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Aus der Stadt „Mick Jagger stand bei mir in der Küche“
Hannover Aus der Stadt „Mick Jagger stand bei mir in der Küche“
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10:38 05.01.2012
Wolfgang Heilemann fotografierte Rockgrößen für die „Bravo“. Quelle: rockfoto.de
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Hannover

Wolfgang Heilemann wurde bekannt als „Rockfotograf“ für die Zeitschrift „Bravo“ in den sechziger und siebziger Jahren. Er fotografierte mehr als 250 Titelbilder und die bekannten „Bravo“-Starschnitte von Künstlern wie AC/DC, Rod Stewart, The Sweet, Mick Jagger und Roy Black. Zeitweise war er Exklusivfotograf der Popband Abba. Heilemann wuchs in der hannoverschen Südstadt auf. Der 69-Jährige lebt heute mit seiner Frau in München.

Herr Heilemann, Sie haben wirklich alle Stars der sechziger und siebziger Jahre fotografiert. Wie haben Sie Jagger und Co. vor die Linse bekommen?
Die „Bravo“ war damals die Weltmacht der Branche. Die Plattenfirmen wussten: Wenn sie ihre Schallplatte verkaufen wollen, müssen sie in „Bravo“ sein.

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Wie haben Sie die Bands dazu gekriegt, für das Foto das zu machen, was Sie von ihnen wollten?
Bei mir wurden die getrieben, die Stars stellen sich ja nicht freiwillig so hin. Ich hab Marc Bolan von T.Rex von Inge Meysel für ein Foto die Fußnägel schneiden lassen und Abba nackt in Alufolie gewickelt. Bei einem Fotoshooting im Studio Hamburg, wo damals die Sendung „Disco“ aufgezeichnet wurde, habe ich Benny von Abba dazu gebracht, mit einer Flasche „Henkell Trocken“ rumzuspritzen. Das hätte der auch nicht bei jedem Fotografen gemacht. In dem Studio ist übrigens auch das Logo der Band entstanden.

Sie waren dabei, als das Abba-Logo entstanden ist?
Ja, wir haben 1976 dort auch ein Shooting gemacht und hatten übergroße silberne Buchstaben mit den Bandinitialen als Requisiten. Dabei hielt Benny Andersson, der an zweiter Stelle stand, versehentlich das „B“ verkehrt herum. Das habe ich allerdings erst nach den Aufnahmen auf den Polaroids gesehen. Ich habe die Band über den Fehler informiert. Björn und Benny beschlossen, diesen „Patzer“ zu ihrem Logo zu machen – und sie haben sich überschwänglich bei mir bedankt.

Aber Rockstars zu fotografieren lief damals bestimmt nicht reibungslos ab.
Nein, sicher nicht. Led Zeppelin haben mal mein Studio auseinandergenommen: Der Manager zerstörte meine Blitzanlage, während die Band die Hintergrundrolle abgerissen hat. Ich habe die ganze Zeit weiter fotografiert.

Sie gelten als der Abba-Kenner überhaupt, waren zeitweise der Exklusivfotograf der Band. Wie kam es dazu?
Das hat sich so ergeben, weil ich einer der wenigen war, der an die Band geglaubt hat. Ich war 1974 in Brighton beim Eurovision Song Contest. Eine Popband wie Abba passte damals nicht zu so einem Schlagerfestival, auch die Buchmacher gaben den Schweden keine Chance. Als ich bei den Proben sah, mit welcher unglaublichen Power die über die Bühne fetzten, war ich sofort begeistert. Ich habe sie nach der Probe angesprochen und sie fotografiert. Dann hab ich mit Abba um eine Flasche Champagner gewettet, dass sie gewinnen, woran sie selber nicht geglaubt haben. Aber sie gewannen. Nach dem Sieg war die Band in ihrer Suite zum Feiern, die Tür stand einen Spalt offen und Björn Ulvaeus konnte mich sehen: „Da ist der Typ, der den Sieg vorausgesagt hat“, rief er. So wurde ich eine Art Maskottchen für die.

In diesem Jahr ist 40-jähriges Jubiläum der Gründung von Abba. Noch heute verkauft die Band 3000 CDs pro Tag, „Abba – The Show“ tourt weltweit erfolgreich. Warum werden den Leuten die Schweden nicht langweilig?
Eben weil sie sich nicht mehr zeigen, nicht mehr gemeinsam auftreten. Das hat Abba zu einem Mythos werden lassen. Man hat sie in Erinnerung, wie sie früher waren: jung, hübsch, talentiert, erfolgreich. Und man sieht eben keine alten Zausel auf der Bühne. Seit der Trennung der Band sagt deren Managerin zu allem eigentlich immer nur eins: „Never ever.“ Es wird keine Auftritte geben, und daher bleiben sie ein Mythos.

