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Aus der Stadt Mehr als 30.000 feiern im Regen
Hannover Aus der Stadt Mehr als 30.000 feiern im Regen
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09:57 08.06.2009
Von Uwe Janssen
Etwas nass, aber gut gelaunt: Die Plaza-Besucher feiern mit Peter Fox. Quelle: Foto: Frank Wilde
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Gebt Gas, hört nicht auf!“, ruft der Mann mit der Glatze und dem Kinnbart. Er hat gut reden. Er ist Künstler. Und Künstler haben ein Dach über dem Kopf, jedenfalls an diesem Abend. An diesem kalten Abend. An diesem nassen Abend. An diesem Abend, der sich den äußeren Bedingungen nach für so ziemlich alles besser eignet als ein Open-Air-Konzert. Bei den 25 000 Menschen, die sich zum zweiten Teil des Plaza-Festivals am Sonnabend zwischen TUI Arena und Deutschem Pavillon versammelt haben, scheinen zumindest die inneren Bedingungen zu stimmen.

Bei dem Mann mit Glatze und Kinnbart stimmen die inneren Bedingungen sowieso: Thomas D., im Hauptberuf esoterischer Mitarbeiter bei den Fantastischen 4, ist auf der Plaza-Bühne als Solokünstler am Start. Allein ist er freilich nicht. Eine große Band steht hinter ihm, alles coole Hunde, die ihr Hand- und Mundwerk ausgezeichnet beherrschen. Statt der Fanta-4-Hip-Hop-Grooves blasen sie eine ordentliche Portion Rock in den hannoverschen Regen. Dazu hüpfen sie.

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Das bringt wiederum die Zuschauer zum Hüpfen. Hüpfen macht warm und Spaß, aber als der Sänger unter dem Gekreische der weiblichen Betrachter sein T-Shirt auszieht und seine großflächigen Tätowierungen freilegt, findet er dann doch keine Nachahmer. Schweinewetter bleibt eben Schweinewetter. Es regnet Bindfäden. Immerhin – einen Vorteil hat es ja: Man kauft sich ein Bier, trinkt es halb aus, wartet fünf Minuten und hat ein ganzes Alster. Oder so etwas Ähnliches.

Volksfeststimmung auf der Expo-Plaza: Trotz einiger Regenschauer feierten beim NDR-Plaza-Festival mehrere Tausend Besucher auf dem Expogelände.

Vielleicht haben es die Veranstalter von NDR und Hannover Concerts, bislang mit dem Wetter einigermaßen im Bunde, ja auch geahnt. Und so werden die Fans für den wohl nassesten Abend in der neunjährigen Geschichte des Plaza-Festivals mit dem wohl prominentesten Line-up entschädigt. Das hat schon am frühen Abend mit dem Auftritt der Schweizerin Stefanie Heinzmann begonnen. Vielleicht ist die 20-Jährige aus dem Bergkanton Wallis sogar die heimliche Gewinnerin des Festivals, denn die meisten hier sehen sie das erste Mal live – und werden sich nicht nur an die markante Hornbrille erinnern, sondern vor allem an die an die wuchtige Soulstimme dieser zierlichen Person. Wo sie sie hernimmt? Man weiß es nicht, aber man wird noch von ihr hören, spätestens, wenn sie ihren ersten richtig dicken Hit landet.

Den haben ihr die drei anderen Stars des Abends lange voraus. Alle haben zweierlei gemeinsam: Sie machen neben ihrer jeweiligen Hauptband eine erfolgreiche Solokarriere – und sie muten an diesem „jungen“ Tag des Festivals gegenüber Stefanie Heinzmann wie eine Altherrenriege an. Wenn man dabei so einen wie Thomas D., Jahrgang 1968, schon als zweiten von vier Hauptattraktionen auf die Bühne schickt, dann muss man ja noch was in der Hinterhand haben.

Der Rest des Abends gehört Berlin. Farin Urlaub, Jahrgang 1963, hat statt seines „Ärzte“-Teams sein „Racing Team“ mitgebracht. Was ziemlich egal ist, denn so sehr unterscheiden sich die Musik und vor allem die Texte beider Bands nicht. Dafür die Mitglieder umso mehr: An Gitarre, Bass, Schlagzeug und Backgroundmikrofonen stehen Frauen, nur der Bläsersatz ist männlich. Die wunderbar einfallsreiche und witzige Powerpopmischung passt prima auf so ein Sommerfestival – und bei Regen erst recht. Der blonde Sänger singt ironisch-sarkastisch über „die Leiche“ und den „Krieg“, aber auch den „ziemlich okayen Popsong“. Und dann die an diesem Abend unschlagbare Zeile „Das Leben kann so schön sein, wenn das Wetter danach ist.“

Da steckt auch die hannoversche Musikerprominenz von Heiner Lürig über Rainer Schumann (Fury) bis zu Oliver Perau den Kopf aus dem überdachten VIP-Bereich neben der Bühne. Urlaub empfiehlt zur Warmhaltung und Ablenkung verschiedene Formen der Körperertüchtigung: klatschen, singen, schreien, lachen und h üpfen. Die Fans vor der Bühne haben noch eine andere Idee: Pogo, der alte Punksport, der vor der Plaza-Bühne aussieht wie eine Art Autoscooter ohne Autos.

