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Aus der Stadt Medizinstudenten präparieren Leichen
Hannover Aus der Stadt Medizinstudenten präparieren Leichen
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01:38 12.11.2011
Von Juliane Kaune
Im sogenannten Präparationssaal wird er fortan einmal pro Woche auf besonders anschauliche Weise lernen, wie der menschliche Körper aufgebaut ist. Quelle: Insa Catherine Hagemann
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Hannover

Doch wie wird der Tote aussehen? Wie wird er sich anfühlen? Was wird er selbst dabei empfinden? Justin schießen jede Menge Fragen durch den Kopf. Vor allem aber die eine: Was passiert, wenn er das Skalpell ansetzt?

Justin ist Student an der Medizinischen Hochschule (MHH). Vor gut vier Wochen hat er sein Medizinstudium begonnen. Nun steht er im weißen Kittel mit 35 Kommilitonen in dem gekachelten, mit Neonlicht ausgeleuchteten Raum. Im sogenannten Präparationssaal wird er fortan einmal pro Woche auf besonders anschauliche Weise lernen, wie der menschliche Körper aufgebaut ist. Die Studienobjekte von Justin und den anderen Erstsemestern im Kursus „Makroskopische Anatomie“ sind Leichen. Schon in der ersten praktischen Unterrichtsstunde müssen die Anfänger die Körper öffnen. „Präppen“ heißt das im Studentenjargon.

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An vielen anderen Medizinfakultäten nimmt der Nachwuchs das Skalpell erst nach dem dritten Semester in die Hand. An der MHH werden Theorie und Praxis von Anfang an verbunden. „Die direkte Erfahrung kann kein Lehrbuch und kein Computerprogramm ersetzen“, sagt Prof. Matthias Ochs, Direktor des Instituts für Funktionelle und Angewandte Anatomie. Um die hochkomplexe Struktur des Körpers zu verstehen, müsse man diesen im wahrsten Wortsinn „be-greifen“. Ertasten, wie Organe, Knochen, Nerven und Blutgefäße sich anfühlen. Sehen und verstehen, wie alles zusammenhängt. Letztlich ist der Anatomiekursus, bei dem die Leichname systematisch zergliedert werden, für viele der angehenden Ärzte die einzige Gelegenheit, einen Körper als ganzen von innen zu sehen – und nicht nur als Ausschnitt auf Röntgen- oder Ultraschallbildern.

Alle 268 Studienanfänger durchlaufen den einjährigen Kursus, verteilt auf acht Gruppen in zwei Sälen an vier Tagen in der Woche. Schichtbetrieb in der Lehre. Justin gehört zur Dienstagsgruppe; jeweils zu fünft stehen die Erstsemester um die Tische im Präparationssaal. Der 19-Jährige, seine Kommilitoninnen Larissa Köhler, Mariya Karabaki, Sabina Andreeva und Leonie Greipel haben sich um die Leiche mit der Nummer „09/11“ gruppiert. Sie wissen nur, dass es sich um einen Mann handelt, der im Alter von 78 Jahren verstorben ist – und dass er der MHH zu Lebzeiten seinen Körper für Lehr- und Forschungszwecke vermacht hat. Auch die anderen 14 Toten in dem Saal sind auf diese Weise in das Institut gelangt.

Das weiße Laken wird abgedeckt. Graue Haare, geschlossene Augen, korpulente Statur. Die Haut des nackten Leichnams ist gelblich verfärbt. „Das kommt von der Alkohollösung, mit der er konserviert wurde“, erklärt Stephan Linnert. Er ist im dritten Semester, hat den Präparierkursus bereits hinter sich und betreut die Anfänger als Tutor. „Fasst mal an“, fordert Linnert die Gruppe auf.

