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Aus der Stadt Das Bauch-Gefühl
Hannover Aus der Stadt Das Bauch-Gefühl
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00:15 10.11.2013
Von Sonja Fröhlich
Essen, trinken, plaudern, kaufen: Mittags herrscht an den mehr als 60 Ständen im „Bauch von Hannover“ Hochbetrieb. Rund 15.000 Menschen sollen täglich einkehren.
Essen, trinken, plaudern, kaufen: Mittags herrscht an den mehr als 60 Ständen im „Bauch von Hannover“ Hochbetrieb. Rund 15.000 Menschen sollen täglich einkehren. Quelle: Michael Thomas
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Hannover

Seine Äpfel, Pilze und Tomaten sind poliert und drapiert, als wolle Muzaffer Seyrek damit einen Schönheitspreis gewinnen. Der Chef der „Grünen Insel“ weiß: Wer in der Markthalle Geschäfte machen will, muss etwas hermachen. Mit einem einladenden Lächeln steht der 58-Jährige an seinem Stand wie ein Repräsentant, er grüßt die Stammgäste, ein bisschen Small Talk, den er auch beherrscht, während er einpackt, wiegt und kassiert. Seyrek hat seinen Obst- und Gemüsestand seit 33 Jahren in der Markthalle, und er sagt: „Ich bin immer noch zufrieden. Das ist das Herz von Hannover, hier ist immer etwas los.“

Die Markthalle in Hannover ist Kult und erfreut sich großer Beliebtheit in der Stadt. Damit dies so bleibt, bieten verschiedene Stände eine große Angebotsvielfalt – Ein Blick in „den Bauch Hannovers“.

Dabei haben sich die Zeiten für einen klassischen Marktbeschicker, wie Seyrek einer ist, gewaltig geändert. Früher wimmelte es in der Markthalle von Ständen wie diesen, Standbetreiber und Kunden hatten zumeist ausländische Wurzeln und kauften die Produkte in ihrer Heimat. „Früher haben wir 30 bis 40 Kisten Spinat und nur einen Korb Spargel am Tag verkauft – heute ist es umgekehrt.“ Früher kamen die Menschen schon zeitig, um sich für die Woche mit Vorrat einzudecken. Heute kaufen ausländische Kunden lieber in Supermärkten, während die Deutschen die Markthalle bevölkern, um zu essen und zu trinken und Neuigkeiten zu erfahren. Erst dann halten sie vielleicht noch beim Stand „Grüne Insel“, um Äpfel und Bananen fürs Büro zu kaufen, die auf Hochglanz poliert jedem ein schlechtes Gewissen machen, der vorbeigeht, ohne welche zu kaufen.

Zwischen 11.30 Uhr und 14.30 Uhr herrscht in der Markthalle Hochbetrieb. An diesem Tag sind sie wieder alle da. Die Banker, die sich gern für Gespräche in der oberen Etage zum Essen treffen. Die Mitarbeiter des Finanzamtes und der Steuerfahndung, die unten bei „Franky’s“ und „Da Lina“ an der Fensterfront Cappuccino und Brötchen mit Parma-Schinken bestellen. Die Politiker vom benachbarten Landtag, die sich gern in die Weinecken zurückziehen. Wenn viele bekannte Gesichter aus der Landespolitik im „Bauch der Stadt“ unterwegs sind, ist es gut möglich, dass nebenan Plenarsitzung ist. An solchen Tagen füllt sich die Markthalle auch abends noch einmal, man trifft sich „After Work“ auf einen Prosecco oder Weißwein. Oder eine Flasche davon.

Doch auch all die anderen, die weniger Bekannten und Betuchten, kommen. Für Unter-, Mittel- und Oberschicht gibt es gleichwohl Auswahl. Die asiatischen und iranischen Imbisse bieten Hauptgerichte für 3,50 Euro. Nachmittags setzen viele Stände ihre Preise für den Mittagstisch herab, so können auch Hartz-IV-Empfänger hier günstig ohne Fertiggerichte vom Billigdiscounter durch die Woche kommen. „Hier hast du alles – Asis, Millionäre, Spinner, Bürgermeister, Familien“, zählt Muzaffer Seyreks Sohn Seckin auf. „Die Markthalle ist ein Mikrokosmos.“

Gut 15.000 Menschen soll es täglich in die Markthalle treiben, hat Markthallen-Verwalter Gerhard Schacht hochgezählt. An Sonnabenden und Heimspieltagen von Hannover 96 sind es weit mehr. „Dann platzen wir aus allen Nähten“, sagt Schacht, der für die acht Gesellschafter der Markthalle die Geschäfte führt. Seitdem die Gesellschafter – Anwälte, Steuerberater, Unternehmer – die Markthalle 1997 von der Stadt übernommen haben, sei der Schlemmertempel in die schwarzen Zahlen gerückt. Trotz der Kosten von 1,2 Millionen Euro jährlich für Steuern und Nebenkosten. Andere Markthallen in Hannover, etwa am Ernst-August-Platz oder in der List, sind gescheitert. Um die Stände im „Bauch von Hannover“ hingegen reißen sich potenzielle Betreiber.

