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Aus der Stadt Neue Details im Missbrauchsfall an BBS
Hannover Aus der Stadt Neue Details im Missbrauchsfall an BBS
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00:15 13.05.2015
Von Gabriele Schulte
An der Multi-Media-BBS soll ein Lehrer Schüler bedrängt haben.  Quelle: Eberstein
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Hannover

Schüler und deren Eltern üben scharfe Kritik an der Multi Media Berufsbildenden Schule (MMBBS) wegen der aus ihrer Sicht falschen Reaktion auf die Missbrauchsvorwürfe gegen einen Lehrer. Zudem haben die betroffenen Jungen und Eltern gegenüber der HAZ weitere erschreckende Details des Fehlverhaltens von dem Pädagogen geschildert. „Eine Informationsveranstaltung zum Thema mussten wir in Eigenregie organisieren, von der Schule kam nichts“, sagt eine Mutter.

Auch habe der Schulleiter erst mit mehrmonatiger Verspätung gegenüber Jungen, die sich an ihn wandten, Worte des Bedauerns geäußert. Die Gruppe von vier 17- bis 21-Jährigen und ihren Eltern, die sich seit einem Jahr bei der auf sexuelle Gewalt gegen Jungen spezialisierten Beratungsstelle „Anstoß“ trifft, vermisst zudem ein vorbeugendes Sicherheitskonzept.

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Übergriffe im Fahrstuhl und auf Schulfahrten

Kürzlich hatte die Staatsanwaltschaft bestätigt, dass sie gegen einen 62-jährigen Lehrer ermittelt, der seit den ersten Anzeigen gegen ihn im Frühjahr 2014 nicht mehr in der BBS an der Expo-Plaza arbeitet. Vorgeworfen wird dem Ausbilder sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen. Er soll Jungen im Alter von 16 bis 20 Jahren über lange Zeit immer wieder bedrängt haben.

Die Betroffenen berichten von Küssen im Fahrstuhl und Massagen auch im Intimbereich. Oft habe sie der Kursleiter, der sich duzen ließ, in seine Wohnung bestellt, auch zum Übernachten. Minderjährigen habe er in seinem Auto das Fahren beigebracht und sie dabei angefasst. Einzelne habe er zu angeblichen Schulfahrten oder Belohnungsreisen nach Berlin und Monaco mitgenommen, wo er mit ihnen ein Doppelbett teilte.
„Wenn man auf Distanz gehen wollte, wies er darauf hin, dass die wenigen Ausbildungsplätze von der Freundschaft mit ihm abhängen“, erzählt ein Schüler.

Schule lässt Schüler alleine

Die Schule habe sie mit ihren Problemen allein gelassen, berichten die Gruppenmitglieder übereinstimmend. Die Jungen führen das auf die engen persönlichen Beziehungen in der Lehrerschaft zurück. Sowohl der Schulleiter als auch die Vertrauenslehrerin seien mit dem Beschuldigten eng befreundet gewesen. „In diesem Spinnennetz waren wir Störenfriede“, sagt einer der Jungen. Erst nachdem die Ermittlungen öffentlich geworden waren, habe die Schulleitung angekündigt, das Thema demnächst in Veranstaltungen für Lehrer und Schüler behandeln zu wollen. Zuvor sei den Betroffenen noch empfohlen worden, sich nicht öffentlich zu äußern. „Dabei ist es für uns sehr befreiend, dass die Sache endlich ans Licht gekommen ist“, sagt einer Jungen.

Eine Sprecherin der Landesschulbehörde begründete auf Anfrage die Zurückhaltung der BBS damit, dass andere Betroffene diesen Wunsch gegenüber Schulpsychologen geäußert hätten. Dagegen hält Sozialpsychologe Georg Fiedeler von der Beratungsstelle „Anstoß“ es für wichtig, dass unabhängig vom Stand des juristischen Verfahrens Schulleitungen grundsätzlich eine unterstützende Haltung gegenüber den mutmaßlichen Opfern einnehmen. „Sie sollten sich deutlich gegen sexuellen Missbrauch positionieren.“

Nach dem Bekanntwerden der Missbrauchsfälle an der hessischen Odenwaldschule waren alle niedersächsischen Schulen von der Regierung angewiesen worden, ein Sicherheitskonzept und einen Verhaltenskodex zum Thema „Nähe und Distanz“ zu entwickeln.

Die von Fiedeler betreute Gruppe erhofft sich von ihrem Weg in die Öffentlichkeit vor allem eins: Weitere – bisher nicht bekannte – Opfer könnten den Schritt wagen und mit ihnen gemeinsam die belastenden Geschehnisse verarbeiten.     

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