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Aus der Stadt Neuer Film über die Hanomag 
Hannover Aus der Stadt Neuer Film über die Hanomag 
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00:18 14.12.2017
Legende aus Linden: Kommissbrot-Produktion im Jahr 1926.
Legende aus Linden: Kommissbrot-Produktion im Jahr 1926.  Quelle: IG Hanomag
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Hannover

  Der Comedian Dietmar Wischmeyer (“Günther, der Treckerfahrer“) hat einmal einen sehr tröstlichen Satz gesagt: „Eine Welt, in der kein Hanomag mehr fährt, werden wir nicht mehr erleben.“ Noch heute schwärmen Liebhaber davon, wie unverwüstlich und robust so ein guter, alter Hanomag war. Die Fahrzeuge, die nicht viel Aufhebens von sich machten, wurden oft unterschätzt – und ähnelten damit in gewisser Weise der Stadt, aus der sie kamen.

In der Dokumentation „Hanomag – Aufstieg und Fall einer Legende“ zeichnen die Filmemacher Sascha Schmidt und Micha Bojanowski jetzt die Geschichte der Traditionsfirma ebenso liebevoll wie kenntnisreich nach. Mit einer eindrucksvollen Fülle an teils kaum bekannten Bewegtbildern und mit Zeitzeugeninterviews skizzieren sie, wie Hanomag zu einem hannoverschen Mythos wurde.

Das Unternehmen Hanomag gehört fest zur hannoverschen Industriegeschichte. Derzeit wird auf dem Gelände aufwändig umgebaut. Zur Erinnerung an alte Zeiten finden Sie hier historische Bilder von dem Gelände.

Ein Stück Wirtschaftsgeschichte

Hanomag-Fans muss das Herz aufgehen, wenn der Landwirt Bartold von Gadenstedt in dem Film seinen R 40-Trecker anwirft, mit dem er noch heute auf dem Feld unterwegs ist. Alte Aufnahmen zeigen, wie Hanomag-Lastwagen durchs Gelände pflügen. „Ein Klumpen Eisen, für die Ewigkeit gebaut“, sinniert der Hanomag-Fan Friedolin Benteler im Angesicht eines sehr solide wirkenden Hanomag-Motors. 

In Störy, am Rande des Harzes, haben die Filmemacher Hanomag-Liebhaber um Horst-Dieter Görg besucht, die dort eines jener legendären „Kommissbrote“ wieder aufmöbeln. Weltweit gibt es davon nur noch 400 Exemplare. Im Jahr 1925 war dies der erste deutsche Kleinwagen, der am Band gefertigt wurde. Der erste Volkswagen.

Das sehen Sie im Hanomag-Film

Doch der Film ist nicht nur nostalgieselige Rückschau für Lindener Lokalpatrioten, er erzählt auch von einem Stück deutscher Wirtschaftsgeschichte. Mit dem Bau von Lokomotiven machte der Unternehmer Georg Egestorff seinen 1835 in Linden gegründeten Betrieb zum Erfolgsunternehmen. Der Film spart auch düstere Kapitel wie Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit in der NS-Zeit nicht aus. Vor allem jedoch konzentriert er sich auf die Glanzjahre nach dem Krieg: Schon im Sommer 1945 produzierte die Hanomag wieder. Die Trecker-Fabrikation bescherte der Firma einen Boom, doch auch Lkws und Baumaschinen waren im Wirtschaftswunderland gefragt. Bis zu 13 000 Beschäftigte hatte die Hanomag zeitweise.

Trump lobte Ex-Manager

„Das Blechwerk kriegte Lärmzulagen“, erinnert sich der 90-jährige Karl Wesche, der 1941 eine Lehre als Maschinenschlosser (mit 12 Pfennig Stundenlohn) bei Hanomag begann. Dort sei es so laut gewesen, dass die Arbeiter einander die Worte von den Lippen ablesen mussten. Und es stank im Werk: „Wir rochen nach Hanomag“, sagt Wesche. Dennoch waren die Arbeiter stolz darauf, „Hanomacker“ zu sein – moderne Corporate-Identity-Manager verwenden heute viele Meetings darauf, eine solche Identifikation mit dem Betrieb zu erzeugen.

Ausführlich widmet sich der Film auch dem Niedergang der Hanomag: Im Jahr 1980 übernahm dort der Manager Horst Dieter Esch das Ruder. Ein Mann großer Worte und krimineller Geschäftspraktiken. Am Ende des Wirtschaftskrimis stand 1984 ein dramatischer Konkurs; das Arbeitsamt richtete ein Büro gleich auf dem Hanomag-Gelände ein. Esch landete im Gefängnis – um danach mit einer Modelagentur in New York wieder groß durchzustarten. Die Regisseure haben ein Filmdokument aufgestöbert, in dem der junge Donald Trump den Totengräber der Hanomag  als „großen Visionär“ lobt.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass der Abstieg der Hanomag schon viel früher begonnen hatte. Seit 1952 gehörte diese zum Rheinstahl-Konzern, der seine  Tochterfirma vernachlässigte und wichtige Investitionen aufschob. Ende der Sechziger wurde die Lkw-Sparte mit Henschel zusammengelegt, dann die traditionsreiche Trecker-Produktion eingestellt. Im Jahr 1989 übernahm das japanische Unternehmen Komatsu die Aktienmehrheit. Und heute ist von der alten Hanomag nur noch wenig geblieben. Außer dem Mythos. Und der Gewissheit, dass wir eine Welt ohne Hanomag nicht mehr erleben werden.

Die Dokumentation „Hanomag“ ist im NDR-Fernsehen am Mittwoch, 13. Dezember, um 21 Uhr zu sehen.

Von Simon Benne