Eine ältere Prostituierte hatte ihren behinderten Sohn und die Tochter in Bulgarien zurückgelassen und ging in Hannover anschaffen, um beide durchzubringen. An jenem Tag in der Malteser Migranten-Medizin quälte sie, dass sie abends einer anderen Prostituierten 100 Euro zurückgeben musste und nicht wusste wie. Am selben Tag hatte sie einen Anruf der Tochter erhalten: „Mama, wir haben nur noch drei Euro. Du musst helfen“, habe die Tochter gesagt. „Ich hatte noch nie einen so verzweifelten Menschen gesehen“, sagt Gellrich - und man merkt, wie die Erinnerung schmerzt. Ausgerechnet diese Geschichte aber nahm ein gutes Ende. Ein paar Jahre später sei die Frau wiedergekommen, ohne medizinisches Problem diesmal, aber dafür mit einer frohen Botschaft. Sie arbeitete nicht mehr im Puff, sondern als Putzfrau und kam, um Dank zu sagen.

Vermutlich musste auch sie an jenem Tresen in dem schmalen Anmeldebüro vorbei, an dem an diesen Tag so viele Menschen um Hilfe bitten. Frauen sind in der Überzahl, junge, alte, viele Schwangere. Oft blickt man in abgehärmte Gesichter. Viele Patienten sind unscheinbar gekleidet. Andere fallen sofort auf, Roma-Frauen mit bunten Röcken und Kopftüchern etwa. Eine Roma-Frau, alt und verhärmt, hat ihren deutlich mehr auf sein Äußeres bedachten Mann mitgebracht. Er trägt eine edle Lederjacke, rote Schuhe vom Feinsten. Aber: Auch er hat keine Krankenversicherung und ist, wie sie sagt, „sehr krank“. Er komme oft, ein Hypochonder, stöhnt ein Arzt später. Menschen wie er seien aber die absolute Ausnahme.

Fantasienamen zur Anmeldung

Da ist auch die hochgewachsene, farbige junge Frau im knallengen Rock. Sie schweigt. Dafür redet ihr „Freund“ umso mehr. Dass sie schwanger sei, erzählt er, und dass sie einen „italienischen Passport“ habe. „Sie bleibt jetzt erst mal in Hannover.“ Wie die anderen schwangeren Frauen landet sie im Sprechzimmer von Hebamme Stefanie Glaubitz. Mehrere Roma-Frauen behandelt sie an diesem Tag. Manchmal komme eine 15-Jährige und sei zum zweiten Mal schwanger, erzählt Glaubitz. Bis zu 14 Kinder bekomme manche Roma-Frau in 20 Jahren. Die meisten arbeiteten, manche würden gerne Deutsch lernen, schafften es vor lauter Arbeit nicht. Auch mehrere schwangere Schwarzafrikanerinnen sind an diesem Tag erschienen. Es ist bekannt, dass viele von ihnen auf der Suche nach einem deutschen Vater für ihr Baby sind. Finden sie jemanden, der die Vaterschaft anerkennt, bekommen sie eine Aufenthaltsgenehmigung. Eine umstrittene Gesetzeslücke.

Gemeinsam ist allen Patienten, dass sie gefragt werden, wie sie heißen, woher sie kommen und warum sie keine Versicherung haben. Matthias von Samson, der die Daten aufnimmt, spricht fließend englisch und spanisch, er versteht französisch. Nadica Paunovic, Sozialarbeiterin der Caritas, bringt serbisch, bulgarisch, russisch und holländisch ein. Den Namen preisgeben muss niemand: wer anonym bleiben will, gibt Fantasienamen oder eine Zahlenkombination an. Wichtig ist nur, dass alle eine Karte in der Kartei bekommen, damit man demnächst besser helfen kann. Zumindest hier soll man die Illegalen wiederfinden können. Anders als fast überall sonst.

Ronald Meyer-Arlt 15.11.2017
Saskia Döhner 15.11.2017