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Aus der Stadt Mit dem Gerichtsvollzieher auf Tour
Hannover Aus der Stadt Mit dem Gerichtsvollzieher auf Tour
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23:01 05.07.2012
Von Sonja Fröhlich
Foto: „Ein Deeskalationstraining hilft nicht, wenn man eine Pistole am Kopf hat“: Heinrich Rink ist sich über die Gefahren seines Berufes bewusst.
„Ein Deeskalationstraining hilft nicht, wenn man eine Pistole am Kopf hat“: Heinrich Rink ist sich über die Gefahren seines Berufes bewusst. Quelle: Blüher
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Hannover

An diesem Morgen ist Heinrich Rink etwas nervöser als sonst. „Wenn ich raus muss, fliegt das Haus in die Luft“, hatte ihm der Mieter vor drei Wochen erklärt, als Rink ihm den Bescheid über die bevorstehende Zwangsräumung übergab. Jetzt steht der Gerichtsvollzieher vor der Tür in der zweiten Etage, ein Wohnhaus an der Berliner Allee mit kargem Flur, und klingelt bei dem Schuldner. Rink ist allein. Er sagt, das wirke deeskalierend. Erst später wird der Hausverwalter dazukommen. Rink ist 59 Jahre alt und seit 35 Jahren als Gerichtsvollzieher in Hannover unterwegs. Er sagt: „Es gibt immer mal wieder bedrohliche Situationen für mich und meine Kollegen, aber darauf muss man sich einstellen.“

Doch was am Mittwoch in Karlsruhe passiert ist, macht auch Rink betroffen. Dort hatte ein arbeitsloser Mann vier Menschen und sich selbst getötet. Unter den Opfern sind ein Gerichtsvollzieher, ein Mann vom Schlüsseldienst und der neue Eigentümer der Wohnung. Der Täter sei bisher nicht wegen Gewaltdelikten aufgefallen, sagte der leitende Oberstaatsanwalt später. Der Gerichtsvollzieher sei ahnungslos in die Falle getappt.

Rink geht meistens allein zu seinen „Kunden“, wie er die Schuldner nennt, bei denen er nach Geldquellen oder Vermögenswerten fahndet. Erst wenn es Probleme gibt, ruft er Schlüsseldienst und Polizei. 70 Prozent der Menschen, bei denen er klingelt, kennt er seit Jahren. Viele arbeitslose Hartz-IV-Empfänger sind darunter, aber auch verschuldete Ärzte und Anwälte, derzeit sogar eine Aktiengesellschaft. Rink kennt viele Geschichten über das Verhängnis des Verschuldens. „Manche Kunden haben sich daran gewöhnt, dass ich komme. Da kannte ich schon die Eltern“, sagt er. Aber es gibt eben auch diejenigen, die aggressiv werden. Wie die Frau, bei der Rink einmal einen Läufer pfänden wollte. Die korpulente Mieterin hielt den Gerichtsvollzieher fest, schlug und kratzte ihn. Rink gelang die Flucht mit dem Teppich. Die Frau zeigte ihn später wegen Körperverletzung an.

Dass die Aggressivität zugenommen hat, bestätigt auch Volker Saarmann. Der Inhaber des gleichnamigen Schlüsseldienstes ist bei Zwangsräumungen dabei, aber auch wenn Menschen aus ihren Wohnungen geholt werden - sei es, um Männer zum Vaterschaftstest zu bewegen, um Haftbefehle zu vollstrecken, oder, um Gas- und Stromzähler auszubauen, weil die Mieter die Zählerstände nicht freiwillig preisgeben. „Hinter jeder Tür verbirgt sich eine Wundertüte“, sagt Saarmann. Müll und Gestank, schlafende Alkoholiker, üble Beleidigungen gehören für ihn zum Alltag. Saarmann hat schon in die Mündungen von zwei Pistolen gesehen; einmal wurde eine Axt neben ihm von innen durch die Tür geschlagen, als er dabei war, das Schloss zu öffnen. Erst neulich habe in Kleefeld ein Mann erklärt: „Wer in meine Wohnung kommt, wird erschossen.“ Erst als die Polizei mit fünf Streifenwagen und einer Hundestaffel anrückte, gab der Mann die Wohnung für den Gerichtsvollzieher frei. Saarmann sieht das so: „Die Leute haben ihre Probleme lange aussitzen können. Es war ihnen nicht bewusst, dass es ernst ist. Und auf einmal ist dann der Fernseher aus.“

Allerdings gibt es laut Rink aufgrund des Preisverfalls nur noch wenige Pfändungen. Oft müsse er eidesstattliche Erklärungen (ehemals Offenbarungseid) abnehmen. Wer sich sperrt, kann in Erzwingungshaft genommen werden. Das ist nicht selten der Fall. „Die Leute sind dickfelliger geworden. Die Akzeptanz gegenüber gerichtlichen Entscheidungen nimmt ab.“ Nach dem Blutbad in Karlsruhe hat der Deutsche Gerichtsvollzieherbund mehr Schutz für die Bediensteten gefordert. Für die 38 Gerichtsvollzieher im Bezirk des Amtsgerichts Hannover sind bereits Deeskalations- und Selbstverteidigungskurse Pflicht. „Das hilft einem aber nicht, wenn man eine Pistole am Kopf hat“, sagt Rink.

