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Aus der Stadt Nach dem Raub
Hannover Aus der Stadt Nach dem Raub
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07:15 03.01.2014
Von Gunnar Menkens
Die Inhaber des Juwelier Schremmer arbeiten immer noch an den Folgen des Einbruchs. Quelle: Link
Hannover

Man kann es kaum einen Plan nennen, den die Einbrecher im vergangenen März irgendwo besprochen haben. Die Grundidee war: in der Nacht mit einem gestohlenen VW-Bus ins Schaufenster von „Uhren Schremmer“ rasen, Vitrinen und Auslagen mit einem Beil zertrümmern, Uhren und Schmuck in Sporttaschen klauben und dann, im Schutz der Dunkelheit, fliehen. Eine Feinheit mag gewesen sein, dass der Fahrer den Transporter in die Scheibe rechts vom Eingang steuerte, weil ein Laternenmast vor der Scheibe links nicht genug Anlauf erlaubt hätte. So holte der Bus auf der Straße Schwung, knallte über den Bordstein, eine weitere Kante und rammte in heruntergelassene Jalousien und das dahinterliegende Sicherheitsglas. Stumpfe Gewalt, trotz Wohnhäusern drum herum mit weiteren Anläufen so lange wiederholt, bis alles Material nachgab. Der halbe Bus drang in den Verkaufsraum, er räumte Tische und Stühle und Schränke beiseite, und natürlich war es so laut, dass Nachbarn wach wurden. Es gab komplexere Ideen in der Kriminalgeschichte.

Die Staatsanwaltschaft Hannover hat für diese Tat inzwischen zwei Männer angeklagt. Faik A., 25 Jahre alt, und Deniz P., mittlerweile 19, müssen sich wegen besonders schweren Raubes verantworten. Wenn Inhaberin Andrea Marwitz, eine lebhafte, unerschrockene Frau mit blau gefärbten Haarspitzen, an den Einbruch zurückdenkt, dann ist sie immer noch voller Wut, und sie spricht mit dem Zorn der Eigentümerin. Als sie in der Nacht zum Geschäft eilte, hatte sie zunächst an einen Unfall geglaubt. Bis sie am Tatort merkte, dass kein Fahrer da war und Waren fehlten. Es war ein Schock. Den Prozess gegen die Beschuldigten am Landgericht will sie sich nicht entgehen lassen. Marwitz will sich in eine Zuschauerreihe setzen und betrachten, wer zu solchen Dingen fähig ist. „Die Chaoten guck’ ich mir an“, sagt sie, „die will ich sehen und hören, was die sagen.“ Ob die Männer tatsächlich verurteilt werden, muss indes erst das Verfahren ergeben.

Das Uhren- und Schmuckgeschäft in Vinnhorst ist kein glamouröser Juwelierladen, sondern ein Betrieb, der zum Stadtteil passt. Draußen am Vorbau eines Wohnhauses wirkt ein Reklameschild in geschwungener Schreibschrift ein wenig aus der Zeit gefallen, aber auch das passt zum Geschäft, solide und bodenständig. Uhrmachermeister Alfred Schremmer, 87, hat seine Firma 1949 gegründet, „mit nichts“, sagt er. Seit 1961 wird an dem Ort verkauft und repariert, der im März Ziel des brachialen Einbruchs wurde. Neun Monate später hat Schremmers Tochter Andrea Marwitz eine erste Rechnung aufgemacht. 40 000 Euro Sachschaden, übernommen von der Versicherung. Einige Stücke sind verschwunden, von der Polizei bekam sie leere Kartuschen und Tabletts zurück, andere liegen noch bei den Ermittlern, weil sie für den Prozess benötigt werden, Teile der Beute fanden Beamte im Umfeld der Angeklagten. Auf ihrer hastigen Flucht verloren die Räuber noch drei oder vier Uhren. Drei Monate lang öffneten Schremmers nur vormittags, bis alles in Ordnung gebracht wurde, die zerstörten Auslagen, das ausgelaufene Wasser auf dem Boden, Ölspuren.

