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Aus der Stadt Modelleisenbahnmesse German Rail startet in Hannover
Hannover Aus der Stadt Modelleisenbahnmesse German Rail startet in Hannover
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20:59 14.10.2011
Foto: Auch der Nachwuchs interessiert sich für die Miniaturwelten der Eisenbahner.
Auch der Nachwuchs interessiert sich für die Miniaturwelten der Eisenbahner. Quelle: Martin Steiner
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Hannover

Heiko Stickdorn ist ein Baum von einem Mann, und trotzdem nennen sie ihn den Bonsai-Bahner. Der 49-jährige Wunstorfer bastelt seit mehr als 30 Jahren an Modelleisenbahnen, und irgendwann hat er sich für die Spur N entschieden. Die Züge dieses Maßstabs sind kleiner als die Bahnen, die in der Szene bevorzugt werden. Und wer sich dieser Miniaturversion der Miniaturversion verschreibt, der handelt sich den Spott der Kollegen ein.

Doch jetzt will sich der Bonsai-Bahner für die Frotzeleien revanchieren. An diesem Wochenende findet erstmals in Hannover die German Rail statt, Norddeutschlands größte Modellbahnmesse. Dort wird Stickdorn seine Spur-N-Anlage präsentieren, um „den Banausen einmal zu zeigen, was eine richtige Modellbahn ist“, sagt er. Und Stickdorn ist gut vorbereitet. Ein halbes Jahr hat er jede freie Minute in seine Anlage investiert.

Für Hunderte Modellbahner aus Stadt und Region Hannover ist die German Rail der Höhepunkt des Jahres. Auf einer Fläche von zwei Fußballfeldern zeigen 60 Vereine und Privatpersonen ihre Anlagen, in denen oft viel Geld und jahrzehntelange Arbeit stecken. Den Umzug der Traditionsmesse aus dem nordrhein-westfälischen Rheinberg nach Hannover verdanken die hiesigen Modellbahner Querelen zwischen dem Veranstalter und der Messe Niederrhein. „Ein Glücksfall für uns, denn nun schauen alle auf Hannover“, sagt Stickdorn. Mit dabei sind Klubs aus Italien und den Niederlanden. Und auch bekannte Größen des „Keighley Model Railway Club“ aus der Eisenbahnernation Großbritannien haben sich angekündigt.

Es ist die Leistungsschau einer Szene, die von vielen längst totgesagt wurde. Unter den Weihnachtsbäumen liegen heute keine Märklin-Bausätze mehr, sondern Playstations, Video-Spielkonsolen und Laptops. Das Basteln an Miniaturlandschaften gilt als nicht gerade im Trend liegendes Freizeitvergnügen älterer Herren, die im stillen Kämmerlein ihre kleine, heile Welt erschaffen. Doch wer den Modellbahnvereinen in der Region einen Besuch abstattet, dem zeigt sich ein anderes Bild. Die vermeintlich introvertierten Bastler sind in der Offensive.

Als Dietmar Fenske die Tür des Vereinsheims öffnet, trägt er eine beige Weste mit dem Emblem des Modelleisenbahnclubs Neustadt am Rübenberge. Eine Anstecknadel weist ihn als den ersten Vorsitzenden des Vereins mit 90 Mitgliedern aus. Viele davon sind heute gekommen, um noch einmal letzte Hand an die 180 Quadratmeter große Miniaturwelt anzulegen. 240 Schienenmeter schlängeln sich da durch grüne Berglandschaften, vorbei an einem Kanalhafen mit großen Lastkähnen und einem Nachbau des Neustädter Bahnhofs. Alles soll perfekt sein: Für den Tag der offenen Tür, den der Klub am vergangenen Wochenende ausgerichtet hat und zu dem wieder Hunderte von Besuchern kamen, und natürlich für die German Rail, auf der die Neustädter ebenfalls ausstellen. Es ist viel zu tun gewesen in den vergangenen Wochen. „Wir betreiben dieses Hobby nicht, um uns vor der echten Welt zu verstecken“, erklärt Fenske. Natürlich gebe es Modellbahner, die sich wegen des angestaubten Rufs ihrer Beschäftigung nicht outen möchten. Doch wer sich im Verein engagiere, den treibe gerade die Lust am Präsentieren an.

