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Aus der Stadt Nächtliche Rettung aus dem Sand
Hannover Aus der Stadt Nächtliche Rettung aus dem Sand
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16:59 21.05.2013
Alleine, bei Nacht, in der jordanischen Wüste - woher soll jetzt Hilfe kommen? Quelle: Moeller
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Aqaba

Da standen wir nun, alleine, bei Nacht, in der jordanischen Wüste, keine Koordinaten/GPS (der GPS Tracker, den jedes Team mitgeführt hat, lag in einem der Ford Explorer, die wir ja in der riesigen Staubwolke der nahezu 200 Fahrzeuge, die durch die Wüste kreuzten, schon lange aus den Augen verloren hatten - toll).

Zum Glück hatte sich meine Intuition nun bewährt und wir hatten diese extrem starke LED Taschenlampe noch/wieder dabei. Damit konnten wir zunächst einmal den Motorraum checken - alle Sicherungen und Relais überprüfen, Steckverbindungen, Luftfilter mal raus und durchpusten - und später mit langem Lichtkegel in die Wüste leuchten. "Am Horizont" (wie weit das auch immer gewesen sein mag - man verschätzt sich da ja oft mit Entfernungen) konnten wir jetzt immerhin die Lichter eines Dorfes sehen. Es tat sich nichts. Weitere Startversuche brachten den Motor nicht zum Laufen.

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Was konnte es logisch betrachtet sein? Strom war da, Batterie kräftig und neu, Zündung kam, Anlasser war deutlich zu hören. Schlechter Sprit? Man hatte uns gewarnt, dass die Benzinversorgung und -qualität nicht mit den Ländern vergleichbar sei, die wur bisher durchfahren hatten. 95 Oktan Benzin hat oft nur 88 und ist zudem verunreinigt. Dreckpartikel könnten sich im unsere Einspritzdüsen gesetzt haben. Und wir sollten zumindest Tankstellen aufsuchen und nicht bei Strassenhändlern Benzin kaufen, die oft an Strassenkreuzungen mit 20 Liter Kanistern stehen. Das ist nur einfach gesagt, wenn man Tankstellen kaum findet oder als solche schlecht erkennt. Und wenn der V8 "an jeder Ecke Durst hat".

Der plötzliche Defekt fühlte sich an wie zu wenig oder gar kein Kraftstoff. Bevor wir in Dunkelheit weitere Überprüfungen wie Benzinleitungen oder Fragen wie "fördert die Benzinpmpe überhaupt Kraftstoff" überprüfen konnten, sahen wir plötzlich Lichter eines Fahrzeugs durch die Wüste kreuzen. Die Taschenlampe musste her und wir wedelten (wie im Film "Cast away" mit Tom Hanks als er auf seiner gestrandeten Insel ein nahendes Schiff mit seinen FedEx Paketen auf sich aufmerksam machen wollte) wie wild umher. Die Lichter kamen näher. Moderne Beduinen mit einem alten Toyota Pickup.

Abschleppseil zahlt sich aus

Auch jetzt zahlte sich meine Entscheidung aus, das starke Abschleppseil nicht beim festgefahrenen Mercedes Team zu lassen (die ja schon meinen Wagenheber, Werkzeug und Radkreuz noch hatten). Denn die Beduinen hatten auch keine Abschlepphilfe dabei. Eigentlich (um ganz ehrlich zu sein), habe ich das Seil aus Sentinentalität mitgenommen. Es ist ein "Andenken" an meinen Vater, der es gekauft hatte, als ich ein kleiner Junge war. Er hatte immer eine Kiste in seinen Autos mit den wichtigsten Dingen für Notreparaturen. So auch dieses extra starke, mehrfach gewickelte Seil.  Kurz vor unserer Abfahrt zum Rallyestart habe ich in meinem Keller in Hannover in diese Kiste geschaut, die ich aus seinem letzten Auto so wie sie war übernommen hatte und hielt das Seil in Händen. Ich überlegte hin und her "mitnehmen oder nicht". Andenkenkiste so belassen, oder Einsatz. Er hätte die Verwendung gut gefunden, also mitnehmen (aber wieder zurückbringen, dachte ich mir - auch wenn es groß und auch durchaus schwer ist).

