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Aus der Stadt Mitarbeiter der Stadtentwässerung bei der Arbeit
Hannover Aus der Stadt Mitarbeiter der Stadtentwässerung bei der Arbeit
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13:13 14.07.2010
Von Felix Harbart
Im Kanalfernsehwagen prüfen die Mitarbeiter die Kanäle auf Problemstellen.
Im Kanalfernsehwagen prüfen die Mitarbeiter die Kanäle auf Problemstellen. Quelle: Christian Burkert
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Den Enddarm der Stadt, sagt Helmut Lemke, werde man heute nicht zeigen. Das Klärwerk als Enddarm, das ist eine Analogie, die der Sprecher der Stadtentwässerung Hannover gern verwendet. Weil man sie versteht, weil sie Heiterkeit hervorruft und weil sie auch ein bisschen selbstironisch ist.

Bei der Stadtentwässerung wissen sie, dass ihr Metier beim Kunden keinen sehr guten Ruf hat, des Drecks und des Gestanks wegen. Wenn Helmut Lemke das städtische Kanalsystem aber als Organismus beschreibt, dann wird klar: Ohne die Hüter dieses Organismus’ dauert es bis zum Kollaps nicht lange. Ohne die Stadtentwässerung, heißt das, söffe die Stadt sehr bald in ihrem Dreck- und Regenwasser ab.

Aber nicht nur zu demonstrieren, was alles die Stadtentwässerung so tut, ist an diesem Vormittag das Anliegen von Lemke und seinen Kollegen. Fast noch wichtiger ist ihnen zu sagen, wie der „Bürger“, wie sie ihn nennen, dabei behilflich sein kann. Denn wer zum Beispiel nicht weiß, dass die Stadt fast überall über eine sogenannte Trennkanalisation aus Schmutzwasser- und Regenwasserkanälen verfügt, kann auch nicht verstehen, warum es verboten ist, sein Abwasser vom Treppewischen in den Gully zu kippen. Das aber ist nicht nur nicht erlaubt, sondern kann sogar mit einem Bußgeld von bis zu 5000 Euro geahndet werden. Also besteigen Lemke und seine Kollegen einen Kleinbus, um am Objekt zu erklären, was die Stadtentwässerung ausmacht und was ihre Probleme sind. Und um Fragen wie diese zu beantworten:

Wie kommt es zu Löchern in der Straße wie an der Celler Straße im vergangenen Jahr?

In der Altstadt sind die Abwasserkanäle noch gemauert, sie stammen aus den Jahren um 1890. „Das sind die haltbarsten Kanäle, die wir in der Stadt haben“, sagt Lemke. Heute bestehen Abwasserkanäle meist aus Ton- oder Betonrohren, die mit Kunststoff ummantelt sind. Und weil Tag für Tag auch aggressive oder gar ätzende Flüssigkeiten durch sie fließen, leidet das Material – die Rohre gehen kaputt, sacken unter Umständen weg. „Hin und wieder fährt aber auch ein zu schwerer Lastwagen über eine dafür nicht zugelassene Straße – auch dann kann es zu Schäden kommen“, sagt Lemke. Oft sind Baumwurzeln für Probleme in der Kanalisation verantwortlich.

Um diese möglichst früh zu erkennen, ist die Stadtentwässerung oder einer ihrer Auftragnehmer mit einem sogenannten Kanalfernsehwagen unterwegs – immer dann, wenn das Rohr zu klein ist, um sich darin zu bewegen. „Unser Auftrag ist es, die gesamten knapp 2500 Kilometer Kanalnetz alle zehn Jahre zu untersuchen“, sagt Thomas Kirk, Leiter der Kanalnetzreinigung. Das heißt: Einmal in zehn Jahren müssen die Mitarbeiter an jeder Stelle mindestens einmal gewesen sein. Manchmal aber, wie an der Celler Straße, wird der Schaden erst festgestellt, wenn es zu spät ist.

Was tut man gegen den Gestank aus den Abwasserkanälen?