Aber der Überflieger der Saison kommt erst noch. Peter Fox (Jahrgang 1971) ist der uneingeschränkte Herrscher des Deutschpop. Ein ganzes Heer an Musikern hat er dabei, Trommler, Bläser – und Sänger in Schimpansenmasken, die seine Fans auch schon beim Gastspiel kürzlich in der ausverkauften AWD-Hall bestaunen konnten. Die Truppe peitscht ihre Dancehall-Rhythmen durch den Regen, Bartträger Fox beglückwünscht das Publikum zur Wetterfestigkeit, feuert es sofort wieder an, und dann pumpt auch schon der nächste Song über den Platz: „Haus am See“, „Schwarz zu Blau“ oder zum Schluss den Reggae-Schunkler seiner Stammtruppe Seeed: „Aufstehn“. Tanzzwang, auch wenn das Wasser in den Schuhen steht. Ein rauschendes Fest. In wirklich jeder Hinsicht. Um halb zwölf beginnt dann das große Trocknen.
Nach rührenden Rockeinlagen von Peter Maffay am Freitag und Dancehall-Diskolaune von Peter Fox am Sonnabend standen am Sonntag dann die Popstars des Schunkelschlagers und der Partypolonaise im Mittelpunkt des NDR-Plaza-Festivals. Und die Schlagerparty von NDR 1 bewies: Nie war Schlager so vielfältig wie heute. So kamen mit Semino Rossi, G. G. Anderson und Brunner & Brunner die Vertreter der alten Schmachtschule genauso bei den 6.000 Besuchern an wie die Stampfschlagerspezis DJ Ötzi (bürgerlich Gerhard Friedle) und Michael Wendler. Letztere feierten zu später Stunde eine riesige Plaza-Party inklusive Gruppenhüpfen zu Technobässen und Polonaisen.

Den Anfang der Schlagernacht machten Hansi Süssenbach und G.G. Anderson. Und während ein überdrehter Süssenbach „Tränen lügen nicht“ interpretierte und gar nicht mehr die Bühne verlassen wollte („Ich geh’ nicht – es ist zu schön bei euch!“), kombinierte G.G. Anderson eingängige Melodien mit Finger-in-die-Luft- und Hand-aufs-Herz-Gesten. „Eine Stunde dein Mann zu sein, das muss ja der Wahnsinn sein“, reimte Anderson und die vielen weiblichen Fans lächelten verklärt und übten sich im Mitklatschen und Paartanz.

Auch am Sonntag wurde auf der Expo-Plaza gefeiert - diesmal zu Schlagertiteln. Die Fans feierten mit Sängern wie DJ Ötzi sowie Brunner & Brunner.

Ireen Sheer präsentierte schwungvolle Coverversionen von Status Quos „Rockin’ all over the world“ bis Queens „We are the champions“ und sang unter viel Applaus ihren Eurovision-Beitrag anno 1976: „Feuer“. Ihr folgte Semino Rossi. Der argentinisch-österreichische Sänger ließ sich vor einer romantischen Brückenrequisite von Kindern begleiten. Anschließend gab die Band Schlagerfeuer einen Überraschungsauftritt. Sie hatten einst den Song „Russische Puppen“ aufgenommen, den die NDR-1-Redaktion so gut fand, dass sie ihn so lange spielte, bis die Band einen Plattenvertrag erhielt. Auf der Expo-Plaza wurde dazu kräftig geschwoft.

Kurz bevor Brunner & Brunner zur finalen Schunkelrunde luden und DJ Ötzi den Schlagertag in eine Partynacht verwandelte, erklomm der selbst ernannte König des Disco-Fox die Bühne. Im stetig weiter aufgeknöpftem Hemd sang er zu dröhnenden Technobässen „Sie liebt den DJ“ und „180 Grad“. In gewohnter Manier sprach er in der Dritten Person von sich („Ihr dürft den Wendler nicht alleine lassen, er braucht Liebe“), und wenn der Wendler „Reiß die Hütte ab“ skandiert, braucht die Menge kaum noch die fehlenden Grade Celsius für Mallorca-Club-Stimmung. Es wurde mitgegrölt, mitgesprungen, mitgetanzt. So partytauglich kann deutscher Schlager sein. Ein Ausdruck purer Lebensfreude.

Man kann dem Schlager viel vorwerfen, aber er bleibt ein Garant für gute Laune – und passt damit hervorragend zum Plaza-Fest.

von Jan Sedelies