Und so bereiten die Neustädter eine Ausstellung nach der anderen vor, immer auf möglichst große Aufmerksamkeit bedacht. Dabei geht es nicht in erster Linie darum, Nachwuchs für ein aussterbendes Hobby zu rekrutieren. Denn der Verein hat keinen Mangel an jungen Modellbahnfreunden. Unter den 90 Mitgliedern sind mehr als 20 Jugendliche, die ihre wöchentlichen Treffen aus Platzgründen im Schichtbetrieb abhalten müssen. Und nur wenige davon sind Söhne von Vereinsmitgliedern, die ihre Sprösslinge auf die richtige Bahn lenken wollen.

Was lockt junge Leute im 21. Jahrhundert in einen Modelleisenbahnverein? „Die meisten genießen es, hier zur Ruhe zu kommen“, berichtet Jugendleiter Rolf Düwel, der mit dem Nachwuchs in Neustadt eine eigene Anlage baut. Da sei etwa das siebenjährige Mädchen, das jede Woche mit einer Engelsgeduld Plastikfiguren bemale. Andere würden ihre aufregenden Kinderphantasien ausleben. Sie montieren etwa umgestürzte Bäume in Hausdächer oder stellen Verkehrsunfälle nach. Der 63-jährige Düwel lässt auch solchen Phantasien freien Lauf – selbst wenn dabei so manches zu Bruch geht oder die Blumenbeete am Bahndamm hinterher in Neonfarben strahlen. Hauptsache, die Weichen für die Zukunft des Vereins sind gestellt.

Heiko Stickdorn, der Bonsai-Bahner, ist skeptischer, was die Zukunft seiner Spur-N-Bahn in Wunstorf angeht. Auch er frönt seinem Hobby nicht alleine. Sechs weitere Bastler hat er auf seine Spur gebracht und mit ihnen eine Interessengemeinschaft gegründet. Nachwuchs ist jedoch nicht in Sicht. „Es ist ein teures Hobby und für junge Leute nur schwer finanzierbar“, meint er. Deshalb will er auf der German Rail zeigen, dass man das meiste auch ohne große Ausgaben selbst basteln kann – denn das ist Stickdorns Spezialität. Mit dem Fingerspitzengefühl eines Chirurgen hat er winzige Alltagsszenen in die Bahnlandschaft integriert. Etwa den nur wenige Millimeter großen Bauarbeiter, an dessen Schweißgerät eine Leuchtdiode glüht. Oder die Großmutter, die ihre Feinripp-Unterwäsche an eine Leine klammert.

Stickdorn weiß, dass Außenstehende vor allem von solchen Nebenschauplätzen in Modellbahnanlagen fasziniert sind. Die Aufmerksamkeit der German-Rail-Besucher sollte ihm also gewiss sein. Und vielleicht kann er ja sogar die Spötter aus der Szene beeindrucken.

Die Messe German Rail

Die Halle 27 des Messegeländes verwandelt sich am Wochenende in ein Miniatur-Wunderland. Neben den 60 Bahnanlagen mit nostalgischen und modernen Exponaten laden Sonderausstellungen zu Modellautos, Papiermodellbau und Zirkusmodellbau zum Staunen ein. Rund 100 Händler bieten ihre Produkte an. Auf einer Mitfahreisenbahn können sich die Besucher durch die Halle chauffieren lassen. Geöffnet ist die Messe am Sonnabend von 9 bis 18 Uhr und am Sonntag von 9 bis 17 Uhr. Eine Tageskarte kostet 12 Euro. Kinder bis zwölf Jahre zahlen 6 Euro. Die Familienkarte für zwei Erwachsene mit bis zu fünf Kindern ist für 30 Euro zu haben.

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