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Aus der Stadt Eine Nacht unfassbaren Grauens
Hannover Aus der Stadt Eine Nacht unfassbaren Grauens
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21:14 09.08.2013
Von Michael Zgoll
Prozess zum Maschsee-Mord: Der angeklagte Alexander K. Quelle: Nigel Treblin
Hannover

Eine stundenlang schluchzende Zeugin, ein in die Enge getriebener Angeklagter und eine Fülle von Details zu einem scheußlichen Verbrechen: Selten verläuft eine Verhandlung am hannoverschen Landgericht so dramatisch wie am Freitag. Im Mittelpunkt stand Camilla W., die Freundin des mutmaßlichen „Maschseemörders“. Über vier Stunden berichtete sie vor der Schwurgerichtskammer, wie chaotisch ihre rund fünf Monate währende Beziehung zu Alexander K. verlief, geprägt von Alkohol, Drogen, Gewalt – und wie sie schließlich gemeinsam mit ihm Körperteile seines Mordopfers durch die nächtliche Südstadt trug und im Maschsee versenkte.

Alexander K., 25 Jahre alt, deutscher Staatsangehöriger mit Geburtsort Kiew, muss sich seit Donnerstag wegen Mordes verantworten. Die Staatsanwaltschaft klagt ihn an, Ende Oktober 2012 die 44 Jahre alte Andrea B. umgebracht und ihre Leiche zerstückelt zu haben, in einem Hochhaus an der Hildesheimer Straße. Seit Freitag ist, wenn Camilla W. die Wahrheit gesagt hat, klarer geworden, was sich dort im Anschluss an den Mord im dritten Stock abgespielt hat.

Ein Spaziergänger hat am Mittwoch eine Frauenleiche am Nordufer des Maschsees entdeckt.

K. habe sie an einem Abend Ende Oktober angerufen, erklärte die 37-Jährige, immer wieder geschüttelt von Weinkrämpfen. Wenige Tage zuvor habe sie sich – nicht zum ersten Mal – von ihrem Freund getrennt, sei in ihrer eigenen Unterkunft in Neustadt am Rübenberge gewesen. In der Südstädter Wohnung offenbarte ihr K. das Grauen: Er habe Andrea B. mit einer Machete getötet, weil sie sich über seine Sympathie für Adolf Hitlers „Mein Kampf“ lustig gemacht habe. Im Schlafzimmer standen blaue Wertstoffsäcke, gefüllt mit Armen, Beinen, Brust, Unterleib und Kopf des Opfers. Im Wohnzimmer roch es nach Farbe: Der 25-Jährige hatte es frisch gestrichen, um die blutigen Spuren des Mordes und des Zerteilens der Leiche mit Flex und Säge zu beseitigen. „Es gab nur noch ein paar Spritzer an der Wohnzimmerdecke und im Bad“, sagte W. In einem Waschbecken habe noch ein Finger gelegen. Sie sei völlig geschockt gewesen, wie betäubt.

Doch als K. ein Messer aus der Tasche holte und auf sie zielte, tat sie, was er ihr befahl: Sie half ihm beim Verstauen der Mülltüten mit dem grausigen Inhalt in Sport- und Reisetasche, wischte Blutreste weg. Dann trug das Paar die Leichenteile zum See, warf sie vom Steg des Bootsverleihs nahe dem Fackelträger-Denkmal ins Wasser. „Haben Sie den Weg mehrmals zurückgelegt?“, wollte der Vorsitzende Richter Wolfgang Rosenbusch wissen. „Ich glaube, zweimal“, lautete die Antwort.

Bauch und Unterleib des Opfers, so sagte Camilla W. aus, habe ihr Freund am nächsten Tag auf dem Weg zu einer Arztpraxis am Schwarzen Bären verschwinden lassen, wohl von einer Brücke in die Ihme geworfen. Der Grund: Er habe nach dem Mord versucht, sich an der Leiche zu vergehen, dies aber abgebrochen; damit man keine DNA-Spuren von ihm finden könne, habe er diesen Teil des Torsos weit entfernt von der Südstadt beseitigt.

Prozessauftakt gegen einen 25-Jährigen, der eine 44-Jährige getötet, zerstückelt und im Maschsee versenkt haben soll

