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Aus der Stadt Wenn Schimmel zum Klagegrund wird
Hannover Aus der Stadt Wenn Schimmel zum Klagegrund wird
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00:29 21.01.2015
Von Gunnar Menkens
Der Mieterbund Hannover befasst sich jährlich mit 10.000 Konflikten. Ganz oben auf der Klageliste: Nebenkosten und Schimmel. Quelle: dpa
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Hannover

Zuerst hat Barbara Scholz* mit Briefen versucht, den Vermieter zum Handeln zu zwingen. Die Lage im Haus wurde unerträglich, aber „die Heuschrecke“ stellte sich tot. War sie beleidigt? Frau Scholz kennt ihre Schwäche in Beschwerdeschreiben: „Ich falle da immer ein bisschen aus dem Ton.“ In dem Nordstädter Block, im Besitz eines großen Immobilieninvestors, blieb alles so schlimm, wie es war: Unangenehme Gerüche aus der vermüllten Wohnung eine Etage tiefer verbreiteten sich im Treppenhaus. Und der junge Mann, der ausdauernd im und vorm Haus unflätiges Zeug brüllte, gab einfach keine Ruhe. Aber die Beschwerden von Barbara Scholz blieben ohne Antwort.

Jetzt sitzt die 50-Jährige im Büro von Stephan Lohoff. Es ist nicht ihr erster Besuch beim Anwalt des Mieterbundes. Der Ärger im Haus zieht sich seit zwei Jahren hin. Ihre Mappe in der Angelegenheit wächst Blatt für Blatt. Briefe, Notizen, Lärmprotokolle zeugen von einem verzweifelten Kampf. Jetzt forderte „die Heuschrecke“ auch noch mehr Nebenkosten, weil ein neuer Hausmeisterdienst beauftragt worden sei.

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20 Minuten pro Gespräch: Stephan Lohoff, Berater beim Mieterverein.

Lohoff, Volljurist, Krawatte, Anzug, spricht siegesgewiss. Die Miete sei schon gemindert, und der Investor habe genug Zeit gehabt zu reagieren. Er diktiert einen Brief: „(...) leider großartige Verbesserung der Wohnsituation nicht zu erkennen.“ Er setzt eine Frist vor einer Klageandrohung und legt im Namen seiner Mandantin Widerspruch gegen höhere Nebenkosten ein. Frau Scholz zahle laut Mietvertrag bereits für einen Hauswart. Der Tonfall von Lohoff im Gespräch: milde ironisch und zuversichtlich gegen alle unterlassene Hilfe der „Heuschrecke“.

Der Mieterbund, Geschäftsführer ist Randolph Fries, ist so etwas wie der große Bruder auf dem Schulhof, der Geschwister vor Zumutungen von Stärkeren beschützt. Es liegt in der Natur der Sache, dass Eigentümer hier eher als die Spezies auftaucht, die verzögert, droht, fordert und verschleiert. Das ist für die Gesamtheit höchst ungerecht - aber Mieter, die hier um einen Termin bitten, haben gewöhnlich Ärger. 32 000 Mitglieder hat der Mieterbund in der Region Hannover, mehr als Hannover 96, sagen sie mit einigem Stolz. 25 Juristen beschäftigen sich pro Jahr mit rund 10 000 Fällen, nur 200 davon, zwei Prozent, landen am Ende vor einem Gericht. Oft reicht das Wissen, dass Mieter eine wehrhafte Institution im Rücken haben.

Beraten wird nach recht streng eingehaltener Vorgabe, 20 Minuten pro Gespräch. Für Plaudereien um Nebensächliches bleibt da keine Zeit, wenn draußen im Flur der nächste Mandant wartet. Wieder mit Ordner, Fotos, Verträgen und einer neuen Geschichte. Zwei Themen stehen vorn bei Beratungsgesprächen: Nebenkostenabrechnungen und Wohnungsschimmel.

Dass es in ihrer neuen Wohnung nicht zum Besten stand, bemerkte das junge Paar erst ein paar Monate nach dem Einzug, im Winter. Räume waren schwer zu heizen, Claudia Haas ging mit Kerzen durch Zimmer und notierte, wo Zugluft Flammen flackern ließ. Tesamoll dichtete notdürftig Ritzen ab. Hinter frischen Tapeten tat sich Schimmel hervor, aus Badewanne und Spülkasten stach modriger Geruch in die Nase. „Eklig“, sagt sie. Die Eheleute informierten den Vermieter und zahlten ein Viertel weniger Miete. Nur am Zustand der Wohnung änderte sich nichts. Der Eigentümer erklärte, das Paar lüfte falsch. Die Schuldfrage stellte sich ihm anders. Er ließ durchblicken, dass er sich sein Recht noch stets vor Gericht geholt habe. Damals dachte Claudia Haas: „Den möchte man nicht zum Feind haben.“

Fakten sichern, Lüftungsprotokolle anfertigen, Oberflächentemperatur messen: Anwältin Vera Dille hat mehrere Tausend Beratungsgesrpäche beim Mieterverin geführt.

