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Aus der Stadt Brauchen wir einen neuen Feiertag? Das denken die Leser
Hannover Aus der Stadt Brauchen wir einen neuen Feiertag? Das denken die Leser
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12:54 09.01.2018
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Symbolbild Quelle: dpa
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(Die folgenden Texte sind Leserbriefen an die HAZ entnommen. Sie spiegeln nicht die Meinung der Redaktion wieder.)

Laizistische Haltung einnehmen

Zum Artikel „Schwere Bedenken gegen Weils Wunsch-Feiertag“ vom 5. Januar:

Es ist doch anachronistisch, im Jahr 2018 einen religiösen Feiertag einzuführen, wenn sich nur noch 56 Prozent der Bevölkerung zu einer christlichen Konfession bekennen und nur 27 Prozent evangelisch sind. Das von Ministerpräsident Stephan Weil gegebene Wahlversprechen ist unnütz wie ein Kropf, es dient ausschließlich der Beschwichtigung der Bevölkerung, indem man den Anschein erweckt, die Christen in den Vordergrund zu stellen. Soll etwa mit diesem Versprechen das „christliche Abendland gerettet“ werden?

Es ist nicht mehr zeitgemäß, religiöse Feiertage auszurufen, stattdessen sollte der Staat eine laizistische Haltung einnehmen. Dieses würde auch die Probleme mit anderen Religionen entschärfen, die versuchen, die Privilegien der christlich-jüdischen Glaubensgemeinschaften für sich zu beanspruchen. 
Michael Ellrott-Sendrowski, Hannover

Es riecht nach Populismus

Martin Luther zählt unzweifelhaft zu den Großen unter den deutschen Denkern. Er hat nicht nur eine auf Machtdenken reduzierte und unethisch gewordene Kirche reformiert, sondern letztlich ein altes und überkommenes Weltbild positiv verändert. Als Beispiel für religiöse Toleranz taugt der Theologieprofessor aus Wittenberg allerdings nicht. Es ist daher fragwürdig, ausgerechnet in der heutigen Zeit Luther als Anlass und Namensgeber für einen neuen landesweiten Feiertag zu wählen. Immerhin sind es in den letzten Jahrzehnten mehr denn je die Religionen, die als Auslöser und Verstärker sozialer und militärischer Konflikte fungieren. Wenn also in einem angeblich weltoffenen Bundesland mit säkularer Verfassung ein „typisch deutscher“ neuer Feiertag eingeführt werden soll, riecht einiges nach schlichtem Populismus!

Professor Ina Wunn, Hannover, Islamwissenschaftlerin

Reine Heuchelei

Die schlechteste aller Lösungen wäre der Reformationstag. Was „feiern“ die Menschen wirklich an diesem Tag? Halloween! Wenn dieser Tag nun noch Feiertag wird, dann wird dieser Unsinn nur heftiger. Meines Erachtens sollte es keinen neuen Feiertag geben. Besser wäre, man schaffte im Süden ein paar ab. In den neuen Bundesländern sind die Konfessionslosen zwar in der Überzahl, aber die christlichen Feiertage nehmen sie mit. Hier im Westen ist das nicht viel anders. Was für eine Heuchelei! 
Wolfgang Scheider, Hannover

„Tag der Aufklärung“ wäre besser

Die Bedenken der jüdischen Gemeinde verdienen es, weitergedacht zu werden: Warum muss es für die Annäherung an das süddeutsche Feiertagsvolumen unbedingt ein religiöser Feiertag sein? Mittlerweile kommt doch der Anteil von Atheisten und Agnostikern dem der in den Volkskirchen organisierten Menschen gleich. Wäre es da nicht naheliegend, über einen Feiertag der Aufklärung nachzudenken? Oder einen zum Andenken an herausragende niedersächsische Persönlichkeiten?

Um ein paar Möglichkeiten zu nennen: Wie wäre es mit einem „Tag der Aufklärung“ etwa am 22. April, dem Geburtstag des Philosophen Immanuel Kant? Am 14. November, dem Todestag des Universalgenies Gottfried Wilhelm Leibniz? Oder am 14. Oktober, dem Geburtstag der antitotalitären Denkerin Hannah Arendt? Mit dem Bezug auf solche Persönlichkeiten könnte sich Niedersachsen positiv abheben von der rückwärtsgewandten Dumpfbackigkeit der religionsbezogenen Gedenktage.