Um das zu erklären, fährt der Kleinbus an einen Gully des sogenannten Norstadtsammlers, eines der vier Hauptabwasserkanäle der Stadt. Gerade im Sommer bringe die Wärme das Problem mit sich, dass Fäulnis im Kanal für starken Geruch sorge, sagt Alexander Behrens, Leiter der Kanalsteuerung. Die Bildung von Schwefelwasserstoff in der Kanalisation sorgt nicht nur für einen unangenehmen Geruch, sondern auch für verstärkte Korrosion. Hauptkanäle wie den Nordstadtsammler legen die Mitarbeiter der Stadtentwässerung daher mit sogenannten Gelmatten aus. Diese enthalten ätherische Öle ähnlich denen in Duftkerzen. „Die verbinden sich mit dem Schwefelwasserstoff und lösen ihn auf“, sagt Behrens. Diese homöopathische Lösung des Geruchsproblems wird in 1100 Kanälen angewandt, alle halbe Jahr müssen die Matten erneuert werden.

Auf Teile der Stadt, etwa die Lister Meile, kommt in diesen heißen Tagen ein besonderes Problem zu: Elf Prozent der städtischen Kanalisation bestehen noch immer aus sogenannten Mischkanälen – also solchen, in denen Regen- und Abwasser gemeinsam abfließen. Da im Moment kaum Regenwasser abfließt, steht das Abwasser in jenen Rohren fast und sorgt bei Anwohnern oder Gastronomen für Verdruss. Für solche Fälle hält die Stadtentwässerung Notlösungen bereit. Mit einfachen Gummimatten oder sogenannten Geruchssperrventilen dichtet sie Gullys kurzfristig ab.

Wie kommt das Abwasser ins Klärwerk?

Wenn das natürliche Gefälle nicht ausreicht, müssen große Pumpen für den nötigen Schwung in der Kanalisation sorgen – ein Problem, das Hannover aufgrund seiner Lage auf dem platten Land in besonderem Maße hat. Daher unterhält die Landeshauptstadt mit 110 Pumpwerken so viele wie kaum eine andere deutsche Großstadt. Die Pumpwerke funktionieren auch bei Stromausfall. Gigantische Generatoren sorgen im Ernstfall für Energie.

Was passiert, wenn Öl in die Kanalisation fließt?

Dann rückt die Stadtentwässerung mit einem sogenannten Hochdruckspülfahrzeug und einem Saugewagen an. Mithilfe eines Kanalkatasters auf dem Laptop können die Mitarbeiter bestimmen, wohin das Öl geflossen sein muss. Dann können sie Sperren in den Kanal lassen und das Öl mit 120 bar Wasserdruck zu einem Gully spülen, an dem es abgesaugt werden soll. Von diesen „Straßenabläufen“ gibt es im Stadtgebiet genau 57 615 Stück.

Was geschieht mit den Fettresten aus der Gastronomie?

Alle Restaurants oder Kantinen verfügen über einen sogenannten Abscheider, der sich meist in einem großen Gully neben dem Gebäude verbirgt. In ihm schwimmen die Fette an der Wasseroberfläche, der Abscheider verhindert, dass sie abfließen können. In regelmäßigen Abständen sammelt die Stadtentwässerung diese Fettreste per Saugewagen ein.

Wie viele Regenrückhaltebecken gibt es in Hannover?

48 Rückhaltebecken sorgen dafür, dass auch nach starken Regenfällen oder der Schneeschmelze im Harz Hannovers Straßen möglichst nicht überfluten. Eigens für den Umbau der Pferdeturmkreuzung wurde etwa ein unterirdisches Rückhaltebecken gebaut, das 700 Kubikmeter Wasser aufnehmen kann. Ein oberirdisches Becken gibt es beispielsweise auf dem Mühlenberg. Hier kommt das Regenwasser in Rohren mit 80 Zentimeter Durchmesser an. Nur ein Viertel davon wird direkt über Abwassergräben in die Leine geleitet, der Rest landet im Becken. Das funktioniert fortan wie eine Badewanne: Was in den Überlauf läuft, fließt ab.

Was unternimmt die Stadtentwässerung gegen Ratten?

Ratten haben einen Aktionsradius von nur wenigen Hundert Metern. Finden Mitarbeiter oder Anwohner Rattenkot, legt die Stadtentwässerung im Umkreis von 200 Metern um die Fundstelle Köder mit Rattengift aus und erneuert diese alle paar Tage. Wenn diese keine Bissspuren mehr aufweisen, gilt das Problem als erledigt. Allein sechs Mitarbeiter sind ständig mit dem Auslegen von Ködern beschäftigt. Ist ein Gully gerade Teil einer solchen Bekämpfungskampagne, kann man das an den bunten Zahlen auf dem Gullydeckel erkennen.

14.07.2010
Felix Harbart 14.07.2010