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Aus der Stadt Neue Ampeltechnik für Hannover
Hannover Aus der Stadt Neue Ampeltechnik für Hannover
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06:15 21.04.2012
Von Conrad von Meding
Viel Verkehr auf der Kreuzung Marienstraße/Sallstraße – bald soll er besser fließen. Quelle: Surrey
Hannover

Vor einem Jahr hatte Hannover sich gegenüber dem Land verpflichtet, aus Umweltgründen den Autoverkehr „zu verflüssigen“, damit an roten Ampeln nicht so viele Schadstoffe aus den Auspuffen geblasen werden. Trotzdem wird es auch künftig keine klassische grüne Welle auf Hauptverkehrsstraßen geben. „Wir haben etwas Besseres entwickelt“, frohlockte Oberbürgermeister Stephan Weil. Mithilfe einer neu konzipierten „dynamischen Pulksteuerung“ sollen die Autoströme zumindest zwischen großen Kreuzungen freie Fahrt erhalten, statt ständig vor Fußgängerampeln und an Kleinkreuzungen ausgebremst zu werden. Testgebiet soll die Marienstraße werden, dort und in Teilen der Sallstraße wird in diesem Jahr die neue Technik programmiert. Glaubt man den aufwendigen Computersimulationen, die das Ingenieurbüro Schnüll Haller Partner (SHP) entwickelt hat und die die HAZ heute exklusiv im Internet zeigt, dann reduziert sich die Zahl der Ampelstopps zwischen Pferdeturm und Aegidientorplatz in Spitzenzeiten um 24 Prozent, die Fahrzeit auf der Strecke um 26 Sekunden.

Im besonders von Schadstoffen belasteten Abschnitt zwischen Braunschweiger Platz und Aegi sollen sich die von Motoren bedingten Feinstäube um sechs Prozent, die Stickoxide um 4,6 Prozent verringern. Möglich seien solch gute Werte, weil ein ausgefeiltes Computersystem Autogruppen („Pulks“) erkenne und die Ampelschaltungen flexibel an das Fahrverhalten dieser Pulks anpasse, sagt Hannovers Verkehrsplanerin Elke von Zadel. Mit dem starren System einer grünen Welle, das immer nur in einer Fahrtrichtung funktioniere, hätte die Fahrzeitverkürzung nur drei statt 26 Sekunden betragen, heißt es in der Expertise der Ingenieure. Ampeln und Schaltkästen müssten nicht erneuert werden, betont Baudezernent Uwe Bodemann, nur einige Induktionsschleifen im Boden müssten gelegt oder erneuert werden: „Deshalb ist die Umstellung nicht sehr teuer.“ Rund 50?000 Euro sind für den Bereich Marienstraße/Hans-Böckler-Allee sowie Sallstraße/Stresemann-allee veranschlagt. Im nächsten Jahr sollen die Podbi und dann bis Ende 2014 auch die Fössestraße, die Bornumer Straße sowie der Straßenzug Lavesallee/Ritter-Brüning-Straße mit „dynamischer Pulksteuerung“ ausgestattet werden. Das scheint auch dringend nötig. Umweltdezernent Hans Mönninghoff berichtete vor Ratspolitikern, dass Hannover die EU-Vorgaben zur Luftreinheit weiterhin „erheblich überschreitet“.

Das Land werde nächste Woche Zahlen vorlegen. Grob gesagt betrage der Stickoxidgehalt in den kritischen Straßen 50 bis 60 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft – erlaubt seien aber nur 40 Mikrogramm. Die Umweltzone habe „fünf bis sechs Prozent Reduzierung gebracht“, sagt Mönninghoff. Daher sei man auf eine weitere Reduzierung durch verbesserte Ampelschaltungen angewiesen. Die Übergangsfrist für Hannover läuft Ende 2012 aus, Mönninghoff kündigte an, eine Verlängerung bis 2015 zu beantragen. Überschreitet Hannover dann weiter die Grenzwerte, drohen heftige Bußgelder.