Jürgen Seeger, Hannover

Inhalt und Tonfall unangemessen

2017 haben viele Christen beider Konfessionen das 500-Jahre-Jubiläum der Reformation begangen und damit die Bedeutung dieses Ereignisses herausgestellt.Das kann Michael Fürst nicht entgangen sein. In diesem Zusammenhang steht die Ankündigung des Ministerpräsidenten, den Reformationstag ab 2018 wieder zum Feiertag zu widmen. Aber dann schreibt Fürst seinen Brandbrief an alle Abgeordneten! Der Tonfall ist absolut unangemessen, mehr aber noch der Inhalt. Herr Fürst muss sich erst mal mit den Umständen während der Zeit der Reformation befassen und deren Bedeutung für die christlichen Kirchen heute. Aber er hat nicht alles gut verstanden. 
Conrad Hauptmann, Hannover

Gesellschaftlichen Impuls setzen

Als Weltbürgerin, die religiöse Fragen gleichberechtigt neben anderen Menschheitsfragen betrachtet, wende ich mich ausdrücklich gegen das Vorhaben Weils, den geplanten Feiertag kirchlich (oder allgemein religiös) anzusetzen, zumal die Mehrheit unserer gesetzlichen Feiertage ohnehin kirchlich ist. Es gibt genügend andere wichtige gesellschaftliche Themen, derer man mit einem Gedenktag gedenken könnte – etwa den Tag der Menschenrechte, den internationalen Frauentag, einen Kinderrechte-, Verfassungs- oder Friedenstag. Hier könnte Niedersachsen einen gesellschaftspolitischen Impuls setzen. 
Monika Zoege, Hannover

Feiertag sollte säkular sein

Ich kann die jüdischen Gemeinden sehr gut verstehen, wenn sie nicht jedes Jahr an den Antisemiten Luther erinnert werden wollen. Auch den Katholiken ist zuzustimmen, denn mit der Reformation begann die Kirchenspaltung mit dem fürchterlichen Dreißigjährigen Krieg. Warum nicht den Vorschlag der Grünen aufgreifen, einen säkularen Feiertag einzuführen? Der 21. Juni bietet sich an, der Welthumanisten-Tag, der in Berlin bereits Feiertag ist. Dieses Datum hat den Vorteil, dass der Feiertag gelegentlich in die Sommerferien fällt, was die FDP zufriedenstellen dürfte. Durch diesen Tag würde auch deutlich gemacht, dass wir nicht in einem Gottesstaat leben, sondern in einem säkularen Land. 
Hans-Jörg Jacobsen, Garbsen

Den 8. Mai würdigen

Die unseligen Debatten über einen zusätzlichen Feiertag sollten weder wirtschaftlich noch religiös geprägt sein. Religion und Politik gehören getrennt, auch an wirtschaftspolitischen Keulen reicht es. Der wichtigste Tag in meinem Leben, für Deutschland, für Europa, für die Welt war der Sieg über das verbrecherische Nazi-Regime und dessen Kapitulation am 8. Mai 1945. Ich bin jedes Jahr erneut fassungslos, dass dieser Tag nicht entsprechend gewürdigt wird. Viele wollten es damals nicht wahrhaben, die Diskutanten heute können sich nicht mehr vorstellen, welches Glück das für Deutschland, Europa und letztendlich für die Welt bedeutet hat und immer noch bedeutet. Aufkeimendes rechtsnationales Streben sollte den Sozialdemokraten Weil, vor allem aber den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Fürst leiten, diesen Tag zu ehren. 
Horst Meschke, Hannover

Buß- und Bettag ist unbelastet

Zum Leitartikel „Nicht mit der Brechstange“ vom 5. Januar:

Die kritische Haltung von Michael Fürst erscheint durchaus verständlich unter dem Gesichtspunkt, dass Luther im vorgerücktem Alter „Hasspredigten“ gegen Juden verfasste. Wer das bis dahin nicht wusste, hat das im Lutherjahr 2017 erfahren. Abgesehen davon hat Luther viel für unsere Sprache getan,seine Gedanken wurden in der Zeit der Aufklärung wieder sichtbar.

Für den „unbelasteten“ Buß-und Bettag, der der Finanzierung der Pflegeversicherung zum Opfer fiel, sprechen ebenfalls Gründe. Er ist neben Karfreitag für evangelische Christen ein hochrangiger Feiertag. Und er liegt auf dem Mittwoch zwischen Volkstrauertag und Totensonntag, fällt somit nie in ein Wochenende. Das wäre gut zum „Urlaubsbrückenbauen“ in einem Land, das zwischen Hessen und Nordrhein-Westfalen liegt und weder Fronleichnam noch Allerheiligen als Feiertag hat. 
Dr. Heidi Weidemann, Hannover