„Die Markthalle ist Kult“

Worin liegt der Erfolg? „Unsere Markthalle ist Kult – die Bevölkerung glaubt, es sei ihre Halle. Da braucht es keine Hallenplaner oder Schickimicki-Konzepte“, meint Schacht. 1892 errichtet, besitzt die nüchterne Halle mit ihrem Asphaltboden schlichten Charme. „Unser Markt soll wie die Straße sein – da darf man auch mal etwas fallen lassen.“ Bei den Ständen setzt Schacht indes auf kleine Einheiten regionaler Betreiber, auf Konzepte und Vielfalt. „Das Niveau entscheidet, nicht die Geldtasche“, sagt der 61-Jährige.

Neben all den (zumeist von iranischen Familien betriebenen) italienischen Bars und Schnellimbissen gibt es die Spezialitätenstände, die die Stammkundschaft binden. „Käse-Harald“ zum Beispiel. Mit seinen 480 hochwertigen Sorten aus der ganzen Welt lockt der mehrfach ausgezeichnete Käse-Sommelier Liebhaber, die sich was leisten können. Die Schröders, die Scorpions, Schauspieler wie Veronica Ferres haben sich dort schon mit handgeschöpftem Brie oder Ziegenkäse versorgt.

Für Exotik in der 4000 Quadratmeter großen Halle sorgen ein Südafrikaner mit seinem Stand in Regenbogenfarben oder ein Sushimeister aus Japan, von dem es heißt, er lasse keine Frau in die Küche. Bodenständiges bietet die Fleischerei von Karen Klemme, deren Eltern den Stand 1966 eröffnet haben. Seit die Tochter gute deutsche Hausmannskost als Mittagstisch anbietet, brummt es dort in der Mittagszeit. Aufgetischt wird Bregenwurst und Grünkohl, Rinder- und Kohlroulade, Gänsekeule – Small Talk mit der Chefin inklusive. „Die Menschen erwarten von mir, dass ich gut drauf bin. Wenn es mir mal schlecht geht, muss ich mir mehr Farbe ins Gesicht machen“, sagt sie und lacht. Auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil gehört zu ihren Stammgästen. Heute macht er nur kurz halt, um sie zu begrüßen. Keine Zeit, es habe nur für einen Snack an der Obsttheke gereicht, sagt er entschuldigend.

Aber nicht alle Stände sind so begehrt. Der Fischhändler, dessen Vorfahren schon von Anbeginn ihren Stand in der Markthalle betrieben, hat kürzlich aufgegeben. Mitunter soll er Mietschulden gehabt haben, heißt es. Oben, im weniger begehrten ersten Stock, gab es größeren Leerstand, nachdem sich dort mehrere Drogeriemarktketten probiert hatten.

Doch bald ist die Markthalle wieder vollzählig: Im April 2014 zieht die Kaffeerösterei 60° an die Stelle des Fischhändlers, und mit dem Fischparadies aus Peine wird es schon bald wieder einen neuen Händler geben, der maritime Produkte verkauft. Und selbst für den weniger attraktiven Bereich im ersten Stock ist es gelungen, einen namhaften Nachmieter zu finden. Das Traditionsunternehmen Bahlsen hat auf 350 Quadratmetern einen Werksverkauf eingerichtet. Drei Jahre läuft der Vertrag. Das freut vor allem Friseurmeister Andreas Pacha, der nebenan einen exklusiven Salon betreibt und namhafte Kundschaft bedient. Der einzige Dienstleister im „Bauch“ ist sich auch über die Nachteile seines ungewöhnlichen Standorts bewusst. „Der Essensgeruch hier oben ist furchtbar, auch die Lautstärke schreckt manche meiner Kunden ab. Die weichen dann lieber auf meinen Salon in der Marienstraße aus.“

Für Politiker oder Manager, die sich mal eben für einen Pressetermin stylen lassen wollen, ist der Standort dagegen ideal. Pacha hat für solche Fälle eine Jahreskarte, eine sogenannte Styling 
Flatrate, im Angebot – sie kostet je nach Aufwand zwischen 370 und 800 Euro. Nicht wenige greifen darauf zurück.

Die Markthalle – zu Kaisers Zeiten

Die Markthalle, die im Volksmund „Bauch von Hannover“ genannt wird, hat eine mehr als 120-jährige Geschichte. Der ursprüngliche Bau (Bild) stammt aus dem Jahr 1892, bei seiner Eröffnung galt er als der größte Stahl- und Glasbau des gesamten Kaiserreiches. Dass überhaupt eine Markthalle aus dem Boden gestampft wurde, haben die Hannoveraner unter anderem der Ordnungsmacht zu verdanken. Die Polizei soll darauf gedrängt haben, den Straßenmarkt abzuschaffen, weil die Händler den Straßenverkehr zunehmend behinderten.

1888 fällte der Rat schließlich den Beschluss zum Bau. Während des Zweiten Weltkrieges – im Jahr 1943 – wurde die Markthalle bei einem Bombenangriff zerstört. Nachdem Zehntausende Hannoveraner Anfang der fünfziger Jahre mit einer Unterschriftenaktion den Wiederaufbau der Markthalle forderten, wurde sie 1954 an derselben Stelle neu errichtet. Heute steht das Gebäude unter Denkmalschutz.

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