In der ersten Computersimulation lässt sich erkennen, wie mehrere Autos als Pulk vom Aegi aus in die Marienstraße einbiegen. Die "dynamische Pulksteuerung" schaltet ihnen grüne Ampelsignale an den beiden ersten Fußgängerampeln. Am nächsten großen Knotenpunkt - der Kreuzung Sallstraße/Berliner Allee - wäre die erste Unterbrechung der grünen Welle möglich. Zufällig gibt es in dieser Simulation aber auch an diesem Knotenpunkt weiter grün. Die Grünpasen an den beiden kleinen Ampelanlagen Stadtstraße und Am Südbahnhof wiederum sind planmäßig gesteuert, aber am nächsten großen Knotenpunkt, dem Braunschweiger Platz, kommt der Pulk dann tatsächlich zu Stehen. Danach gibt es wieder freie Fahrt bis zum Pferdeturm. (Simulation: SHP-Ingenieure Hannover im Auftrag der Stadt Hannover)

In der zweiten Computersimulation lässt sich erkennen, wie mehrere Autos als Pulk von der Kreuzung Marienstraße/Berliner Allee in die Sallstraße starten. Der Pulk erhält, wenn alles funktioniert, durchgehend grüne Signale bis zur Kreuzung Geibelstraße - dort ist er Zählungen zufolge ohnehin weitgehend zerfallen durch Abbiege- und Einmündungsverkehr. Bitte nicht wundern: Die Simulationen laufen etwas beschleunigt, in Wahrheit fahren Autos und Radfahrer langsamer. (Simulation: SHP-Ingenieure Hannover im Auftrag der Stadt Hannover)

Autos, pulkweise

Morgens stauen sich in der Marienstraße die Blechlawinen Richtung Innenstadt, abends Richtung Pferdeturm – und auch zwischendurch ist die Einfallstraße oft genug verstopft. Weil auch die Schadstoffwerte viel zu hoch sind und die Stadt von EU und Landesregierung zum Handeln gezwungen ist, soll jetzt exemplarisch in der Marienstraße sowie angrenzenden Bereichen eine neue Ampeltechnik ausprobiert werden. Keine grüne Welle – der Name ist seit Jahrzehnten Kampfbegriff zwischen rot-grüner Rathausmehrheit und Ratsopposition –, sondern eine „dynamische Pulk­steuerung“, die immerhin zwischen vier Knotenpunkten eine Art grüne Welle fabriziert.

Fragen und Antworten zur neuen Technik: 

Was ist die dynamische Pulksteuerung?

Die klassische grüne Welle funktioniert so, dass eine Autokolonne in der Hauptfahrtrichtung immer ein grünes Ampelsignal erhält, wenn die Autofahrer sich an ein bestimmtes Tempo halten. Problem: Grüne Wellen basieren in der Regel auf sehr starren Signalsteuerungen, sie funktionieren nur in einer Fahrtrichtung, und wenn sich an Knotenpunkten zwei größere Straßen kreuzen, sind sie gänzlich überfordert. Verkehrstechniker experimentieren daher seit Jahren mit flexiblen Steuersystemen. Im Bereich der Hildesheimer Straße war eine derartige Hightechschaltung kürzlich als Uni-Forschungsprojekt vom deutschen „Ampelpapst“ Bernhard Friedrich probiert worden, hat aber die Erwartungen auch nicht erfüllt. Jetzt geht Hannovers Verkehrsverwaltung mit zwei Ingenieurbüros einen neuen Weg. Der Name „dynamische Pulksteuerung“ ist zwar nicht so griffig wie grüne Welle, wie aber das Ergebnis wird, können die Verkehrsteilnehmer spätestens zum Jahresende beurteilen.

Wie viele Autos sind ein Pulk?

Wenn nachmittags die Autokolonnen vom Aegi kommen, bewegen sie sich, getaktet durch die vorgelagerten Ampeln, in Pulks. Die Sensortechnik in der Marienstraße soll so eingestellt sein, dass sie Autogruppen ab vier Fahrzeugen als Pulk identifiziert und dann die nächsten Ampeln auf freie Fahrt schaltet – zumindest die Fußgängerampeln und die Signale an kleinen Kreuzungen. 

Wie funktioniert das?

Auch wenn man das als Autofahrer bisweilen bezweifelt: Die Verkehrssteuertechnik in Hannover ist auf einem überdurchschnittlich guten Stand. Überall sind Induktionsschleifen im Straßenbelag, die messen, wo sich wie viele Autos bewegen. Vor wenigen Jahren, als auffiel, dass viele Schleifen kaputt waren, begann die Stadt, auf Sensorkameras zu setzen, die auf Ampelmasten geschraubt wurden. Das war allerdings ein Flop, wie beiläufig bekannt wurde: Viele Geräte versagen bei Schlechtwetter oder arbeiten zu unzuverlässig. Die Stadt präferiert jetzt doch wieder die Schleifen im Boden, will aber mit einem besseren Management schneller erkennen, wenn Schleifen ausfallen. Zusätzlich sollen bald auch Radarkameras zur Verkehrsmengenerfassung ausprobiert werden.

