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Aus der Stadt Menschenfressergrab wird saniert
Hannover Aus der Stadt Menschenfressergrab wird saniert
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21:11 01.08.2013
Von Conrad von Meding
Feinarbeit, bevor der schwere Steindeckel sich wieder auf den Sarkophag senkt: Steinmetz Michael Lanz bearbeitet die kunstvoll verzierte Deckplatte.
Feinarbeit, bevor der schwere Steindeckel sich wieder auf den Sarkophag senkt: Steinmetz Michael Lanz bearbeitet die kunstvoll verzierte Deckplatte. Quelle: Wallmüller
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Behutsam schwebt der schwere Steindeckel wieder zurück auf den Sarkophag. Mit einem leisen Knirschen schließt sich das Monumentalgrab, als der Kran die Last abgesetzt hat. Wem die Grabstelle einst gehörte, ist nicht mehr zu entziffern. Aber der Sarkophag, seit mehr als 200 Jahren ein Zeugnis der Stadtgeschichte, ist jetzt gerettet und soll nun erneut so lange halten. Mit dem Geld der Wenger-Stiftung wurden die rostenden Stahlverankerungen im Inneren durch Edelstahl ausgetauscht und Risse und Spalten geschlossen.

Bis zum Winter sollen 35 Grabmale auf dem Gartenfriedhof an der Grenze von Südstadt und Mitte saniert sein. Die Stadt hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Kleinode der Parkanlage wieder besser zur Geltung zu bringen. Ein Gartenpflegekonzept ist erarbeitet, die historischen Steine sind untersucht, jetzt werden die drängendsten Sanierungsfälle restauriert. „Die Instandhaltung von Grabmalen ist ein ständiger Kampf mit Korrosion, Frostsprengungen, Vandalismus, Luftverschmutzung und dem Zahn der Zeit“, sagt die Grünflächenchefin der Stadt, Regina Raukuttis.

Der aufgegebene Friedhof an der Marienstraße gilt Gutachtern zufolge als eines der großartigsten Zeitdokumente im mittleren Niedersachsen. Nicht nur, weil die Inschriften der Grabanlagen ausweisen, dass hier Vertreter quasi aller berühmten hannoverschen Familien liegen: Kestner, Rumann, Tramm, Salfeld, Arnswaldt und viele andere. Sondern auch, weil in dem Park 410 größtenteils spätbarocke und stilrein klassizistische Begräbnisskulpturen erhalten sind, wie Gartendenkmalexperte Andreas von Hoeren jüngst in einer Expertise vorstellte – ein echter Schatz der Stadtgeschichte.

Eigentlich ist es einer Trinkergruppe zu verdanken, dass der Friedhof wieder in den öffentlichen Fokus gerückt ist: Sie nervte die Anwohner so sehr, dass diese sich um eine Aufwertung der Parkanlage bemühten und dabei entdeckten, was für ein Schatz vor ihrer Haustür liegt. Und so dankte Raukuttis gestern bei einem Ortstermin denn auch dem Verein Renaissance Gartenfriedhof um Dieter Zinßer für das Engagement, nicht minder aber auch der Wenger-Stiftung für ihre Unterstützung. Die von dem 2004 verstorbenen Architekten Fritz Wenger initiierte Stiftung hatte die Rückkehr der Goldskulpturen im Herrenhäuser Gartentheater ermöglicht und die Restaurierung des Altars der Bethlehemkirche. Jetzt nimmt sie den Gartenfriedhof ins Visier, wie Peter Ziegler und Peter Königfeld vom Vorstand gestern versprachen. Mehr als 50 000 Euro sind schon geflossen.

Nicht alle Grabmale müssen geöffnet werden wie der Sarkophag (der innen zwar hohl, aber leer ist). Meist geht es vor allem darum, mit Mikrofeinstrahlen die schwarzen Verkrustungen zu reduzieren, die sich auf dem Sandstein bilden. Erstens verhinderten sie die Atmung des Steins, erklärt Restauratorin Julia Leichsenring, zweitens beförderten sie die Rissbildung und Abplatzungen. Nach der Behandlung sind Inschriften wieder besser zu lesen.

Menschenfressergrab: Noch im August wird auch der sagenumwobene Obelisk von Andreaß Jakob Lutz (1728–1794) restauriert. Weil der erste Vorname auf den spitzen Obelisken nicht in eine Zeile passte und der Bildhauer ihn trennte („Andre aß Jakob“), ranken sich Schaudergeschichten um ihn. Auf dem Friedhof gibt es etliche andere Steine mit Geschichte, etwa das „geöffnete Grab“ von Henriette Juliane Caroline von Rüling (1756–1782).

Patenschaft: Der Verein Renaissance Gartenfriedhof vergibt Patenschaften für Grabmale. Gut zwei Dutzend Paten gibt es schon. Am 24. September, 16 Uhr, ist die Patenfeier am Grab der Friederikenstift-Gründerin Ida Arenhold (1798–1863).

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