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Aus der Stadt Medizinversuche: Klaus M. kämpft sich durchs Leben
Hannover Aus der Stadt Medizinversuche: Klaus M. kämpft sich durchs Leben
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08:32 19.01.2018
Die Einfahrt zur Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wunstorf.
Die Einfahrt zur Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wunstorf. Quelle: dpa
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Hannover

 Klaus M. ist von der  Vergangenheit eingeholt worden. Einer schrecklichen Vergangenheit.  Er ist mit einer ständig und sehr brutal schlagenden Mutter aufgewachsen. Klaus M. riss aus, landete im Heim und später  in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wunstorf. Dort haben Ärzte, wie berichtet, bis Ende der Sechzigerjahre offenbar Arzneimittel an jungen Patienten getestet. Nach Recherchen der Krefelder Pharmakologin Sylvia Wagner waren mindestens 286 Kinder von den Tests betroffen, bei denen Mediziner unter anderem Psychopharmaka verabreichten und Rückenmarkspunktionen vornahmen.

Klaus M. kann sich plötzlich an alles wieder ziemlich genau erinnern. Er gehörte  Ende der Sechzigerjahre zu den Kindern, denen Nervenwasser über das Rückenmark entnommen wurden. „Bislang habe ich allerdings angenommen, dass die Ärzte damals meinen Schädel untersuchen wollten, um festzustellen, ob die vielen Schläge meiner Mutter zu Langzeitschäden geführt haben.“  Jetzt weiß er, dass die Punktion vermutlich wenig mit alldem zu tun hatte. Der mittlerweile 61-Jährige lebt noch immer in der Region Hannover. „Schon als Sechsjähriger wurde ich aus der Familie geholt, weil ich von meiner Mutter jahrelang misshandelt wurde“, sagt der Frührentner.  Aber immer wurde er auch wieder zurückgeschickt. Klaus M. riss aus und wurde im Heim untergebracht. „Wie ich dann von dort in die Psychiatrie kam, weiß ich nicht mehr genau.“

Tagelang Übelkeit und Schwindel

Genau weiß Klaus M. allerdings noch, dass er, genau wie sein Freund und Leidensgenosse Martin S., „plötzlich dran war“. „Ich wurde auf einer Liege auf einen fahrbaren Untersatz geschnallt und weg vom Haupthaus über das ganze Gelände geschoben“, erinnert sich der 61-Jährige. Über seinem Kopf sei eine Kappe mit einem kleinen Ausguck befestigt gewesen. „Ich glaube, ich bin in einem Gebäude hinter einem Garten in Stadtnähe gelandet und zwar im ersten Obergeschoss.“ Dort habe er dann die Nadel in den Rücken bekommen. „An Schmerzen erinnere ich mich nicht genau, aber daran, dass mir tagelang übel und schwindelig war.“ Gesundheitliche Probleme habe er damals nicht gehabt, aber durchaus damit gerechnet, dass die Schläge der Mutter nicht ohne – auch physische – Konsequenzen geblieben sind. Schließlich seien ihm auch regelmäßig Medikamente verabreicht worden. Genau wie Martin S., der sich „leider nur zu gut“ erinnert, aber über das Geschehene nicht mehr sprechen möchte.

 „Man hat einiges verdrängt, jetzt ist vieles wieder da.“

Als Klaus M. jetzt von den Forschungen der Wissenschaftlerin erfahren hat, war er wie vor den Kopf gestoßen. „Man hat so einiges verdrängt, jetzt ist vieles wieder da.“ Körperlich sei von der zweifelhaften Untersuchung, über die ihn nie jemand aufgeklärt hat, nichts zurückgeblieben. „Aber mit meiner Geschichte kann man ohnehin kein erfolgreiches oder gar erfülltes Leben führen.“  Ins Heim ist Klaus M. übrigens nach seinem Aufenthalt in der Jugendpsychiatrie als Teenager freiwillig  zurückgekehrt. „Alles war besser als die Gewalt zu Hause.“ Bis heute hat sich der Frührentner durch sein Leben kämpfen müssen.  Die neuen Erkenntnisse über seine Vergangenheit werden seine Tage nicht leichter machen.

Von Susanna Bauch