Nun, zurück zu unserer - im wahrsten Sinne des Wortes - verfahrenen Situation in der jordanischen Wüste bei Nacht: der Toyota war zu schwach. Andere Beduinen kamen. Es entbrannte ein Wettstreit darum, wer nun den Cherokee gezogen bekommt. Wir hatten und ja nicht fest gefahren, aber es war loser Sanduntergrund und unser Amimonster wiegt  (zumal noch beladen) über zwei Tonnen. Die muss man erst einmal angezogen bekommen. Ein Isuzu Pickup hat es dann mit ruckartigem Anfahren irgendwann geschafft, dass sich unser Gefährt in Bewegung gesetzt hat der ist (das Seil in schlaffem Zustand) mit Gas immer wieder los geprescht, das Seil hatte dann plötzlich harte Spannung. Es krachte jedes Mal, dass man dachte, seine oder unsere Stoßstange reißt ab oder das Seil krepiert. Die eigentlich probate Art, ein Fahrzeug raus zu schleppen, nämlich laaangsam das Seil auf Spannung bringen und dann mit "low gear", also Getriebeuntersetzung und langsamem Abfahren (möglichst mit auf 1,5 Bar vermindertem Reifendruck am Zugfahrzeug), hatte nicht funktioniert.

Also irgendwann juckelten wir im Schlepptau durch die Wüste, das Seil knatschte und ächzte. Zwischendurch betätigte ich immer mal wieder den Zündschlüssel. Nichts tat sich. Der Motor blieb aus. Doch dann plötzlich, "wupp, er lief". Hurra im Cherokee, wir immer noch im Schlepp, das Dorf war nicht mehr weit. Doch dann, kurz vorher, Motor wieder abgestorben. Sprang nicht mehr an bis wir vor der Hütte des Beduinenfürsten angekommen waren. Er bot an, bei ihm zu übernachten. Wir fragten, ob er uns noch ins 80km entfernte Aqaba in unser Hotel bringen könnte. Cherokee sant Schlüssel liessen wir bei ihm, er wollte sich um einen Mechaniker bis zum nächsten Morgen kümmern.

Es war mittlerweile 1 Uhr Nachts, der alte Isuzu schaukelte uns auf schlechten Asphaltpisten mit viel zu hoher Geschwindigkeit für die abgefahrenen Reifen und das ausgeleierte Fahrwerk durch die Nacht. Dazu arabische Popmusik, arabischer Zigarettenqualm und nebenbei aus einer Plastiktüte "undefinierbare Nüsse oder Kichererbsen" gekaut. Tarantino hätte es kaum besser machen können. Es wäre eine dieser typischen Passagen im Film gewesen, in denen für eine gefühlte Ewigkeit nichts gesprochen wird und das setting nur von den Bildern und der Situation lebt.

Im Hotel angekommen tauschen wir Telefonnummern, Hussein verspricht, dass er sich kümmert. Im Vorfeld hatten wir gehört, dass unbeaufsichtigte und in der Wüste gestrandete Fahrzeuge oft binnen weniger Minuten komplett leer geräumt und demontiert sind und dass auch eine Ansammlung von vermeintlich helfenden Beduinen gefährlich sein kann. Aber es gibt 2 Situationen, in denen Beduinen "Respekt zollen": wenn in der Wüste in einem Baum, Strauch oder einer Wegesgabelung jemand ein "Bündel" deponiert hat - sei es mit einer Notreserve an Datteln, Wasser oder ähnlichem - wird dies nicht angerührt. Und wenn ein Beduine (wie in unserem Fall) seine Gastfreundschaft anbietet, steht man unter seinem persönlichen Schutz. Hussein gab sich als eine Art Stammesführer aus und kannte das "Abschlussfahren der Allgäu-Orient Rallye aus den Vorjahren) und er sprach gut englisch.

Hussein will unsern Cherokee kaufen

Dass unser Auto bei ihm stand, war insofern auch für uns günstig, da am nächsten Tag, Freitag, 17. Mai ,die Abschlussfeier und Siegerehrung im Wüsten Camp Wadi Rum (Unesco Kulturerbe) stattfinden sollte und das liegt nur wenige km von seinem Dorf entfernt.

Am Freitag sind wir also etwas früher zur Feier gefahren, um den Cherokee "auszulösen" (Hussein wollte ihn schon des Nachts auf den Weg zum Hotel unvedingt kaufen: "I want buy Cherokee, good car for desert, you know?"). Er stand noch da wie Nachts abgestellt, und kein Mechaniker hatte da geguckt. Auch wir konnten bei Tageslicht den Fehler so schnell nicht finden. Ich wollte ihn dort erst einmal weg haben und ins Camp zur Feier schleppen - zumasl die Diskussion um den vermeintlichen Kauf des Cherokee in Unverständnis mündete. Es war schwer zu vermittel, dass uns nach Grenzübertritt nach Jordanien per Rallye Reglement die Fahrzeuge nicht mehr gehören und wir sie in Amman am Flughafen offiziell übergeben müssen. Aus geforderten 200JD (jordanische Diram) für Rausholen aus der Wüste und Fahrservice zum Hotel, was in etwa 250€ entspricht, konnte ich 100 US Dollar verhandeln. Jetzt kam mein Notgeld zum Einsatz, das ich kurz vor Abfahrt bei der Sparkasse Hannover geholt hatte.

Stephan Moeller

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