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Aus der Stadt Was passiert jetzt an der Fundstelle?
Hannover Aus der Stadt Was passiert jetzt an der Fundstelle?
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00:15 31.08.2013
Nach der Bombenräumung fanden am Mittwoch Aufräumarbeiten an der Fundstelle statt. Quelle: Thomas
Hannover

Was ging bei der Evakuierung schief?

„Als meine Nachbarin mich am Mittwochmorgen gefragt hat, ob ich gut geschlafen habe, da fiel mir schon so ein komischer Unterton auf“, sagt Waltraud Risse. Die 88-Jährige hat die Evakuierung ihres Hauses komplett verschlafen. Während ein Nachbar mit einem Notschlüssel aus seiner Wohnung geholt wurde, hat sie nichts mitbekommen. „Ich nehme vor dem Zubettgehen die Hörgeräte raus“, verrät die Rentnerin, „und, na ja, danach ist eben Ruhe.“

Waltraud Risse wohnt am Klagesmarkt. Nachmittags hatte sie noch von einer Bekannten gehört, dass vielleicht die Innenstadt geräumt werde. Doch als sie bis 22 Uhr nichts weiter erfuhr, machte sie sich seelenruhig bettfertig. Exakt zu dem Zeitpunkt begann die große Räumung. Später fuhren Einsatzwagen durch die Straßen, gegen 22.45 Uhr klingelten Einsatzkräfte an allen Wohnungstüren im Haus.

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste: Um die umliegenden Häuser vor einer möglichen Explosion zu schützen, wurden Container um den Fundort der Bombe platziert. Der große Knall blieb zum Glück aus. Am Morgen danach wird aufgeräumt.

Die Nachbarin Schmidt öffnete mit dem Notschlüssel die Wohnung von Nachbar Seide, der vor dem Fernseher saß und ebenfalls nichts gemerkt hatte. Weil bei Waltraud Risse aber das Licht gelöscht war, dachten alle, sie sei längst weg. „Solche Fälle sind nicht zu verhindern“, sagt Feuerwehrsprecher Michael Hintz. Risse selbst nimmt es mit Humor. „Ich lebe ja noch“, sagt sie fröhlich.

Was wäre, wenn ...?

Einen sechs Meter tiefen Krater mit einem Durchmesser von mindestens 15 Metern hätte die Bombe gerissen, wenn sie am frühen Mittwochmorgen in der Burgstraße explodiert wäre. „Das wären nur die Schäden in der direkten Umgebung des Sprengkörpers gewesen“, sagt Ralf Reisener, Sprengmeister des Kampfmittelbeseitigungsdienstes (KBD) Niedersachsen. „Aber die Druckwelle hätte wahrscheinlich auch die angrenzenden Häuser komplett zerstört, Dächer der weiteren Häuser stark beschädigt und in dem von der Polizei eingerichteten Sicherheitsbereich unzählige Scheiben platzen lassen.“

Die Fliegerbombe, die amerikanische Soldaten im Zweiten Weltkrieg über Hannover abwarfen, wog zehn Zentner. Ein Mitarbeiter des Landesamtes für Geoinformation und Landentwicklung, dem der KBD angegliedert ist, geht davon aus, dass etwa die Hälfte der Masse aus Sprengstoff, die andere aus Stahl bestand. „Ich denke, dass der Sprengstoff eine Mischung aus 60 Prozent TNT und 40 Prozent Amatol war“, sagt Reisener. Amatol ist eine Mischung aus TNT und Ammoniumnitrat, die in beiden Weltkriegen häufig verwendet wurde. Die Kombination hatte mehrere Vorteile: Amatol war wesentlich weniger erschütterungsanfällig als andere Sprengstoffe und minderte dadurch die Gefahr, dass es beim Verladen der Bomben in das Flugzeug zu Unfällen kam. Zum anderen war die Vermischung von TNT mit Ammoniumnitrat gerade in Kriegszeiten eine Möglichkeit, den teuren Sprengstoff mit einer wesentlich billigeren Substanz zu strecken, ohne dabei an Wirkung zu verlieren.

Das preiswerte Ammoniumnitrat mindere nämlich nicht die verheerende Wirkung der Bombe. „Der unglaubliche Druck, der dabei entsteht und die Metallsplitter in alle Richtungen katapultiert, ist nicht die einzige Gefahr“, so Reisener. Durch die Explosion entstehe zudem eine enorme Hitze – weit über 1000 Grad Celsius. Die glühenden Stahlteile würden dann alles in Brand setzten, was Feuer fangen kann. Ganz zu schweigen davon, wen sie alles hätten verletzten können.

Was passiert an der Fundstelle?

Stein für Stein operieren Experten Hannovers Geschichte aus dem Untergrund: Die Baustelle am Hohen Ufer ist derzeit eine archäologische Grabungsstätte. Das Grundstück gehört zum Altstadtkern. Arbeiter stoßen immer wieder auf historische Fundamente im Boden – auch wenn die Fläche im vergangenen Jahrhundert mehrfach umgebaut wurde. Zuletzt wurde das Grundstück als Parkplatz für das ehemalige Hauptschulgebäude am Hohen Ufer genutzt, vorher war dort unter anderem eine Autowerkstatt angesiedelt.

Eine Bombenräumung im August 2013 hat Hannover stundenlang in Atem gehalten. Ein großer Teil der Innenstadt musste geräumt werden.

Das Hauptschulgebäude wird derzeit zum neuen Hauptsitz der Volkshochschule umgebaut, es erhält große Glasfassaden und eine völlig neue Raumstruktur. Auf dem ehemaligen Parkplatz hingegen werden zwei Wohnhäuser mit Läden oder Cafés im Erdgeschoss errichtet. Besonderer Clou: Zur Leine hin wird es eine unterirdische Gastronomie geben, die sich vom Kellergeschoss der Häuser unter der Uferpromenade entlang erstreckt und sich mit großen Fensterscheiben zum Fluss hin öffnet. Insbesondere für dieses Bauwerk muss das Grundstück jetzt tief umgegraben werden. Derzeit finden im Randbereich auch Stützarbeiten statt, tiefe Röhren werden in den Untergrund getrieben.

Die Arbeiten werden auch von Kampfmittelspezialisten begleitet. Den Bombenfund aber machte am Dienstag der Barsinghäuser Baggerfahrer Jakob Schott. „Erst schrabbte meine Baggerschaufel über Metall, kurz danach rief ein Kollege eine laute Warnung“, sagt er. Am Mittwoch aber war Schott schon wieder im Bagger aktiv.

von Conrad von Meding und Jörn Kießler

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