Die Geschichte von Camilla W. und Alexander K. ist eine traurige. Sie erzählt von zwei gescheiterten Existenzen, die sich für wenige Monate aneinander klammerten und doch keinen Halt fanden. Die Frau, großgewachsen mit langem dunkelblonden Haar, nach eigener Aussage alkoholkrank, drogensüchtig, depressiv, vorbestraft. Der Mann, stämmig mit Kurzhaarschnitt, drogenabhängig, gewaltbereit, Verfechter von rechtsradikalem Gedankengut und mit Massenmördern wie Anders Breivik sympathisierend. Als sie K. im Sommer 2012 in einer Arztpraxis kennenlernte, hatte die Beziehung zu ihrem vorherigen Freund gerade ein brutales Ende genommen. Sie brauchte Hilfe, K. bot ihr Schutz. „Er hat total liebenswürdige Seiten, ist auch intelligent“, erklärte sie. Doch dann häuften sich die Auseinandersetzungen, oft stritt sich das Paar über Politik. Und die Tötungsfantasien von K. nahmen zu. Zweimal, sagte Camilla W., habe ihr Freund sie sogar umbringen wollen: Einmal verfolgte er sie mit einer Machete bis ins Treppenhaus, konnte nur von einem Freund von Schlimmerem abgehalten werden. Ein anderes Mal hatte K. ein Zimmer mit blauen Mülltüten ausgelegt, kniete auf ihr und drohte, sie zu töten. „Es wäre besser gewesen, er hätte mich umgebracht“, schluchzte die 37-Jährige. Dann würde Andrea B. sicher noch leben.

Die Polizei war dem Angeklagten auf die Spur gekommen, weil Camilla W. sich drei Wochen nach der Tat einer wildfremden Frau öffnete, auf einer Stadtbahnfahrt vom Schwarzen Bären in die City. Die Zugbegleiterin der Bahn, selbst sichtlich mitgenommen von dem Geschehen, stand am Freitag ebenfalls als Zeugin vor Gericht. Die Freundin von Alexander K. habe ihr am Abend des 20. November, am ganzen Leib zitternd und tränenreich, von dem Mord und dem bizarren Leichentransport erzählt, berichtete die 21-Jährige. Sie sei so sehr von der Schilderung erschüttert gewesen, dass sie drei Tage später bei der Polizei aussagte. Dort erkannte sie W. schnell auf Fotos wieder: Diese war kurz zuvor von einer Sparkassen-Kamera auf der Limmerstraße aufgenommen worden, als sie mit der ec-Karte der Ermordeten Geld abhob. Dann nahmen die Ermittler K. genauer unter die Lupe.

Die Justiz wusste schon vor Prozessbeginn, dass Camilla W. an der Beseitigung der Leiche beteiligt war. Doch das Verfahren wegen Verstoßes gegen das Niedersächsische Bestattungsgesetz wurde eingestellt. Vor Gericht steht nun steht Alexander K. wieder im Fokus. Offenbar empfand er am Freitag die Aussage seiner Freundin, die ihm noch im Gefängnis per Brief ihre Liebe versichert hatte, als Verrat. Als er aufgebracht einige Fragen an sie richtete, siezte er die 37-Jährige; sie schleuderte ihm irgendwann ein „Heil Hitler“ entgegen und bezeichnete ihn als „Zeitbombe“, die wieder einen Menschen töten könnte. Der nächste Verhandlungstag ist der 27. August. Die spannende Frage wird sein, ob K. dann aufgrund der schweren Anschuldigungen ein Geständnis ablegt.

Opfer suchte eine zweite Chance

Wer war die Frau, die allem Anschein nach von Alexander K. ermordet wurde? Andrea B., zum Zeitpunkt ihres Todes 44 Jahre alt, wuchs in Ibbenbüren nahe Osnabrück auf. Rechtsanwältin Nicole Thiele vertritt im Schwurgerichtsprozess den Vater von B. als Nebenkläger. Wie sie berichtet, war Andrea die älteste von drei Schwestern. Sie heiratete früh, wurde nach vier Jahren geschieden, kam mit der Trennung nicht klar. Mit Mitte 20 begann sie, Drogen zu konsumieren, zunächst „weiche“, später dann Heroin. Viele Jahre war sie in der Drogenszene von Ibbenbüren verwurzelt. B. lebte von Sozialhilfe und verdingte sich gelegentlich als Prostituierte. Einer ihrer Söhne, 23 Jahre alt, wohnt dem Prozess bei, ein anderer kam bereits frühzeitig in eine Pflegefamilie. Kontakt zu ihren Eltern hatte die Frau schon lange nicht mehr.

Im Sommer 2012 fasste Andrea B. den Beschluss, so erzählt Rechtsanwalt Matthias Doehring, ihr altes Leben hinter sich zu lassen, und siedelte nach Hannover über. Doehring vertritt eine der beiden Schwestern, die in dem Verfahren ebenfalls als Nebenkläger auftreten. „Sie wollte sich in Hannover an den eigenen Haaren aus dem Drogensumpf ziehen“, so der Anwalt. Doch in einer Frauen-Notunterkunft am Vinnhorster Weg konnte die 44-Jährige nicht so schnell Fuß fassen. Sie war isoliert, trat mal freundlich, mal sehr aggressiv auf. Ende Oktober traf sie, offenbar zufällig, in der Innenstadt auf Alexander K. Dass sie ihm in seine Wohnung folgte, war ihr Todesurteil.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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