Aber eigentlich nimmt Tochter Andrea die Angelegenheit mit Galgenhumor. Sie haben ja viel erlebt in den vergangenen Jahrzehnten. Trickdiebe, Kleptomaninnen, Kunden, die sich einen Ring über den Finger streiften und dann einfach dreist davonliefen. Einmal hat Andrea Marwitz einem Dieb ein schweres Bonbonglas und ein schlimmes Schimpfwort zur Tür hinterhergeworfen. Darüber lacht sie immer noch, wenn sie die Geschichte erzählt.

Den Raub mit dem Bus haben sie bei „Uhren Schremmer“ zum Teil der Unternehmensgeschichte gemacht. „Was so ein T5 alles leisten kann“, sagt die Inhaberin, als sie sich noch einmal Bilder aus dieser Märznacht ansieht. Den Kühlergrill mit dem VW-Emblem zog sie aus dem Schutt und hängte ihn im Geschäft oben an eine Wand, um die Ecke schlugen Wanduhren, mit und ohne Pendel. Zeitungsberichte und eigene Fotos sind ordentlich in einem Ringbuch abgeheftet und mit Sprüchen versehen, die das ganze Unglück ein wenig herunterdimmen. Galgenhumor eben. Marwitz stellt eine rhetorische Frage: „Soll ich denn etwa heulen?“

In den Tagen nach dem Einbruch geschah in Vinnhorst zweierlei. Ständig riefen Kunden an und fragten, ob ihre Stücke womöglich auch gestohlen wurden. Marwitz schrieb dann bald auf einen Zettel, dass kein Kundeneigentum verloren gegangen sei, und hängte das Blatt draußen ins Fenster. Und im Stadtteil verbreiteten sich Gerüchte, wer die Täter gewesen sein könnten. Einer hörte dies, der andere das, und man erzählte weiter, was man so über dies und das erzählt bekommen hatte. Was man eben so hört. „Vinnhorst ist ein Dorf“, sagt Andrea Marwitz.

Vor Gericht stehen nun Faik A. und Deniz P. In der Nacht des Einbruchs konnten die Täter noch fliehen, nachdem sie zwei zufällig auftauchende Männer von der Wach- und Schließgesellschaft am Ende einer Verfolgung noch mit einem Beil bedroht hatten und eine Fahndung ohne Ergebnis geblieben war. Wochen später kam ihnen die Polizei doch auf die Spur. Beamte durchsuchten Wohnungen in Hainholz und Limmer, offenbar wurde das Telefon des mehrfach vorbestraften Faik A. im Rahmen anderer Ermittlungen überwacht. Im Laden sollen sich zudem DNA-Spuren gefunden haben. Beide Angeklagte haben sich vor Gericht im bisher einzigen Sitzungstag noch nicht geäußert, es gibt keine Geständnisse. Ein für gestern angesetzter Termin fiel kurzfristig aus. Andrea Marwitz, die Inhaberin, war umsonst gekommen.

Bei allem Galgenhumor bleibt doch vieles haften bei der Familie. Alfred Schremmer ist noch immer entsetzt, mit welcher Gewalt und Gleichgültigkeit die Täter für ein paar schnelle Euro sein Geschäft zerstörten. Tochter Andrea schreckt bis heute schnell aus dem Schlaf, „beim kleinsten Geräusch bin ich da“. Und es bleiben 19 Prozent Umsatzeinbußen aus den Monaten, als nur mit verkürzten Öffnungszeiten gearbeitet wurde. Es ist die Gegenwart, aus der die Wut kommt.

Welches Urteil sie sich für die Täter vorstellt, möchte Andrea Marwitz nicht sagen. Aber so, wie sie dabei guckt, kann man es sich gut vorstellen.

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