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Aus der Stadt Mit der Kraft von Wind und Wasser
Hannover Aus der Stadt Mit der Kraft von Wind und Wasser
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00:17 01.05.2015
Von Simon Benne
Foto: Die Bockwindmühle im Hermann-Löns-Park
Die Bockwindmühle im Hermann-Löns-Park Quelle: Dröse/Benne/Sokoll
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Hannover

Er ist ein Enthusiast. Ein Experte, der ins Schwärmen geraten kann, wenn er über sein Thema spricht: „Mühlen zählen zu den ältesten Maschinen der Menschheit“, sagt Rüdiger Hagen. Der 42-Jährige ist Mühlenbautechniker, er restauriert historische Anlagen und betreibt selbst seit 1998 mit einigen Gleichgesinnten die Windmühle „Paula“ in Steinhude. Überhaupt ist die Region Hannover für ihn ein Dorado: „Sie gehört zu den mühlenreichsten in Deutschland“, sagt er.

Genau 427 Mühlen haben Rüdiger Hagen und Wolfgang Neß für diesen Beritt in ihrem jetzt vorgestellten Band „Mühlen in Niedersachsen – Region und Stadt Hannover“ nachgewiesen. Etwa 60 davon sind regionsweit bis heute erhalten, im Stadtgebiet sind es acht. „Allein in Hannover gab es einst rund 70 Mühlen“, sagt Neß. „Von den meisten weiß heute kaum noch jemand.“

Zwölf Jahre Arbeit

Das reich illustrierte Buch (370 Seiten, 49,50 Euro), herausgegeben vom Landesamt für Denkmalpflege, ist ein Opus magnum, ein Standardwerk für ein Stück hannoverscher Technikgeschichte. Akribisch listet es, gegliedert nach Orten, alles auf, was man über Hannovers Mühlen wissen kann. Etwa zwölf Jahre lang haben die Autoren daran gearbeitet.

„Seit Jahrhunderten machen sich die Menschen die Kräfte der Natur zunutze“, sagt Hagen. Die ersten Maschinen zum Mahlen von Korn waren Wassermühlen. Eine solche wird im Jahr 940 bei Barigsen in der Nähe von Barsinghausen erwähnt: „Oft förderten Kirchen oder Klöster die Technologie“, sagt er. Im Westen von Hannovers Altstadt gab es an den Ufern der Leine-Arme im Mittelalter ein halbes Dutzend Mühlen, darunter die Klick- und die Brückmühle.

Etwa ab dem Jahr 1300 nutzten Menschen in der Region Hannover dann auch die Windkraft, um Mehl zu mahlen: Zuerst gab es Bockwindmühlen, montiert auf einer Art Gestell, das sich per Hand in den Wind drehen ließ. Relativ spät wurden diese in Hannover durch Holländerwindmühlen abgelöst, bei denen nur noch der obere Teil gedreht wurde. „Dennoch entwickelte sich Hannover zum Zentrum neuzeitlichen Mühlenbaus“, sagt Hagen.

Oft gab die Natur vor, welcher Typus von Mühle in welchem Ort gebaut wurde: In Burgwedel oder Langenhagen, wo sich Wasserkraft kaum nutzen ließ, baute man eher Windmühlen. Im Deistervorland hingegen florierte die Konstruktion von Wassermühlen. Und ganze Industriezweige profitierten vom Mühlenbau: Betriebe wie das Eisenwerk Wülfel produzierten um 1900 im großen Stil Bauteile für die Mühlenbranche. Müller mischten in Innungen mit, Versicherungen spezialisierten sich auf Mühlen, und Künstler wie Wilhelm Busch oder Gustav Koken entdeckten Mühlen als pittoreske Motive. In dieser Zeit hatten Dampf- und Motorkraft längst begonnen, Wind und Wasser als Antrieb zu verdrängen.

Viele historische Mühlen verfallen

Als wohl letzte deutsche Bockwindmühle wurde die in Hänigsen um 1995 außer Betrieb genommen. Ihr Zustand hat sich seither nicht gebessert: „Sie wird die nächsten zehn Jahre wohl kaum überstehen“, sagt Hagen. Überhaupt werde in der ganzen Region heute keine einzige große Mühle mehr gewerblich genutzt. In Anderten und Wettbergen wurden einige Gebäude immerhin zu Wohnhäusern umgestaltet. Andere, etwa die am Gehrdener Berg, sind heute Museen. Und die Bockwindmühle im Löns-Park hat man in den vergangenen Jahren gar aufwendig restauriert. Doch das sind rühmliche Ausnahmen: Viele historische Mühlen verfallen heute einfach. Und so ist die Geschichte der Mühlen auch eine Geschichte ihres Niedergangs.

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