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Aus der Stadt ... und niemand bewegt sich
Hannover Aus der Stadt ... und niemand bewegt sich
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00:29 30.05.2015
Drei Wochen dauert der Streik im kommunalen Erziehungs- und Sozialdienst bereits an. Quelle: dpa
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Hannover

Der Ton wird rauer: Immer mehr Eltern machen Druck, den seit drei Wochen andauernden Streik im kommunalen Erziehungs- und Sozialdienst endlich zu beenden. Donnerstagnachmittag um 15 Uhr wollen Eltern, die ihr Kind in einer städtischen Kita haben, zum Rathaus ziehen und Oberbürgermeister Stefan Schostok zum Gespräch bitten. Ihre Kritik wollen sie notfalls mit Trillerpfeifen, Töpfen und Trommeln auch lautstark äußern. Auch in Gehrden wollen Väter und Mütter vor dem Rathaus demonstrieren. Leidtragende im Streik seien die Kinder, sagen die Eltern. Veranstaltungen, auf die sie sich lange gefreut hätten wie Schlaffeste fielen aus. In der Kita Seelze-Gümmer haben Eltern derweil die Sache selbst in die Hand genommen: Falls sich der Streik tatsächlich bis zu den Sommerferien ausdehnen sollte, wollen sie den Kindergarten auch in den kommenden Wochen in Eigenregie führen.

Auch Sozialarbeiter und Sozialpädagogen, die sich ebenfalls im Ausstand befinden, machten am Mittwoch im Schulausschuss der Stadt noch einmal auf ihre  Situation aufmerksam und forderten die Solidarität der Politiker ein. Neben Schulsozialarbeitern streiken auch Mitarbeiter in Jugendämtern, im Kommunalen Sozialdienst oder in Behindertenwerkstätten. Dies werde in der Öffentlichkeit leider nicht so wahrgenommen wie der Kita-Streik, hieß es.

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Die Erzieherin: "Ein Ungleichgewicht"

Anke Jonas-Kroner (43) ist Erzieherin in einer städtischen Kita. Quelle: Wallmüller

Warum ich streike? Da erzähle ich immer gern ein persönliches Erlebnis: Ich habe eine 59-jährige Kollegin, die noch eine fünfjährige Ausbildung absolviert hat und seit 35 Jahren im Beruf ist. Ihr Neffe hat eine dreijährige Lehre zum chemischen Laborassistenten hinter sich. Neulich haben sie ihre Einkommen verglichen und festgestellt, dass sie etwa das Gleiche verdienen. Das ist ein großes Ungleichgewicht. Soziale Berufe werden nicht so bezahlt, wie es angemessen wäre. Viele Erzieher arbeiten unfreiwillig in Teilzeit, manche müssen noch einen zweiten Job machen, um überhaupt über die Runden zu kommen. Das ist auch ein politisches Problem. Ich kann die Eltern verstehen, ihre Wut ist aber nicht auf uns zu richten, sondern auf die Arbeitgeber. Die wollen uns nicht aufwerten. Das ist ein Arbeitskampf, der in der Öffentlichkeit entschieden wird. Die Kommunen hätten genug Geld, uns anständig zu bezahlen. So ein Streik ist emotional sehr belastend. Wir stehen nicht herum und trinken Kaffee, wir machen jeden Tag Aktionen. Wir reden mit Eltern, fahren zu Kundgebungen. Wir werden so lange kämpfen, bis es ein annehmbares Angebot gibt, das allen Berufsgruppen hilft. Wenn es sein muss, streiken wir bis zu den Sommerferien. Und notfalls länger.

Die Mutter: "Verdi benutzt uns als Instrument"

Alena Jabukowski ist Vorsitzende im Elternbeirat Kita Fischteichweg. Quelle: Wallmüller

Mein Mann und ich gehen beide arbeiten, Nadja, 7, ist in der 2. Klasse und besucht nachmittags den Hort, mein Sohn Niko, 5, ist in der Kita. Trotzdem gibt es in unserem Umfeld Familien, die der Streik noch weitaus heftiger trifft als uns. Gerade Alleinerziehende oder Eltern, die nicht auf die Hilfe von Großeltern oder Freunden zurückgreifen können, stößt der Ausstand am härtesten.
Wir Eltern der Kita Fischteichweg sind sehr solidarisch und stehen voll und ganz hinter den Anliegen der Streikenden. Uns liegen die Bildung und Erziehung unserer Kinder natürlich selbst unglaublich am Herzen. Nichtsdestotrotz sind wir mittlerweile wirklich verärgert und finden die Haltung Verdis auch nicht länger tragbar. Die Gewerkschaft benutzt die Arbeitnehmer, uns und unsere Kinder als Instrument und setzt Eltern und Erzieher dadurch unter immensen Druck.
Auch von der Politik bin ich mehr als enttäuscht. Wo zu Beginn noch Solidarität stand, ist jetzt nur noch Schweigen. Das ist eine Frechheit! Und am schlimmsten ist, dass es am Ende die Kinder trifft. Die, welche ab September in die Schule gehen, wurden einfach aus dem Kita-Alltag gerissen, und für die, die demnächst in die Kita kommen sollen, entfällt nun die komplette Eingewöhnung.

