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Aus der Stadt Demenzkranke können unberechenbar sein
Hannover Aus der Stadt Demenzkranke können unberechenbar sein
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17:22 26.10.2017
Von Michael Zgoll
Dieser 76-Jährige tötete eine hilflose Frau in ihrem Bett. Foto: Heidrich Quelle: Clemens Heidrich
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Hannover

„In manchen Altenpflegeheimen in Hannover liegt der Anteil dementer Bewohner bei 50 Prozent, in vielen sind es sogar schon 100 Prozent.“ Das sagt Ulrich Diekmann, seit 30 Jahren leitender Arzt der Wunstorfer Klinik für Gerontopsychiatrie und Psychotherapie. Leider komme es in Heimen immer wieder zu dramatischen Vorfällen. Er selbst, so der Facharzt für forensische Psychiatrie, sei als Gutachter bereits in sechs Prozessen aufgetreten, wo es um Tötungsdelikte von Demenzkranken ging.

Männer neigen zu Impulsivität

Diese Woche war Diekmann Sachverständiger in dem Sicherungsverfahren, bei dem das Schwurgericht einen 76-Jährigen wegen Totschlags in eine psychiatrische Klinik einwies. Der frühere Bäckermeister, in einem Pattenser Pflegeheim untergebracht, hatte eine 88-jährige Heimbewohnerin umgebracht, indem er ihr schwere Kopfverletzungen zufügte und einen Arm abtrennte. Der Beschuldigte, so Diekmann, habe offenbar unter vaskulärer Demenz gelitten.

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76-jähriger demenzkranker Mann muss sich vor dem Schwurgericht für den Tod einer 88-Jährigen verantworten.

Diese nach Alzheimer zweithäufigste Form der Demenz beruht auf Durchblutungsstörungen im Gehirn, die zu einem Absterben von Nervenzellen führen. Von dieser Art der Demenz, so der Mediziner, seien Männer häufiger betroffen als Frauen. Die Erkrankung ziehe oft eine sprunghafte Persönlichkeitsveränderung mit vermehrten impulsiven Ausbrüchen nach sich. Männliche Patienten, die die Grenzen zur körperlichen Gewalt einmal überschritten haben, sagt der Psychiater, werden oft erneut gewalttätig. Auch der 76-Jährige sei nach der Pattenser Bluttat als unberechenbarer und gefährlicher denn je einzuschätzen.

Dass Demenzkranke übergriffig werden, weiß Diekmann, passiert ständig. So werden Pfleger gekniffen und gebufft oder Mitbewohner in ihren Zimmern aufgesucht und belästigt. Bei stark Desorientierten sei Körperpflege manchmal nur mit harten Bandagen möglich. „Ich kenne einen Patienten, der nur mithilfe von sechs Pflegern rasiert werden konnte: Fünf hielten fest, einer rasierte.“ Psychopharmaka würden durch ihre erheblichen Nebenwirkungen das Verletzungsrisiko für Patienten erhöhen, darum „kommen gute Heime ohne Psychopharmaka aus“. Geschlossene Demenzstationen könnten zwar ein Weglaufen der Patienten, aber keine internen Übergriffe verhindern. Personelle Engpässe im Pflegesektor würden die Situation natürlich zusätzlich erschweren.

Risiken einer Bündelung

In jeder niedersächsischen Einrichtung des Maßregelvollzugs, erklärt Diekmann, sind mindestens zwei Menschen mit schwerer Demenz untergebracht - macht in der Summe mehr als 40 gefährliche Demenzkranke. Von der Idee, diese in einer einzigen Einrichtung zu bündeln, hält der Experte aber nichts: Das berge gewaltige Risiken. Die Unterbringung weniger Dementer in einer psychiatrischen Klinik habe sogar gegenüber einem Aufenthalt im Pflegeheim Vorteile - durch den Umgang mit vielen Nicht-Dementen könne das Fortschreiten der persönlichkeitszerstörenden Krankheit verlangsamt werden.

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