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Aus der Stadt Messe muss Grundstück wegen Altlasten sanieren
Hannover Aus der Stadt Messe muss Grundstück wegen Altlasten sanieren
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00:15 17.12.2012
Von Conrad von Meding
Foto: Messechef Wolfram von Fritsch informierte am Freitag über die Altlasten auf dem Grundstück.
Messechef Wolfram von Fritsch informierte am Freitag über die Altlasten auf einem Grundstück an der Ulmer Straße. Quelle: dpa
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Hannover

Mit dieser Altlast hatte im Messevorstand niemand gerechnet. Auf einem Grundstück an der Stadtgrenze von Laatzen und Hannover sind bei Bohrungen hochgiftige Ablagerungen gefunden worden. Bis 1969 wurden dort Bahnschwellen imprägniert, Teerölrückstände sind tief ins Erdreich eingesickert. Bitter: Die Messe hat den Schaden nicht verursacht, muss nun aber dafür zahlen.

Die Messe hatte das riesige Areal 1998 als Logistikfläche für die Expo gekauft. Trotz Gutachten habe es damals keine Hinweise auf das Gift im Boden gegeben, sagte Messechef Wolfram von Fritsch am Freitag. Jetzt wollte das Unternehmen die Fläche weiterverkaufen. Für ein neues Bodengutachten wurde etwas tiefer gebohrt – und die Altlast entdeckt. Es handelt sich um hochgiftige Verbindungen, sogenannte Polycyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK). „Wir haben den Schaden nicht verursacht, aber der Schwarze Peter ist jetzt bei uns liegengeblieben“, sagt von Fritsch. Die Sanierung wird voraussichtlich Millionen kosten.

65 000 Quadratmeter groß ist das Eckgrundstück an Karlsruher und Ulmer Straße in Sichtweite des Messegeländes, genau gegenüber dem Luftfahrtmuseum. Bis in die dreißiger Jahre betrieb dort die Reichsbahn ein eigenes Bahnschwellenwerk, später übernahm die private Firma Peters Produktion und Gelände. Auf einem Luftbild von 1965 ist zu erkennen, wie auf großen Flächen in der Mitte fertige Bahnschwellen gestapelt waren. Am Ostrand, zur Karlsruher Straße hin, befand sich die Tränke. Um das Holz zu imprägnieren, damit weder Insekten noch Pilze Appetit darauf bekamen, wurden die Schwellen in ein Steinkohle-Teerölbad versenkt und anschließend zum Abtropfen auf das Gelände gestellt. „Heute ist das streng verboten, weil man weiß, wie giftig das Material ist“, sagt Wolfram von Fritsch. Doch vor zwei Generationen mochte sich niemand vorstellen, dass das, was Kleinlebewesen tötet, irgendwann auch für den Menschen gefährlich werden kann.

Akut, verspricht der Messechef, gehe „nach allen heute vorliegenden Erkenntnissen keine Gefahr“ von dem Gift im Boden aus. Das gelte sowohl für Menschen, die sich auf dem Grundstück selbst bewegen, als auch für Nachbarn oder das Trinkwasser.

In Europa gibt es immer noch keine Pflicht, belastete Grundstücke zu sanieren, solange keine Gefahr davon ausgeht. „Wir fühlen uns als nachhaltig wirtschaftendes Unternehmen aber verpflichtet, den Schaden zu sanieren“, sagt von Fritsch. Man kooperiere dazu mit der Umweltbehörde der Region sowie den Kommunen Laatzen und Hannover.

Die Region bestätigt auf Anfrage, dass sie in die Planung eingebunden ist. Auch dort gibt es keine Angaben zur Schwere der Verunreinigung. „Es handelt sich um eine hohe Belastung“, sagt Sprecher Klaus Abelmann nur. Alle Details sollen jetzt durch ein Sanierungsgutachten geklärt werden.

Nach HAZ-Informationen wollte die Messe das Gelände an die Firma CG Chemikalien verkaufen, die auf der Nachbarfläche einen Chemiegroßhandel mit etwa 120 Mitarbeitern betreibt. Im Sommer hat der Aufsichtsrat den Verhandlungen zugestimmt. Jetzt ist das komplette Verfahren wegen der Altlast gestoppt. Die Messe prüft, ob sie sich an Vorbesitzern schadlos halten kann. „Wir würden uns freuen, wenn eine Versicherung zahlen würde“, sagt der Messechef verschmitzt. Derzeit scheint es aber wenig Chancen zu geben. „Man hat beim letzten Verkauf nicht gezielt nach Altlasten und nicht in dieser Tiefe gesucht“, bedauert von Fritsch.

Für das aktuelle Bodengutachten sind 15 Löcher in bis zu 20 Meter Tiefe gebohrt worden. Die Altlasten liegen offenbar ab etwa elf Metern im Boden. Von Fritsch kündigt an, dass es „für das Gute im Schlechten“ ein Forschungsprojekt mit der Leibniz-Uni geben soll. Das Team von Prof. Dr. Insa Neuweiler vom Institut für Strömungsmechanik soll die Altlastensanierung begleiten. „Damit dokumentieren wir das Projekt vom Beginn der Entdeckung an“, sagt der Messechef. „Daraus können andere später lernen.“

Auf die Frage, ob der Schaden einen Gewinneinbruch bei den Messe-Anteilseignern Land und Stadt verursachen wird, kann von Fritsch nur müde lächeln. Auch sei, natürlich, die mittelfristige Finanzplanung nicht gefährdet. Das weltweit aktive Unternehmen macht jährlich dreistellige Millionenumsätze. Trotzdem sei der Vorgang ärgerlich: „Statt des Grundstücksverkaufs kümmern wir uns jetzt um die Sanierung.“

Der Artikel wurde aktualisiert.

14.12.2012
Michael Zgoll 14.12.2012