Justin macht den Anfang. Er hat schon ein Krankenpflegepraktikum hinter sich, leblose Körper musste er bisher allerdings nicht berühren. Vorsichtig tastet er sich mit seinen Gummihandschuhen voran. „Das fühlt sich hart an“, stellt er fest. Aufgrund der eingespritzten Chemikalie hat sich das Gewebe verfestigt. Dann ist Larissa an der Reihe. „Als das Tuch weggezogen wurde, habe ich überlegt, ob mich der Tote an jemanden erinnert“, sagt die 19-Jährige. Mariya blickt konzentriert auf den Leichnam: „Natürlich bin ich aufgeregt.“ Vor der ersten Berührung zögert sie kurz. Aber keiner aus der Gruppe schreckt zurück. Das mag auch daran liegen, dass Linnert auf geschickte Weise hilft, die Hemmschwelle zu überwinden. Er gibt sich locker, aber nicht flapsig, fragt nach anatomischem Vorwissen und stellt die „Inspektion“ genannte Untersuchung der Leiche als etwas so Selbstverständliches da, dass die Neulinge die Scheu verlieren.

Trotz aller notwendigen medizinischen Routine werde den Studenten stets der respektvolle Umgang mit den Toten vermittelt, betont Prof. Christian Mühlfeld, der die Dienstagsgruppe leitet. Bei dieser Thematik unterstützen Geistliche beider Konfessionen die Anatomieprofessoren beim Kursus. „Wichtig ist, dass es den Studenten gelingt, den Leichnam als leblosen Körper zu akzeptieren – und sie nicht ständig an den verstorbenen Menschen denken“, erklärt Ludger Holle, Pfarrer der Katholischen Studentengemeinde, der Justin und den anderen über die Schulter schaut.

Nach anderthalb Stunden steht der entscheidende Schritt an – der erste Schnitt. Die Haut der linken Rückenseite müssen die Studenten laut Lehrplan abtrennen. Jeder hat ein Holzkästchen mit MHH-Logo erhalten, in dem sich Skalpelle und Pinzetten befinden, die dabei zum Einsatz kommen. Professor und Tutor haben genau erklärt, wo und wie die Instrumente angesetzt werden müssen.

Wieder ist Justin der Erste. Er atmet tief durch. Sehr vorsichtig geht er vor, stoppt ab und zu, blickt immer wieder zu Linnert. „Ich habe Angst, etwas kaputtzumachen“, meint Larissa, als sie an der Reihe ist. „Das kostet schon Überwindung“, sagt Mariya. „Es war ja schließlich mal ein Mensch.“ Doch da müssen die beiden durch. Wie alle anderen Erstsemester: Der Präparierkursus wird benotet und ist eine der Grundvoraussetzungen für die weitere Ausbildung. Studenten, die nach dem Kontakt mit den Leichen ihr Studium abgebrochen haben, kenne er nicht, sagt Mühlfeld. „Sie wollen ja alle Ärzte oder Ärztinnen werden, und sie wissen, was das bedeutet.“

Nach vier Stunden ist das „Präppen“ für diesen Tag zu Ende. Larissa, Mariya und die anderen aus ihrer Gruppe sind erschöpft, erleichtert und zufrieden. Erleichtert, dass sie es geschafft haben, ein unbekanntes, mit vielen Tabus belegtes Terrain zu betreten. Und zufrieden, dass sie den ersten Teil einer ganz großen Aufgabe gemeistert haben. „Eigentlich“, findet Larissa, „ist es faszinierend, dass wir so etwas machen dürfen.“ Justin drückt es anders aus: „Es war spannend.“ Viele der Fragen, die ihm zuvor durch den Kopf gegangen waren, hat er für sich beantworten können. Weitere werden dazukommen. Wie wird es zum Beispiel sein, wenn ein paar Wochen später der Darm im Lehrplan steht? Oder das Gehirn?

Schritt für Schritt werden sich die Studenten ihren Studienobjekten annähern. Was das nach zwölf Monaten für diese bedeutet, daran denken sie noch nicht. Doch für Mariya steht fest: „Ich würde meinen Körper später nicht dafür zur Verfügung stellen.“

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