Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Aus der Stadt Ein Albtraum für Tochter und Eltern
Hannover Aus der Stadt Ein Albtraum für Tochter und Eltern
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:21 12.10.2014
Von Michael Zgoll
Der 54-jährige Klaus R. wird von Anwalt Oliver Laxner verteidigt.
Der 54-jährige Klaus R. wird von Anwalt Oliver Laxner verteidigt. Quelle: Welz
Anzeige
Hannover

Eine 18 Jahre alte Schülerin durchlebte im April dieses Jahres einen Albtraum. Bei Dunkelheit, auf einem Feldweg. Sie geriet in eine jener Situationen, vor denen Eltern ihre Kinder immer wieder warnen: Damit Dir nichts passiert, nimm nachts mit dem Rad keine Abkürzung, nutze befahrene Straßen. Doch die Schülerin war müde, es war nach Mitternacht, sie hatte in Hannover gejobbt und wollte nach einer S-Bahn-Fahrt schnell ins Bett. Auf dem Weg ins elterliche Heim im Barsinghäuser Ortsteil Egestorf stieß sie auf Klaus R. Es war keine erfreuliche Begegnung mit dem 54-Jährigen, der sich seit Wochenanfang vor dem Landgericht Hannover wegen schwerer sexueller Nötigung in drei Fällen verantworten muss. Gestern schilderte die heute 19-Jährige ihre Erlebnisse in jener Nacht - ein couragierter Auftritt.

Die zierliche junge Frau auf der Zeugenbank ist blond, hübsch, legt gerade ihr Fachabitur ab. Sie spricht leise, lässt sich aber nicht aus der Ruhe bringen und kann viele Details präzise beschreiben. Wie sie ein weißer Kombi auf dem Feldweg mit hohem Tempo überholte, nachts gegen 1.15 Uhr. Wie die Lichter des Wagens erloschen, sie sich auf ihrem Rad dem auf dem Asphalt stehenden Fahrer näherte. Wie sie registrierte, dass ihr der Mann den Weg abschneiden wollte. Sie hielt an, die nur schemenhaft erkennbare Gestalt packte sie an den Armen, riss sie zu Boden. Die Schülerin wehrte sich. Nach Leibeskräften. Sie trat, schlug, schrie aus voller Kehle. Das Elternhaus ist nur wenige hundert Meter entfernt, vielleicht werden Mutter und Vater ja wach. Der Mann versuchte sie zu bändigen, blaffte sie an: „Jetzt halt’ doch mal still, jetzt hab’ Dich nicht so.“ In der Hand hielt er ein Messer. Als ihre Gegenwehr nicht nachließ, gab er auf und lief weg. Das Mädchen sprang auf sein Rad, hob eine Mütze auf, die der Angreifer verloren hatte, und fuhr heim.

Auch die Mutter sagte gestern vor der 3. Großen Strafkammer aus. Sie berichtete, wie ihre zitternde, schwer atmende Tochter sie und ihren Mann aus dem Bett geklingelt hatte und gleich alles aus ihr herausgesprudelt war: „Der hat versucht, mich zu vergewaltigen.“ Und: „Mama, ich habe gedacht, ich muss sterben.“ Kurze Zeit darauf war die Polizei vor Ort. Traumatisiert, meinte die 43-Jährige, sei ihre Tochter wohl nicht. Aber nach dem Überfall habe sie noch viele Nächte im elterlichen Bett geschlafen. Sie wolle seither kaum noch allein sein, suche bei Fahrten immer vertraute Begleitung. Aber sie arbeite weiter für ihr Abitur. Elif Gencay-Drews, die die 19-Jährige als Nebenklage-Anwältin vertritt, formuliert es so: „Sie versucht, stark zu sein.“

Im Zeugenstand konnte die Schülerin das Gesicht des Angeklagten aus Springe gestern nicht hundertprozentig als das des Täters identifizieren. Aber Größe und Statur passen. Zudem gibt es noch die Kappe mit dem Firmenlogo und das von dem Mädchen beschriebene Auto - beides ist eindeutig dem ehemaligen Außendienstler einer österreichischen Maschinenbaufirma zuzuordnen. Klaus R. hat auch schon zugegeben, in jener Nacht am Tatort gewesen zu sein. Aber eine Attacke auf die junge Frau? Weist er weit von sich. Richterin Renata Bürgel wollte von ihm wissen, warum er nachts zum Feldweg zurückgekehrt sei und seine Kappe gesucht habe. Warum er zwei Tage später einen Anwalt aufsuchte, wenn er doch gar nichts verbrochen habe. Die Antworten des Angeklagten wirkten wie hilflose Ausreden.

Am Montag geht der Prozess weiter. Dann tritt eine junge Frau in den Zeugenstand, die sexuell missbraucht wurde. Das Gericht will klären, was R. damit zu tun hat - und ob er der Serientäter ist, der in der Region jahrelang sein Unwesen trieb.

Bernd Haase 10.10.2014
Aus der Stadt Schostok, Konjunktur, Helene Fischer - Das ist heute in Hannover wichtig
10.10.2014
09.10.2014