Sie haben ja auch mit Mick Jagger einiges erlebt. Erzählen Sie mal.
Welche Geschichte denn?

Ach, es gibt mehrere?
Oh ja. Also 1975 traf ich ihn in einer Disko in München. Mick Jagger fühlte sich da nicht so wohl, weil er niemanden kannte, und schlug vor, mit ein paar Frauen zu mir zu gehen. Auf der Tanzfläche zeigte er mir dann auch, welche Frauen es sein sollen. Ich bin dann zu denen hin und hab’ gesagt: „Mick Jagger möchte noch mit zu mir gehen und was trinken, habt ihr Lust?“

Und?
Natürlich hatten sie Lust. Die Mädels saßen dann wie die Hühner auf der Stange auf meiner Couch. Ich fand’s toll, dass Mick da war. Das Glas, aus dem er getrunken hat, habe ich heute noch. Während die Mädels im Wohnzimmer saßen, standen wir in meiner Küche und haben gequatscht. Später hat er sich dann eines von den Mädels ausgesucht und ist mit ihm ins „Holiday Inn“ gegangen.

Ihr Spitzname ist „Bubi“, das klingt mehr nach Schlager als nach Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll. Warum werden Sie so genannt?
Das hat mit Hannover zu tun, wo ich aufgewachsen bin: Es gab hier damals einen Plattenladen namens „Die Schallplatte“ gegenüber vom Hauptbahnhof beim City Kino, wo ich übrigens siebenmal „Rock Around The Clock“ gesehen habe. Da war eine hübsche Verkäuferin, Fräulein Tölle, und die sagte stets: „Na Bubi, was willst du schon wieder hier?“ Das ist mir dann so geblieben.

Haben Sie noch Erinnerungen an ihre Heimatstadt Hannover?
Natürlich. Ich habe hier Fotokaufmann gelernt, weil mein Vater meinte, dass ich was Anständiges lernen sollte. Ich fing bei Photo Haas an, wechselte dann aber zu Photo Otte auf der Georgstraße. Selbst zu fotografieren habe ich zum Beispiel am Kröpcke geübt. Da gab es in der Adventszeit immer diesen großen, leuchtenden Stern, der über die Straße gespannt war. Den habe ich mit Langzeitbelichtung fotografiert als junger Kerl.

Aber vom Fotografieren des Magis-Sterns bis zum wichtigsten Rockfotografen der sechziger Jahre ist es ja ein großer Schritt. Wann kam ihr Durchbruch?
Über Umwege bin ich zur „Bravo“ nach München gekommen. Die schickten mich 1967 nach Hamburg, da sei ein Pressetermin „mit einem zotteligen Schwarzen“, da wollte irgendwie keiner hin. Und weil dieses Shooting, bei dem es übrigens um Jimi Hendrix ging, eigentlich keine Chance hatte, gedruckt zu werden, sagte der Bildredakteur, ich solle doch auf eigene Rechnung vorher noch nach London fliegen, um die Easy Beats abzulichten. Und dann stand ich in London im Büro der Plattenfirma, und da saßen noch ein paar Penner im Vorzimmer. Das waren Ginger Baker, Jack Bruce und Eric Clapton von Cream, damals noch völlig unbekannt. Auch die Bee Gees, ebenfalls noch am Anfang ihrer Karriere, liefen mir dort über den Weg – die habe ich auf der Oxford Street fotografiert. Doch es war gar nicht so einfach, Clapton, Bee Gees und Hendrix dann auch ins Blatt zu kriegen.

Wieso wollte die „Bravo“ die Fotos nicht?
Die waren damals ja noch völlig unbekannt. Daher habe ich ein bisschen getrickst, wir hatten bei der „Bravo“ gerade einen neuen Chefredakteur, der keine Ahnung von Popmusik hatte. In London hatte ich aus Zeitschriften die Werbeanzeigen der Künstler rausgerissen und meinem Chef vorgelegt: „Schau, in England sind diese Bands seitenweise in den Heften!“ Und er erkannte gar nicht, dass das Anzeigen waren. So wurde alles gedruckt. Das war quasi mein Durchbruch.

Das Gespräch führte Hannah Suppa

Am Sonntag, 15. Januar 2012, gastiert „Abba – The Show“ in der AWD-Hall in Hannover. Beginn ist 19 Uhr.