Rechtsanwältin Vera Dille ist seit 20 Jahren beim Mieterbund. Jetzt empfiehlt die Anwältin dem Paar, umfassend Fakten zu sichern. Vormieter fragen, ob die Schäden bereits bekannt waren. Lüftungsprotokolle führen. Kältebrücken an Wänden feststellen, Taupunkte und Oberflächentemperatur messen. Der Mieterbund kann Gutachter beauftragen, die solche Dinge für 80 Euro übernehmen. Und Vera Dille wird den Vermieter auffordern, die Mängel sofort zu beseitigen. Sie hat gruselige vergrößerte Aufnahmen aus der Wohnung gesehen, die das Paar fotografierte. „Das kann hier schon die Gesundheit gefährden“, sagt sie dem Paar, das auf lange Sicht eine Lösung in Aussicht hat: Nächstes Jahr zieht es in eine eigene Wohnung. Dann sind sie Eigentümer.

In Gesprächen mit Mietern wiederholen die Anwälte regelmäßig einige Standards. So müssen finanzielle Forderungen von Eigentümern durch Unterlagen belegt sein und Mietverträge rechtsgültige Klauseln enthalten. Von Klageandrohungen sollten sich Mieter nicht abschrecken lassen, ihr Recht zu suchen. Aber mancher, der zur Beratung kommt, erfährt, dass seine Ansprüche begrenzt sind. Mieter können nicht die Miete kürzen, ohne dies dem Eigentümer zu erklären und zu begründen. Denn Besitzer müssen die Chance haben, behauptete Mängel abzustellen. Diese zu melden ist allerdings ratsam, um später für Folgeschäden nicht haftbar gemacht werden zu können. Und wer in einer hellhörigen Wohnung aus den 50er-Jahren lebt, kann keinen Trittschall nach heutigen Normen fordern. Juristen beim Mieterbund mussten auch viele Mitglieder enttäuschen, die wegen extrem gestiegener Heizkosten gekommen waren. Sie kamen in der Hoffnung, Geld zurückfordern zu können, weil Leerstand um ihre Wohnung herum dazu führte, dass der Thermostat hochgedreht blieb. Aber dafür gibt es keinen Ausgleich. Und wenn nicht alles täuscht, dürften aktuelle Entwicklungen bald für neuen Konfliktstoff sorgen: das eingeschränkte Rauchverbot auf Balkonen, Mietpreisbremse und das Ende der von Mietern zu zahlenden Maklerprovisionen.

Das Thema des Jahresanfangs aber ist auch 2015 wie stets: Nebenkostenabrechnungen. Ein Hort von Flüchtigkeitsfehlern, die ins Geld gehen können. Manchmal sind es kleine Summen, 4,78 Euro zum Beispiel, um die Eigentümer und Mieter streiten. Luise Neumann soll das Geld nachzahlen, der Vermieter machte Druck und setzte einen Mahnbescheid auf. Die alte Dame wundert sich. In den vergangenen Jahren gab es doch immer Geld zurück. Mehr geheizt hatte sie nicht, es war ein recht milder Winter gewesen, aber sie weiß, dass eine Hausfassade feucht ist. Kein Ableseprotokoll begründete die Forderung, Luise Neumann sollte es sich bei einer ­zwischengeschalteten Hausverwaltung selbst besorgen. So aber, sagt Anwalt Lohoff, geht es nicht. „Ohne Nachweis können die auch 10 000 Euro fordern. Und die Hausverwaltung wird den Teufel tun und private Daten herausgeben.“ Also wieder ein Brief, wieder weist Lohoff Forderungen zurück. Mieterin Neumann nickt, als er den Text diktiert. „Die wollen mich einschüchtern, aber zu diesen Leuten gehöre ich nicht.“

Nach einigen Tausend Beratungsgesprächen hat Mieteranwältin Vera Dille aus ihrer Arbeit auch privat Konsequenzen gezogen. Früher hätte sie Verabredungen beim Wohnungswechsel per Handschlag gemacht, heute nicht mehr. Übergabeprotokolle, Schäden, die zu beseitigen sind. „Viele Leute denken, wenn einer nur nett aussieht, sind keine schriftlichen Abmachungen nötig.“ Sie hat festgestellt, dass das Irrtum ist.

* Alle Namen von Mietern sind geändert.

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