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Aus der Stadt Das sind Hannovers letzte Geheimnisse
Hannover Aus der Stadt Das sind Hannovers letzte Geheimnisse
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00:16 03.11.2015
Jochen Winkler sitzt auf einem der Krokodile an der Lindemannallee 19.  Quelle: Kutter/M
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Was hat es etwa mit den Eisenschienen auf sich, die spitz aufeinander zulaufend in der Düsternstraße liegen? Was bedeutet die Fratze am Alten Rathaus? Und was sagen die Steinmetzzeichen in der Kreuzkirche aus? Für das neue HAZ-Buch „Hannoversche Geheimnisse“ haben die Autoren Eva-Maria Bast und Ekkehard Oehler-Austin 50 Geschichten gesammelt. Die HAZ-Redaktion stellt einige Geheimnisse als Serie vor.

Kennen Sie die Geschichte der Maschsee-Krokodile?

Krokodile in Hannover? Im Zoo gibt’s keine. Im Maschsee höchstwahrscheinlich auch nicht. Umso überraschter ist der Passant, der im Stadtteil Bult die Lindemannallee entlangschlendert und völlig unerwartet im Vorgarten eines zehnstöckigen Plattenbaus zwei steinerne Krokodile von etwa drei Metern Länge entdeckt. Und während man verwundert innehält, fällt der Blick auf weitere Eigentümlichkeiten: Rechts auf dem Rasen sind dicke, abgebrochene Säulen zu einem Haufen arrangiert, weiter hinten steht ein Sockel, und auf dem Dach hat jemand in regelmäßigen Abständen historisch wirkende Vasen und Putten aufgestellt. Das ganze Gelände ist voll von steinernen Artefakten. Die ästhetische Diskrepanz zwischen dem schmucklosen Mietshaus für 80 Parteien und den alten Kunstwerken ist irritierend. Das fand auch Hobbyhistoriker Jochen Winkler, als er vor Jahren die beiden Reptilien entdeckte. Er begann, über die Herkunft der Tiere nachzuforschen.

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Zunächst stieß er bei seinen Recherchen auf den Eigentümer der Mietwohnungen, Erich Cordes. Bekannt ist über diesen Mann nicht viel, nur, dass er das Gebäude selbst bewohnte und in den frühen Siebzigerjahren begann, regelmäßig Kunst zu erwerben. Erich Cordes, das fand Winkler schnell heraus, hatte die Krokodile bei der Erbin eines Mannes namens Georg Greiser aus dessen Kunstsammlung erworben. „Und dieser“, meint Winkler, „ist die eigentlich interessante Figur in der Geschichte.“

Georg Greiser war ein hannoverscher Unternehmer, der hauptsächlich im Bereich der Erdölgewinnung tätig war. Er wohnte im Umland von Hannover, erst in Dollbergen und dann in Uetze. Greiser war ein Pionier in Sachen Gartenbau; er betrieb ökologische Landwirtschaft, bevor es diesen Begriff überhaupt gab. „Ein früher Grüner!“, sagt Winkler. „Einer, der bereits über die Nutzung von Sonnenenergie nachgedacht und seinen Garten nach den neuesten Erkenntnissen gestaltet hat.“ Aber nicht nur nützlich sollten seine Grundstücke sein, sondern auch schön, und so kaufte Greiser Skulpturen. Im Falle der Krokodile allerdings erwarb er zunächst nur die Entwürfe und ließ die Kriechtiere auf seinem Grundstück in Dollbergen herstellen. Sie waren nämlich für den 1936 angelegten Maschsee gedacht. Die Stadt Hannover hatte für einige markante Stellen am Seeufer Ausschreibungen gemacht und in einer Art Ideenwettbewerb die ihr genehmsten Kunstwerke ausgewählt. Im vorliegenden Falle gewann nicht der Bildhauer Peter Schumacher mit seinen Krokodilen, sondern der renommiertere Arno Breker mit seinen stilisierten Löwen. Die stehen jetzt an der bekannten Löwenbastion, die offenbar um ein Haar Krokodilbastion geheißen hätte.

Georg Greiser gefielen die Reptilien aber, und so beauftragte er Schumacher, die steinernen Tiere für ihn herzustellen. Nach Greisers Tod verkaufte seine Erbin die Tierchen 1965 an den Immobilienbesitzer Erich Cordes, der sie vor sein Hochhaus an der Lindemannallee setzen ließ.

 Ekkehard Oehler-Austin

Das Geheimnisbuch ist in den HAZ-Geschäftsstellen und im Buchhandel erhältlich. Es kostet 14,90 Euro und kann auch online unter shop.haz.de erworben werden. 

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