Was ist mit Nebenstraßen?

Mithilfe der Daten aus Schleifen, Kameras und Radargeräten ermitteln Computer, wo sich welcher Pulk wie schnell bewegt. Damit wissen sie auch, wo sich kein Pulk bewegt – und können dann flexibel den Verkehr aus den Nebenstraßen bevorzugen. Wegen dieser Flexibilität, sagen die Verkehrsplaner, sei die „dynamische Pulksteuerung“ der grünen Welle überlegen. Der Simulation zufolge profitiert der Einmündungsverkehr sogar umso mehr, denn die zuweilen langen Wartezeiten an Einmündungen sollen sich reduzieren. Nach Angaben von Verkehrsplanerin Elke von Zadel liegt die bisher unbefriedigende Situation aber auch daran, dass die Vorrangschaltungen für den öffentlichen Nahverkehr teilweise schlecht geschaltet sind. Die Busse an der Kreuzung von Sall- und Lutherstraße etwa bekommen viel zu früh grünes Licht – und blockieren dann während des Ein- und Aussteigevorgangs drei von vier Fahrtrichtungen.

Wieso bleiben einige Ampeln rot?

Die neue Freizügigkeit für Autopulks gilt aber nur an sogenannten untergeordneten Ampeln, also an Fußgängerüberwegen oder kleinen Kreuzungen. Fünf derartiger Kreuzungen sind es auf dem Abschnitt zwischen Aegi und Pferdeturmkreuzung. An den vier großen Knotenpunkten dieses Abschnitts – Aegi, Kreuzung Sallstraße, Braunschweiger Platz und Pferdeturm – treffen so viele große Verkehrsströme aufeinander, dass die Steuertechnik keine gesonderten Grünphasen schalten kann.

Was ist bei Überlastung?

Ohnehin gilt: Wenn zu viele Autos die Marienstraße überlasten, schaltet die Technik auf ein starres Standardsystem um. Neu soll aber sein: Es gibt maximale Wartezeiten. 90 bis maximal 120 Sekunden soll ein vollständiger Ampelumlauf von Grün bis Grün dauern.

Und andere Verkehrsteilnehmer?

Glaubt man der Analyse der hannoverschen Verkehrsingenieure Schnüll Haller Partner (SHP), dann müssen Busse und Bahnen teilweise minimale Abstriche im Verkehrsfluss in Kauf nehmen, während Fußgänger und Radfahrer teilweise erheblich profitieren.

Was kostet das Projekt?

Rund 50.000 Euro soll die Umrüstung für Marienstraße/Hans-Böckler-Allee sowie Sallstraße/Stresemannallee kosten. Bis auf den Nordteil der Sallstraße, der bis 2013 umgebaut wird, soll alles 2012 fertig sein.

Welche Straßen folgen?

Vier Straßenzüge waren ohnehin schon im städtischen Projekt Ampeloptimierung, wobei bisher die Schadstoffreduktion keine eigene Rolle spielte: Langenforther Straße/Eulenkamp/Klingerstraße/Karl-Wiechert-Allee, Hildesheimer Straße, Innenstadtring und Vahrenwalder Straße. Jetzt sollen nach Marienstraße/Sallstraße noch die Podbielski- und Fössestraße, die Bornumer Straße und der Straßenzug Lavesallee/Ritter-Brüning-Straße folgen. Ab 2015 seien weitere Streckenzüge denkbar, wenn sich das System bewähre, sagte Oberbürgermeister Stephan Weil, etwa Schulenburger Landstraße, Kirchröder Straße, Bischofsholer Damm oder der Sahlkamp.

Was sagen die Politiker?

Sogar die Opposition fand gute Worte für das Projekt – kein Wunder, fordern doch CDU und FDP seit Jahren Verbesserungen für den Autoverkehr. „Erfreulich, dass die Verwaltung sich hat belehren lassen“, sagte CDU-Verkehrspolitiker Felix Blaschzyk. FDP-Fraktionschef Wilfried Engelke sprach von einem „Fortschritt und großem Hoffnungsschimmer – auch für die Anwohner an Kreuzungen“.

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