Der Arbeitgeber: "Können Forderungen nicht erfüllen"

Ulrich Mädge (SPD) ist Oberbürgermeister von Lüneburg und Verhandlungsführer der kommunalen Arbeitgeber im Land. Quelle: dpa

Ich weiß nicht, wie die Einigung gelingen soll. Die Forderungen der Gewerkschaften sind so hoch, dass wir sie nicht erfüllen können. Das können in Deutschland nur ein paar ganz reiche Kommunen. Ich habe in der Stadt Lüneburg beispielsweise einen Haushaltsüberschuss von 150 000 Euro. Gleichzeitig muss ich 5,2 Millionen Euro für Flüchtlinge ausgeben, und dann kämen auch noch 1,8 Millionen Euro für Erzieher und Sozialarbeiter hinzu, wenn es nach Verdi geht. Das kann nur über die Aufnahme neuer Kredite gehen. Ohne Hilfe von Bund und Land wird es nicht gehen.

Es verstößt auch gegen den Grundsatz der Gleichbehandlung, wenn Erzieher mehrere hundert Euro mehr verdienen als Altenpfleger oder Krankenschwestern. Die werden dann mit ihren Forderungen nachziehen.
Spielraum sehe ich bei den Arbeitsbedingungen und bei der Ausbildung. Erzieher müssen oft Schulgeld zahlen, in der Altenpflege ist das ja auch abgeschafft worden.
Der wochenlange Streik belastet die Familien sehr. In den Kitas steht jetzt die Vorbereitung des Übergangs in die Grundschule an. Die Macht der einzelnen Bürgermeister ist begrenzt. Sie können zwar Kita-Gebühren an die Eltern zurückerstatten, aber keinen Haustarif abschließen.

Der Streikleiter: "Wir warten seit Monaten"

Martin Peter, bei Verdi für Gemeinden zuständig, ist Streikleiter für Niedersachsen. Quelle: Wallmüller

Wir warten seit Monaten vergeblich auf ein ernstzunehmendes Angebot der Arbeitgeber. Die wussten seit einem halben Jahr, dass die Verhandlungen anstehen, aber getan hat sich nichts. Den Beschäftigten bleibt nichts anderes, als in den Streik zu treten, so misslich das für die Familien ist. Wir wissen, dass der Streik Eltern an die Grenze ihrer Belastbarkeit bringen kann. Viele unterstützen uns aber auch, der Protest in den Rathäusern gibt uns Rückenwind.
Es geht nicht um einen klassischen tariflichen Arbeitskampf, wir kämpfen für eine generelle Aufwertung der sozialen Berufe. Es geht nicht um ein bisschen mehr Geld, sondern es geht darum, dass Sozialarbeiter, Sozialpädagogen und Erzieher gute Arbeit leisten, sehr belastende Jobs haben und dafür endlich auch entsprechend bezahlt werden müssen. Auch andere soziale Berufe wie Alten- und Krankenpflege, übrigens alles Berufe, die meist von Frauen ausgeübt werden, haben hier einen großen Nachholbedarf.
Die Kommunen können unsere Forderungen sehr wohl erfüllen, das Geld ist da. Letztlich geht es um zehn Prozent der kommunalen Beschäftigten, die ein Gehaltsplus von zehn Prozent wollen, konkret reden wir also über ein Prozent mehr bei den Personalkosten.

Die Sozialarbeiterin: „Das ist ungerecht“

Sabine Hoja (28) ist Sozialarbeiterin im Jugendamt der Region Hannover.

Ein Bauingenieur im öffentlichen Dienst hat ein ähnliches Studium wie ich absolviert, er trägt eine ähnliche Verantwortung und verdient 300 bis 500 Euro im Monat mehr. Das finde ich ungerecht. Was wir im Jugendamt täglich leisten, sieht die Öffentlichkeit nicht. In die Presse kommen wir nur, wenn etwas schief läuft. Ein Vormund darf nicht mehr als 50 Fälle betreuen, ein Mitarbeiter im Jugendamt hat eine solche Begrenzung nicht. Wir sind nicht nur dazu da, Kinder wegzunehmen. Wir halten die Familie, die Gesellschaft an sich, zusammen. Wir kümmern uns um Menschen am Rande des Systems.

Sozialarbeiter haben einen sehr belastenden Beruf und ein hohes Bournout-Risiko. Dafür fordern wir eine gute Bezahlung. Ich möchte mit meinem Kind nicht nur spazieren gehen können, ich möchte mit ihm auch mal in den Heide-Park fahren. Ich habe eine halbe befristete und eine halbe unbefristete Stelle – sichere Zukunftschancen sehen anders aus. Wir müssen eine Familie ernähren, Studiengebühren und Bafög zurückzahlen, das Auto reparieren können. Von dem Wunsch, sich mal ein kleines Eigenheim leisten zu können, ganz zu schweigen. Die Wut der Eltern kann ich verstehen, sie muss sich aber gegen die Arbeitgeber richten.

von Saskia Döhern und Nadja Neqqache

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