Bei seinen Besuchen setze er auf eine Mischung aus Nachdruck und Verständnis - und seine Menschenkenntnis. Doch dafür muss man die Menschen, denen man auf die Bude rückt, erst einmal kennenlernen. Dagegen spricht der zeitliche und finanzielle Druck, der auf den Gerichtsvollziehern lastet. Innerhalb eines Monats sollen ihre Aufträge erledigt sein. Oft werden die Betroffenen aber nicht angetroffen oder es gibt andere Probleme. Für einen Auftrag im Stadtgebiet erhält Rink, der sein Büro in Laatzen hat, eine einmalige Wegpauschale von 2,50 Euro. Bei dem Mann an der Berliner Allee, der damit gedroht hatte, das Haus in die Luft zu sprengen, war Rink sechs Mal in den vergangenen drei Wochen - um den Mann zu beruhigen.

Offenbar ist ihm das gelungen. Denn am Tag der Zwangsräumung verließ der Mann nach gutem Zureden irgendwann die Wohnung. Es hätte aber auch anders kommen können.

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Chronik der Verzweiflungstaten

Zwangsräumungen veranlassen Schuldner manchmal zu Verzweiflungstaten. In den vergangenen Jahren kam es auch in der Region Hannover zu schwerwiegenden Vorfällen.

September 2011: Ein 70-jähriger Mann stürzt sich in Herrenhausen aus der vierten Etage seines Wohnhauses – er ist sofort tot. Offenbar sah er sich in einer ausweglosen Lage: Seine Wohnung sollte noch am gleichen Morgen geräumt werden. „Er war außer sich, dass er aus der Wohnung raus muss. Wir haben Unterstützung angeboten, aber er wollte einfach nicht“, sagt eine Nachbarin später.

Juli 2010: Am Morgen vor der Zwangsräumung legt ein 47-jähriger Koch Feuer in seiner Wohnung im Zooviertel. In seiner Gerichtsverhandlung erklärt er, unter Depressionen gelitten zu haben. Am Tattag habe er starke Medikamente genommen, dann sei sein Blick auf das Schreiben des Gerichtsvollziehers gefallen. Er zündete es an und ließ es auf einen Stapel alter Zeitungen fallen. Der Gerichtsvollzieher, der wenig später vor der Wohnung stand, bemerkte den Rauch und rief die Feuerwehr.

August 2009: Wenige Stunden, bevor seine Wohnung in Ricklingen zwangsgeräumt werden soll, erschlägt ein 55-jähriger Auslieferungsfahrer seine schlafende Frau mit einer Glaskaraffe. Vom Landgericht Hannover wird er später zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Von der anstehenden Räumung habe er seiner Frau nichts erzählt, sagt der Mann vor Gericht. „Ich wollte das meiner Frau nicht antun. Sie sollte das alles nicht mitbekommen.“

Dezember 2007: In Burgwedel bedroht ein 42-jähriger Mann einen Gerichtsvollzieher mit einer Schusswaffe. Der Justizbeamte sollte in der Wohnung eine Pfändung vollziehen, da der Mann einen vierstelligen Betrag für die Nebenkosten nicht bezahlt hat. Plötzlich richtet der Schuldner eine Waffe auf den Beamten. Dieser flieht aus der Wohnung und alarmiert die Polizei. Ein Spezialeinsatzkommando überwältigt den Mann, auch die Waffe wird gefunden – eine Schreckschusspistole.

Januar 2006: Eine gewaltige Explosion erschüttert am 8. Januar den Garbsener Stadtteil Auf der Horst. Ein Hauseigentümer sprengt sein Eigenheim mittels einer Propangasflasche in die Luft, um zu verhindern, dass es in die Hände seines Gläubigers fällt. Schon zwei Tage vor der Tat sind Polizei und Gerichtsvollzieher bei dem Ehepaar gewesen – und haben dort eine Brandstiftung verhindert.

Andreas Schinkel 05.07.2012
Mathias Klein 05.07.2012
Conrad von Meding 08.07.2012